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nach dem Ende dieses Probejahrs, um dann ausruhen, und als Pater sein Leben in ewiger Untätigkeit hinbringen zu können. In dieser hoffnung versprach er unserm Siegwart, das Probejahr auszuhalten und im Kloster zu bleiben. Darüber triumphirte Siegwart bei sich selbst, und hielt es für eine Frucht seiner frommen Vorstellungen, so dass er glaubte, durch diese Bekehrung ein grosses gutes Werk getan zu haben.

Die Pönitenzen oder Bussübungen waren auch sehr streng, besonders das Fasten und das Geisseln. Die Paters mussten oft bei Nacht in ein dunkles Gewölbe gehen, und sich mit den Stricken, die sie an sich hängen hatten, auf den blossen rücken geisseln. Das Schlagen gab ein Getöse, dass das ganze Gewölbe wiederhallte. Unser gewissenhafter Siegwart schlug sich allemal blutrünstig, so dass er eine Menge Bluts verlohr. Darunter litt seine Gesundheit, bei dem ohnediess immer nagenden Seelenkummer, noch mehr. Seine Gesichtsfarbe verlohr sich völlig, und seine Kräfte nahmen zusehends ab. Umsonst warnte ihn P. Anton, sich zu schonen, und gegen seinen eignen Körper nicht mehr, als nötig wäre, zu wüten. Bruder Porphyr lachte ihn oft aus, denn er hatte gemerkt, dass sich die Paters entweder bloss mit der Hand auf den rücken, oder mit den Stricken bloss an die Säulen, oder an die Wand schlugen. Diese List machte er nach, und riet unserm Siegwart an, es auch nachzumachen. Dieser hielt aber seinen Rat für gottlos, und betrübte sich über seinen Leichtsinn. Isidor hingegen war das eine angenehme Entdeckung, die er sich sehr zu Nutze machte.

Siegwart sah nun auch ein, dass das Klosterlebenwie das meiste auf der Weltvon aussen schön glänzt, wenn mans aber genauer kennen lernt, tausend Mängel und Unvollkommenheiten hat; er sah täglich mehr den inneren Krieg, den Neid, und die Misgunst, die unter den Paters gewöhnlich herrscht. Er sah, dass fast keiner ein aufrichtiger Freund des andern, und dass das Kloster ein Sammelplatz fast aller hässlichen menschlichen Leidenschaften ist. Fast alle Tage gab es Zank, und Sticheleien, und Verhetzungen. Er betrübte sich heimlich darüber, hielt sich aber desto mehr verbunden, sich von diesen Schlacken rein zu halten, und sein Herz unter den Unheiligen Gott zu widmen und zu heiligen.

Den meisten Kummer aber, der am schmerzlichsten heimlich an seiner Seele nagte, machte ihm, dass er, zumal an den trüben, einsamen Wintertagen, so untätig in seiner Zelle sitzen musste, ohne in einem nützlichen und vernünftigen buch lesen zu dürfen; denn die Bibliotek entielt fast gröstenteils Legenden, und er durfte noch dazu nur die Bücher lesen, die ihm der Novizmeister gab, und die sehr schlecht gewählt waren. Seine Dichter, und überhaupt kein Buch hatte er mit ins Kloster bringen dürfen. Jedes Buch, das ins Kloster kam, wurde erst visitirt, und unter diesen durfte nie kein Dichter, am wenigsten ein protestantischer Schriftsteller sein. Tausendmal sehnte er sich nach seinem lieben Klopstock, zu dem er sonst in Freud und Leid seine Zuflucht genommen hatte. Auch schmachtete er oft, wenn seine Seele trüb und wehmütig war, umsonst nach seiner treuen Freundin, der Musik, um seinen Schmerz auf der Violine weinen, oder toben, oder auf der sanften Flöte schmachten zu lassen. Denn im Kloster durfte man keinen laut von einem Instrument hören lassen. Seine einzige Beschäftigung war, die Stellen, die ihm aus Haller, Kleist, und Klopstock im Gedächtniss geblieben waren, und kleine Aufsätze an Gott und Marianen, und besonders eine ziemliche Anzahl melancholischer, elegischer Gedichte, die seine ganze geschichte und den Zustand seines Herzens schilderten, niederzuschreiben.

Pater Anton sah den guten Jüngling schmachten, und sichtbar nach und nach dahin sterben, ohne ihn trösten zu können. Er litt mit ihm, und oft sassen sie ganze Stunden beisammen, sahn sich wehmütig und schmachtend an, und fühlten jeden Augenblick der Zeit, wie er trüb und freudenleer dahin schlich.

Im Frühjahr nahm ihn Pater Anton gewöhnlich auf dir benachbarten Dörfer mit, wo er Allmosen einsammelte, predigte, und dem Bauervolk in geistlichen und weltlichen Anliegen guten Rat erteilte. Unser Siegwart war bei den bauern sehr beliebt, weil er sie auch auf eine rührende und eindringende Art zur Frömmigkeit ermahnte. Sie nannten ihn in der ganzen Gegend den schwermütigen Bruder Georg. Aber die Liebe dieser guten Leute war nicht im stand, einen Stral von Heiterkeit und Ruhe in sein trübes Herz zu giessen. Fast alles liess ihn kalt; auch sogar der Frühling, und die wieder auflebende natur, die sein Herz sonst immer mit neuer Wonne angefrischt hatte. Statt der Freude, die der Frühling jeder jugendlichen Seele, auch sogar dem Alter bringt, brachte er ihm nichts als Seufzer, ängstliches Schmachten, und wehmütige Wiedererinnerung an den verblühten Frühling seines Lebens, und die ehemaligen Freuden und süssen Schmerzen seiner unglücklichen Liebe. Er ging kalt und fühllos, oder weinend auf beblümten Wiesen und zwischen blühenden Fruchtbäumen hin; die Nachtigall sang ihm Grablieder; er sah aus den Blüten Tod hervorkeimen, wenn er ihre kleinen Blätter, vom Wind abgeschüttelt, haufenweise, wie Schnee herabsinken sah; er legte sich unter die Kuschbäume, liess von den Blüten sich bedecken, und dachte: stürb' ich doch auch mit ihnen! Wenn er auf der Wiese einen Haufen Blumen bei einander stehen sah, so erhub sich ein Sehnen in seiner Brust, unter die Blumen sich zu legen, und zu sterben. Sein blick war