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besuchte seine noch glücklicheren Freunde oft. Siegwart sah die Freuden seiner Lieben mit der reinsten Freude, und der innigsten Empfindung. Er fand hier, dass das Glück noch nicht ganz aus der Welt entflohen ist, und dass Lieb und Zärtlichkeit, wenn sie Einmal glücklich machen, unaussprechlich glücklich machen können. Er hob sein auge zum Himmel auf und dankte; aber wenn er wieder auf die Welt und sich herabsah; wenn er auf seinen Zustand und die Bahn der Leiden blickte, die er schon zurückgelegt hatte, und auch jetzt noch immer wandelte; ach, dann floss die Träne der Wehmut, die er nicht verbergen konnte, und doch wollt er sie verbergen, um die Quelle der Seligkeit, aus der seine Lieben tranken, nicht zu trüben. Darum kehrte er oft wieder auf dem Weg um, wenn ihn sein Herz schon zu seinen Freunden führen wollte; denn er sahs, sein Anblick, sein eingefallenes Gesicht, sein trübes Auge machte seine Freunde traurig. Er wollte allein unglücklich sein. Seine Freuden hätt er gern mit andern geteilt, aber nicht seine Leiden.

Nur mit seinem lieben Anton weinte er zuweilen, weil ihn dieser selbst zu Tränen aufrief, und gern in die Vergangenheit, die für ihn auch traurig war, zurückblickte. Einmal gingen sie an einem schwülen Sommernachmittag im Garten. Zur Linken türmte sich schon ein Gewitter auf, das in weissgrauen Wolken daher schwebte, und alle andre Wölkchen an sich zog. Zuweilen sah man schon einen blassen Blitz den fernen Wetterschwall teilen, und ein Donner murmelte am fernen Gebirg hinab. Die Sonne schien matt und schwül. Die Luft stand ganz still, und kein Blatt bewegte sich. Die Vögel, die das nahe Gewitter fühlten, hüpften ängstlich von Zweig zu Zweig, und wagtens kaum, einen schwachen laut zu geben. Anton und Siegwart sahen eine Zeitlang stillschweigend in das, sich langsam fortwälzende Gewitter; Gott gebe, sagten sie, dass es keinen Hagel mitbringt! und dann gingen sie, um der Schwüle auszuweichen, in eine kühle Grotte, die in dem kleinen Tannenwäldchen angelegt war. P. Anton, den die Hitze, und das Alter niederdrückten, schlummerte etwas ein. Siegwart setzte sich leise an den Eingang der Grotte, sah zuweilen nach dem Gewitter; dann kehrte er sich wieder um, und betrachtete mit stiller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen den redlichen silberhaarichten Greis, der, ohne Furcht vor dem nahenden Gewitter, ruhig schlummerte. Plötzlich riss sich das Gewitter, das bisher wie angeheftet über einem Wald geschwebt hatte, los; die Sonne ward verfinstert, und rings umher im Tannenwäldchen ward es finster. Siegwart weckte den P. Anton auf; sie wollten nach dem Kloster eilen, aber durch die Tannen fuhr ein Sturm daher, der sie auszureissen drohte; der Staub kreiste sich in wilden Wirbeln vor ihnen, und sie flohen wieder in die Grotte zurück; einzelne und starke Regentropfen fielen. Ein Blitz teilte die Dunkelheit, der die Beiden fast blendete; ein plötzlicher starker Donner folgte drauf, dass die Grotte zitterte, und nun ergoss sich ein starker Regen, der beinah einem Wolkenbruch glich. Das Gewitter daurte eine Viertelstunde lang; die ganze natur schien im Aufruhr, der Sturm bog die Tannenwipfel; eine schlanke Tanne brach mit grossem Krachen mitten entzwei, und zwischen dem Getös brauste der Donner ununterbrochen fort. Die beiden Mönche lagen auf den Knien, schlugen sich an die Brust, und beteten. Endlich wards wieder etwas still; die Wolken hatten ausgeregnet und zerteilten sich; ein blasser Schimmer brach zur Linken durch das Gewölk. Endlich stralte die Sonne wieder etwas hervor, und das Gewitter zog sich zur Rechten schwer und fürchterlich weiter.

Als der Regen aufhörte, gingen P. Anton und Siegwart aus der Grotte. Anton hub seine Augen glänzend gegen Himmel; sein ganzes heitres Angesicht sprach Dank und Freude. Wie nun alles so schön und froh ist, fing er an, nach dem Gewitter! Vorher konnte man in der Luft kaum atmen; nun ist es einem so leicht, und man zieht nichts als Blumendüfte und liebliche Gerüche ein. Sieh den Regenbogen dort, den Zeugen von der Huld des Allbarmherzigen. Alles um uns her ist nun so frisch, und einer neuen Schöpfung gleich. Wie das Gras so hell ist, und die tausend Regentropfen auf den Blättern, und die Sonne drinn, und alle Farben! Und der liebliche Gesang der Vögel, wie er nun so hell tönt! Ach, mein lieber Siegwart, immer denke ich da an unser Schicksal, wie es auch oft um und in dem Menschen stürmt, und doch ein Ende nimmt, und wieder heiter wird. Es geht beim Menschen zu, wie's in der natur zugeht; Sturm und Regen, Sonnenschein und Ruh; und Ruh ist immer doch das letzte; denn Gott hat uns lieb, und will uns glücklich; und das Glück der Ruhe fühlt man nach dem Sturm am besten. – Das fühlt' ich eben auch, teurer Vater, fiel ihm Siegwart ein. Eben dachte ich an mein Schicksal, dass es bisher wild in mir gestürmt hat, und ein Ende nehmen wird. Hat uns Gott doch selber Ruh in jener Ewigkeit verheissen, und ich fühl es, dass ich bald zu ihr eingehen werde. So hell und zuversichtlich hab ich nie noch hinübergeblickt, wie heute. Anton schwieg, und wollte ihn in seinen wehmütigen Gedanken nicht stören.

Indem sie so in Betrachtungen