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, uns so wenig Bekanntes! Der öftere Gedanke an den Tod wird uns zuletzt gewöhnlich; das Lachende verliert sich, und wir sehen den Tod als ein Beingerippe an, vor dem man sich destomehr entsetzt, je näher man ihm kommt. – Ich gestehs, du hast viel ausgestanden; Marianens Verlust muss dir unaussprechlich schmerzlich, und der Gedanke, wieder mit ihr vereiniget zu werden, muss dir der süsseste sein; aber, lieber Freund, zu sehr und zu lebhaft must du ihm nicht nachhängen! Denn darüber würdest du unbrauchbar für die Welt und für das Kloster, in dem du jetzt doch ein Mitglied werden willst. Du würdest nach und nach deine Gesundheit und dein Leben schwächen, über das du doch nicht soviel Gewalt hast, dass du es ablegen kannst, wann du willst. glaube nicht, dass für dich kein Glück und keine Ruhe mehr auf Erden ist! Gott, der dieses dir genommen hat, kann dirs wieder geben, und aus Erfüllung unsrer Pflichten fliesst die meiste Ruhe.

Siegwart weinte, und versprach, seinen Verdruss des Lebens, wo möglich, zu besiegen, wenigstens nichts vorzunehmen, was seinen Tod beschleunigen könnte. Er sprach jetzt weniger vom tod, wenn er bei seinem lieben Pater Anton war. Er sah wohl ein, dass er schuldig sei, für seine Erhaltung zu sorgen, und sich nicht dadurch zu schwächen, dass er seinem Gram beständig nachhieng. Aber doch betäubte sein Gefühl gewöhnlich seine überzeugung; er konnte sich, zumal wenn er allein war, selten aus seiner Melancholie herausreissen; oft dachte er halbe Nächte durch an seine Mariane; sie schien ihm wachend und im Schlummer zu winken, und dann bemächtigte sich seiner ein ungeduldiges Sehnen nach dem Tod; er bat Gott darum mit lautem Weinen; und dann machte er sich selber wieder Vorwürfe, und bat Gott seinen Fehler ab.

Nach drei Wochen, die er nun im Kloster zugebracht hatte, ward ihm vor dem Altar die Kleidung angelegt. Sein schwarzes Kleid, das er in der Kirche ablegte, ward mit einer braunen Kutte vertauscht, und das Noviziat fing sich an. Er bekam den Klosternamen Georg. Er musste nun alle die Geschäfte und Uebungen des Gehorsams antreten, die ein Neuangehender im Probejahr auszuhalten hat. Der damalige Novizmeister war ein strenger und wunderlicher Mann, der den Novizien oft lächerliche Uebungen auflegte. So mussten sie, zur Uebung im Gehorsam, Holz aus der Holzkammer holen, und wenn sie ziemlich viel geholt hatten, mussten sie es wieder zurücktragen. Es ward ihnen warmes Essen vorgesetzt, und wenn sie eben essen wollten, ward es wieder weggenommen, und sie mussten trocknes Brod essen. In der Bibliotek mussten sie im kalten Winter die Böcher aus einem Schrank in den andern setzen, und dann wieder zurück in den vorigen Schrank tragen; kurz: immer arbeiten ohne Zweck verrichten.

Dem Bruder Porphyr gefiel dieses sehr übel. Er beklagte sich oft darüber gegen unsern Siegwart, und sagte, dass er dieses nicht aushalte, und in einem halben Jahre geh er wieder aus dem Kloster. Er wolle lieber jeden andern Stand, als diesen Sklavenstand erwählen, da er bloss allein von dem Eigensinn und den Grillen eines närrischen Novizmeisters abhänge. Siegwart aber ertrug sein los, mit Gelassenheit, ob er wohl sonst frei genug dachte. Er glaubte, diese Unterwerfung Gott schuldig zu sein, und dieses Schicksal verdient zu haben; denn bei seinen beständigen Andachtsübungen, und in der fortdaurenden Einsamkeit bekam seine lebhafte Einbildungskraft wieder einen neuen Schwung, und lenkte sich auf die Seite der Andächtigen, wohlgemeinten Schwärmerei. Es stiegen ihm allmählich verschiedne Zweifel und Gewissensscrupel wegen seines vorigen Lebens auf da er sich Gott schon einmal gewidmet hatte, und sich nun durch die Liebe zu Marianen wieder von ihm ab, und zur Weltliebe hatte verleiten lassen; da er sogar auf den Vorsatz gefallen war, Gott und der Kirche eine Braut zu entziehen. Diese Vorstellungen machten ihn ängstlich, und brachten eine neue Art von Melancholie in ihm hervor, die noch tiefer, als die vorige, sich in seine Seele eingrub. Er machte sich nun ein Gewissen und sogar ein Verbrechen daraus, an seine Mariane zu denken, die ihm doch unwillkührlich und beständig vor der Seele schwebte. Verschiedne Aufsätze, die er hinterlassen hatte, zeugen von diesem neuen und schrecklichen Kampf seiner Seele, unter dem er fast erlag, und unter welchem seine Gesundheit sehr litt. Er hatte nicht einmal das Herz, seinem P. Anton etwas davon zu entdecken. Er glaubte nun dafür büssen zu müssen, und trug alle Proben des Gehorsams, die ihm der Novizmeister auflegte, mit Gelassenheit und Stille. Die Klagen des Bruder Porphyrs suchte er zu widerlegen, und gab sich Mühe, ihn zu bekehren, und in ihm den Entschluss hervorzubringen, vom Kloster nicht abtrünnig zu werden. Aber seine Vorstellungen halfen nichts bei dem ziemlich leichtsinnigen Porphyr.

Er wendete sich also mit seinen Bemühungen an

den schläfrigen Bruder Isidor, der sich auch oft über die vielen arbeiten und Beschwerlichkeiten beklagte. Seine geistliche Vorstellungen halfen bei diesem wenig; aber desto mehr die Winke, die er ihm gab, dass diese probe ja nur ein Jahr daure, und dass dann Ruhe und Bequemlichkeit nachfolge; er dürfe nur die Paters ansehen, welch ein ruhiges Leben diese führten. Dieses gefiel dem phlegmatischen Isidor; er schielte bei seinen arbeiten immer auf die andern Paters, die in Ruh und gröstenteils in Faulheit und Untätigkeit ihr Leben hinbrachten. Er sehnte sich also