Tisch, es seien dahin auch vier Nonnen von den verunglückten gekommen, von denen zwo bei dem Brand vielen Schaden gelitten haben. Er schilderte ihren Schrecken, der noch immer fortdaure, sehr rührend, und beschrieb die Nonnen, deren eine noch sehr jung und äusserst schwermütig sei. Bei dieser Beschreibung stellte sich unserm Siegwart das Bild seiner lieben verstorbnen Mariane wieder so lebhaft vor Augen, dass er in Gegenwart der Paters zu weinen anfieng, und so sehr vom Schmerz ergriffen wurde, dass er, um sein geheimnis zu verbergen, unter dem Vorwand einer plötzlichen Uebelkeit von Tische wegging, sich in seiner Zelle niederlegte, und seinen Tränen freien Lauf liess. Etlich Tage lang konnte er nicht ruhig beten; seine Gedanken waren immerdar zerstreut; Marianens Bildniss folgte ihm aller Orten nach, und stellte sich ihm fast jede Nacht im Traum vor. Erst nach etlich Wochen bekam er seine vorige Ruhe wieder.
Sein Probejahr war schon beinah zu Ende, als der Guardian starb, und das Klosterkonvent fast einmütig den rechtschaffnen Pater Anton zu seinem Vorsteher und Guardian erwählte. Der brave Mann nahm diese Ehre am Ende seiner Tage ungern an. Er hätte lieber seine noch wenigen Tage in der Stille beschlossen, aber das Zureden seiner Mitbrüder überwand endlich seine Bescheidenheit, und er nahm die Würde an, die er aufs treulichste, und ohne sein Betragen oder seine denkart im geringsten zu verändern, verwaltete.
Siegwart hätte sich nun sehr gut sein Schicksal erleichtern, und sich bei dem Guardian, der sein Freund, und noch mehr, sein zweiter Vater war, über die Strenge und Unbilligkeit seines Novizmeisters beschweren können; denn dieser stolze und fühllose Mann vermehrte seine Härte, je mehr sich das Probejahr seiner Untergebenen dem Ende nahte; aber Siegwart sagte kein Wort, und trug sein Schicksal mir Stille und Gelassenheit. Oft fragte ihn P. Anton, ob er mit seinem Zustand zufrieden sei, und sich über nichts zu beklagen habe? und allemal antwortete er, er sei mit jedermann ufrieden, und wünsche sich keinen bessern Zustand.
Am Ende seines Probejahrs legte er feierlich in der Kirche, zur Rührung aller Anwesenden, den Profess ab, bekam die Priesterweihe und die Tonsur, ward zum Pater aufgenommen, und trat, nachdem er seine erste Messe gelesen hatte, alle Verrichtungen eines Paters an.
Kronhelm und Rotfels waren bei der Einweihung mit zugegen, und wurden auch beim Mittagsessen behalten. Siegwart, dem das Feierliche der Handlung noch immer vor der Seele schwebte, sprach sehr wenig, und hatte fast beständig Tränen in den Augen. Seine beiden Freunde sahen ihn wehmütig an. Sein mattes, halberloschnes Auge, seine blasse Farbe, sein eingefallenes Gesicht, die Gleichgültigkeit, mit der er sogar sie betrachtete, weissagten ihnen seinen nahen Tod, und dass sie ihn vielleicht schon heute zum letztenmale sehen würden. Kronhelm, der einen ziemlichen teil seiner Jugend mit ihm zugebracht hatte, der ihn so ganz kannte, und es wusste, dass wenige Menschen in so hohem Grad verdienten glücklich zu sein wie er; und doch auch alle seine Leiden kannte, deren manche Menschen in ihrem ganzen langen Leben nicht den zwanzigsten teil davon erfahren, sass im düstersten Nachdenken da, schlug zuweilen seine Augen auf zum Himmel, unterdrückte einen Seufzer, und dachte zitternd an die Unbegreiflichkeit der göttlichen Ratschlüsse in den Schicksalen eines Menschen. Beim Weggehen drückte ihn Siegwart feste und feuriger als gewöhnlich ans Herz. Bruder, sagte er, ich sahs heute, dass du meinen Zustand ganz fühlst. Bald wirds besser werden. Hab Dank für deine viele brüderliche Liebe! Ich bete stets für dich und meine Schwester, und dein Kind. Sag ihr, mir sei wohl, und werde bald noch besser werden. Ich gehöre nun ganz Gott an, und in seiner Hand könne man nicht unglücklich sein. Gib ihr diesen Kuss! Sag ihr nicht, dass ich schwach bin, die gute Seele möchte sich betrüben. Wenn du hörst, dass ich tot bin, dann tröste sie, und sag ihr, dass mir ganz wohl sei! – Kronhelm konnte nichts sprechen, und riss sich von ihm los. Rotfels nahm auch weinend von ihm Abschied, und die beiden reisten traurig weg.
Siegwart teilte nun seine ganze Zeit in seine Mönchsverrichtungen und in selbsterwählte Andachtsübungen ein. Er war fleissig bei den Landleuten, bei denen er ausserordentlich beliebt war. Er predigte viel bei ihnen und stiftete sehr grossen Nützen, denn sein Vortrag war so fasslich, dass ihn jedes Kind verstehen konnte. Er hatte den Grundsatz, den jeder Prediger haben sollte: Wenn mich der gemeinste Mann vom schwächsten Verstand versteht, so versteht mich auch der Aufgeklärte, und ich werde allen nützlich. Da er die Gemeinden, und die einzelnen Glieder derselben genau kannte, so war sein Vortrag immer so wenig allgemein, dass er nur auf die Gemeinde, der er predigte, allein passte. Alle seine Betrachtungen, Bewegungsgründe und Gleichnisse waren vom Landleben und vom Ackerbau hergenommen, und passten auf keine Stadtgemeinde. Diese Kunst hatte er von Christo gelernt, der die Veranlassungen zu seinen Reden immer von denen Gegenständen hernahm, die seine Zuhörer vor sich sahen, oder womit sie sich beschäftigten. Wenn er Leute auf dem Feld antraf, so machte er sie auf die natur, und auf den Segen aufmerksam, den Gott überall so reichlich ausgestreut hat. Dadurch flösste er ihnen Liebe und Vertrauen gegen Gott ein, die die beiden Hauptquellen eines reinen und aufrichtigen Gottesdienstes sind. Wenn er zur Geduld