im Leiden ermunterte, so war sein eigenes Beispiel die beste Aufmunterung und Lehre, denn er war, bei seinem abgezehrten, matten Körper immer heiter, wenn er mit den Leuten sprach, und seufzete bloss in der Stille.
War er allein, so war der Gedanke an den Tod und an seine Mariane sein beständiger Gefährte. Wenn er über eine Wiese ging, so dachte er mit sehnsucht: Vielleicht sehe ich diesen Ort zum letztenmal; wenn er einem Sterbenden die letzte Oelung gab, so dachte er: O der glückliche! Er kommt zu Gott, bei dem meine Mariane ist. möchte ich doch mit ihm mich hinlegen und sterben! Ganze Stunden lang hieng sein auge am stillen melancholischen Mond. Seine Phantasie überredete ihn, Marianens Seele sei im Mond; dieser Gedanke ward ihm oft Gewissheit, und er schwang sich auf den Flügeln seiner Schwärmerei in den Mond hinauf, und vergass darüber Welt und alle Leiden, hielt lange gespräche mit seinem lieben Mädchen, und sah oft erst spät hernach zu seinem Verdruss seine Täuschung ein, und dass er noch auf der Welt sei. Dann schrieb er wieder Gedichte, oder kleine Aufsätze an sie nieder.
Unter den wenigen Büchern, die er sich' auf der Bibliotek ausgesucht hatte, war ihm keins lieber, als eine lateinische Bibel. Darin, und besonders im neuen Testament las er unaufhörlich. Als er fand, dass die Religion Jesu in ihrer Quelle so ausserordentlich rein und einfach ist, und sie mit der Art verglich, wie sie heutzutage bei den Katoliken gelehrt und ausgeübt wird, da stiegen ihm wegen der vielen Menschensatzungen und willkührlichen eigenmächtigen Zusätze viele Zweifel und Bedenklichkeiten auf, mit denen er lang zu kämpfen hatte, eh er sich etwas beruhigen konnte. Endlich dachte er, wenn ich nur bloss auf die Ausübung der Religion nach dem Sinn Christi dringe, und die Zusätze der Kirche stillschweigend gelten lasse, ohne sie für göttliche Satzung auszugeben, so kann ich ja doch mehr Nutzen stiften, als wenn ich mich dem reissenden Strom widersetze; denn sonst würde man sich mir wieder entgegensetzen, oder mich gar verketzern, und dann wäre mir aller Weg, Gutes zu tun, abgeschnitten. Mit diesen, und ähnlichen Betrachtungen beruhigte er sich wieder; aber doch stiegen ihm in ernstaften Stunden des Nachdenkens oft wieder neue Gewissenszweifel auf, die ihn oft so ängstigten, dass er nicht wuste, was er tun sollte, und oft den dunkeln Gedanken bei sich spürte, zu den Protestanten überzugehen. Aber teils kannte er die Lehrsätze dieser Kirche nicht genug, teils hielt er es auch nach seinen Begriffen für strafbar, die väterliche Lehre, in der er gebohren und erzogen war, abzuschwören, und unter seinen Brüdern ein Aergernis zu stiften, da er ohnedies nur noch eine kurze Zeit, die er zu leben hatte, vor sich sah. Er wagte es auch nicht, seine Zweifel irgend einem Menschen, auch nicht einmal seinem lieben P. Anton vorzutragen.
Sonst aber war er viel bei diesem teuren Mann, der alles auf ihn hielt, und ihn durch seine Freundschaft soviel aufzuheitern suchte, als möglich. Diese achtung, die der Guardian ihm, als einem noch so jungen Pater erwies, lud ihm den Neid und Hass fast aller andern Paters auf den Hals. Sie stichelten auf ihn bei aller gelegenheit; sie sassen oft beisammen und machten allerlei Kabalen gegen ihn; andre schmeichelten ihm, und glaubten durch seinen Fürspruch die Gunst des Guardian zu gewinnen; heimlich waren sie aber doch seine Feinde, und machten ihm hinterrücks tausenderlei Verdruss. Siegwart merkte dieses wohl; weil er aber sich seiner Unschuld bewusst war, so blieb er darüber ruhig, und vergalt seinen Brüdern ihre boshaften Künste mit Freundschaft und ungeheuchelter Liebe.
Der zweite Winter und der Frühling waren ihm nun auch dahin geschlichen. Seine Traurigkeit um Marianen war nun eine stille Melancholie geworden, die ihn zwar nie verliess, die aber doch unmerklicher geworden war, und seltner in laute Klagen ausbrach. Er trug den Tod in seinem Busen, wo er, wie der Wurm in einer Rose, immer weiter um sich frass. Seine Kräfte nahmen allmählich ab; nur seine strenge Diät, und die, immer einförmige Lebensart erhielten noch den Körper aufrecht, dass er nicht auf Einmal hinsank. Noch ein paarmal war er bei seinem Kronhelm und bei seiner Terese gewesen. Die beiden lieben Seelen waren ausserordentlich glücklich. Terese hatte ihrem Kronhelm nun auch noch ein Mädchen, das ihr Ebenbild war, und auch Terese hiess, gebohren. Der kleine Wilhelm fing schon an, Worte zu stammeln, und machte durch seine Liebkosungen, und durch seine unschuldige fragen seinen Eltern tausend Freude. Kronhelm und Terese liebten sich noch wie am ersten Tage ihrer Verbindung. Zwei reine Herzen können einander niemals überdrüssig werden. Ihre Tugend nimmt täglich zu, zeigt sich täglich von einer neuen Seite, und Tugend ist ein Quell unaufhörlicher Freuden. Die beiden Eheleute waren unerschöpflich an Erfindungen, die ihnen täglich neue Vergnügungen brachten. Sie machten ihre Untertanen und alle Leute um sich her glücklich, und wurden zum Dank von ihnen aufs zärtlichste geliebt. Wohltun und geliebt werden ist das Gegengift aller Unzufriedenheit und alles Misvergnügens. Der Garten und das Schloss ward jedes Jahr verschönert, und die Gegend umher verwandelte sich nach und nach durch den Fleiss ihrer Bewohner, durch die Gütigkeit ihres Besitzers, und durch den Segen, den der Himmel über sie herabgoss, in ein Paradies. Rotfels war mit seiner Frau auch glücklich, und