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immer mehr zum Himmel gekehrt, als auf die Erde; wenn er hörte, dass ein Mensch gestorben sei, so pries er ihn glücklich, und wünschte sich an seine Stelle. Wenn ihn Pater Anton Abends nicht im Garten antraf, so suchte er ihn aus dem Gottesacker, wo er ihn gewöhnlich auf dem Grab des P. Gregors fand. Er fühlte, dass ihn der innerliche Gram, das viele Fasten, und das strenge Geisseln nach und nach abzehrten und entkräfteten, und fühlte es gern. Wenn der Schlaf, das Bild des Todes kam, so flehte er zu Gott, ihn bald in den ewigen Schlummer einzuwiegen, aus dem kein Aufstehn mehr zu Schmerz und Tränen sein wird. –

Als ein halbes Jahr um war, ging Bruder Porphyr wieder aus dem Kloster. Man liess ihn gern gehen, weil er allerlei schlechte und mutwillige Streiche gemacht hatte. Als man aber unsern Siegwart fragte, ob er bleiben wollte? so sagte er mit Freuden Ja, ungeachtet ihn der Novizmeister so hart hielt.

Kronhelm besuchte seinen lieben Siegwart ein paarmal im Kloster. Er erschrack, als er ihn so blass und abgezehrt fand. Er wendete alle Mühe an, ihn zu überreden, das Kloster wieder zu verlassen, und sich nicht selbst ins Grab zu bringen; aber alle seine Zärtlichkeit und Liebe war vergeblich angewendet. Siegwart hätte es für einen Kuchenraub gehalten, wenn er hätte wieder in die Welt zurück kehren wollen. Die Furcht seines Kronhelms, dass er bald sterben möchte, schmeichelte ihm, und er hörte von nichts lieber reden, als von seinem tod. Einmal bekam er auch die erlaubnis, seine Schwester Terese zu besuchen. Diese, so glücklich sie auch in der Liebe ihres Kronhelm war, konnte doch, so lang ihr Bruder gegenwärtig war, nichts als weinen. Sie sah ihren Bruder, den sie so unaussprechlich liebte, nach und nach dem tod welken; dieser Anblick war ihr unerträglich. Das ganze Schloss, das sonst so glücklich war, geriet in Trauer. Siegwart sass einen Abend bei Kronhelm und Teresen, die ihr Kind auf dem Schoss liegen hatte. Das Kind schlief; Siegwart sah es an, mit Tränen in den Augen. Armes Knäbchen, sagte er, du schlummerst jetzt so ruhig, und lächelst im Schlaf. Wenn du aufwachst, wird die Welt dir entgegen lachen, denn du siehst nirgends keine sorge. Möchtest du doch ewig ein Kind bleiben, oder sterben, eh das Jünglingsalter kommt! Wenn der Jüngling aufwacht, ach dann ist es gar anders. Tausend Sorgen wachen mit ihm auf, Leiden werden stets mit ihm gebohren, deren Keim schon in der Seele liegt. Gebt mir euren Kleist her, dass ich mein Lieblingsstück wieder einmal lese: Weh dir, dass du gebohren bist etc. – So sprach er oft bei ihnen, und Krönhelm und Terese wagtens nicht, ihn zu trösten.

Er ward auch auf die Vermählung des braven Rotfels mit der Schwester Kronhelms geladen, aber er kam nicht, und schrieb ihnen:

Lasst mich, lieben Freunde, in der Zelle meiner Leiden! Bittet man den Tod zu Gast beim Freudenmahl? Soll mein Anblick Euch erinnern an die Stunde Eurer Trennung, und dass alle Freuden dieses Lebens nichts sind? Ich will Gott flehn, dass er Euren blick nicht dringen lasse in die Zukunft! Dass ihr nur die Blumen, die der Frühling darreicht, aufkeimen, und nicht sterben seht! Flechtet keinen Kranz von Blumen, denn sie welken, eh der Abend anbricht! Hier schick ich Euch einen Kranz von Immergrün! Er vergeht auch, aber später, als die Blumen. Wenn es Ruhe gibt, und Glück, so fleh ichs Euch von Gott herab. –

Sein Schmerz ward immer düsterer und stummer. Anton war es fast allein, mit dem er sprach. Sein Leben war eine beständige Andacht, und dabei war er am heitersten, denn sein blick drang immer schärfer in das Leben jenseits des Grabes. Oft weinte er Freudentränen, wenn er im zuversichtlichsten Vertrauen sein nahes Ende sah. Er fühlte die Gegenwart Gottes aufs lebendigste, und ward fast bis zum Anschauen überzeugt, dass Gott den Menschen nur eine Zeitlang für die Leiden, nach diesen aber für ein ewig glückliches und ruhiges Leben geschaffen habe. Und dann dankte er Gott für sein Dasein, auch sogar für seine Leiden. Aber freilich sind diese Stunden der heitersten und zuverlässigsten Gewissheit bei dem Menschen, dem sein Körper alle Augenblicke dran erinnert, dass er noch auf der Welt ist, selten. Oft konnte er ganze Tage lang nichts denken, als die Trennung von seiner Mariane, ohne die Wonne des Wiedersehens, und der Wiedervereinigung zu fühlen, und diese Tage waren ihm die traurigsten und bängsten. –

Sein Andenken an Marianen und der damit verbundne Schmerz wachte wieder neu auf, als man bei folgender Veranlassung einige Tage lang im Kloster von nichts als von Nonnen sprach. Man hatte nämlich etlich Nächte vorher am Himmel eine starke Röte, als das Zeichen einer grossen Feuersbrunst, wahrgenommen. Zwei Tage drauf kam die Nachricht, dass in Adlingen, einem acht Stunden weit entfernten Nonnenkloster, ein heftiges Feuer ausgebrochen sei, dass das ganze Gebäude in die Asche gelegt habe. Die Nonnen flüchteten sich, ein paar ausgenommen, die die gelegenheit wahrnahmen, und entwischten, in ein benachbartes Benediktinerkloster. Diese Nonnen wurden nun in die benachbarten Frauenklöster verteilt. Pater Hildebrand, der in dem nächsten Nonnenkloster Bergkirch Beichtvater war, erzählte bei