Teresen zu trösten.
Er war im Wagen ruhiger und stärker, als man erwarten konnte. Der Gedanke ans Kloster war etwas Neues, und beschäftigte seine Seele; auch der Gedanke an den nahen Tod tröstete ihn. Seine Seele ward stärker, je schwächer er seinen Körper fühlte.
Kronhelm riet ihm, seine geschichte sorgfältig zu verbergen, weil sie ihm im Kloster schaden könnte. Siegwart versprachs; nur meinem lieben Pater Anton, sagt' er, kann ich nichts verhelen. Er soll der Vertraute meines Jammers sein, bis das Grab mich einschlieft.
Den Nachmittag kamen sie im Kloster an. Kronhelm liess dem Guardian durch den Torwart seine, und seines Schwagers Ankunft meiden. Der Guardian empfieng sie mit der grössten Freundschaft, und erinnerte sich unsers Siegwarts wieder mit Vergnügen. Wir dachten schon, sagte er, Sie hätten uns vergessen, weil uns Pater Philipp keine Nachricht mehr von Ihnen geben konnte. Beim Namen: Pater Philipp fing unserm Siegwart das Herz an, zu schlagen; denn er hatte wirklich bei den mancherlei Zerstreuungen, und den vielen Leiden der Liebe, schon seit langer Zeit kaum an Pater Philipp gedacht, geschweige denn an ihn geschrieben. Weil Kronhelm sah, dass diese Anrede seinen Schwager in Verlegenheit setzte, so nahm er an seiner Statt das Wort, und sagte: Siegwart habe eine Zeiter viel geutten; aber doch sei ihm das Kloster niemals aus dem Sinn gekommen, ob er gleich nicht im Stand gewesen sei, dem Pater Philipp Nachricht von sich zu gehen.
Sie waren kaum etliche Minuten da, so kam der redliche Pater Anton, der von, Siegwarts Ankunft gehöret hatte, ins Zimmer. Siegwart flog ihm entgegen und in seinen Arm. Mein Vater! Mein Sohn! riefen sie zu gleicher Zeit aus, und weinten.
Der Pater Guardian fragte hierauf unsern Siegwart, ob er nun im Ernst gesonnen sei, ins Kloster zu treten! und auf seine Bejahung liess er ihm seinen Aufentalt bei zwei andern Novizien anweisen. Kronhelm blieb noch denselben Tag da, und schlief draussen vor dem Kloster bei dem Klosteramtmann. Nachdem er mit dem Guardian wegen des Geldes, das Siegwart mit ins Kloster bringen sollte, alles in Richtigkeit gebracht hatte, so ging er am Abend mit dem Pater Anton und seinem Schwager im Klostergarten spatzieren. Diesem kamen alle die Empfindungen wieder ins Gedächtniss, die er ehemals in seiner glücklichern Jugend hier gehabt hatte. Er erinnerte sich seines seligen Vaters, mit dem er das erstemal hier gewesen war, und des verstorbnen rechtschaffnen Pater Gregors. Gott, wie war jetzt alles ganz anders! Es war ihm nicht möglich, ein Wort vorzubringen; er konnte nichts als schluchzen. Der Schmerz und die gewaltige Bewegung drückten ihn fast zu Boden. Pater Anton und sein Kronhelm, zwischen welchen er ging, konnten auch nichts sprechen; Anton, vor grosser Freude, weil er seinen lieben jungen Freund wieder sah; Kronhelm, weil er seinen Schwager, seinen innigsten und treusten Freund, hier in seinem trostlosen Jammer allein zurücklassen sollte.
Kronhelm kam den andern Morgen zu seinem Siegwart, um Abschied von ihm zu nehmen. Lange stunde er bei ihm, und konnte doch kein Wort sagen. Oft wollte er anfangen, aber die Worte starben ihm auf der Zunge. Endlich fing Siegwart selber an: Unsre Terese wird wohl auf dich warten. Gib ihr diesen Kuss in meinem Namen? Bruder, du bedaurst mich; aber komm ich doch dem grab immer näher. Ist doch schon das Kloster ein Grab auf der Welt für die Lebendigen ... lebe wohl, hab Dank für alle Liebe! ... Hier erstickten Tränen seine Reden. Kronhelm fiel ihm um den Hals. lebe ewig wohl! sagte er, besuch uns! Gott stärke dich! ... Er riss sich von ihm los, und wollte allein wegeilen. Aber Siegwart folgte ihm nach bis an den Kutschenschlag. Sie umarmten sich; Kronhelm stieg ein, zog das Kutschenglas auf, und fuhr weg.
Nun eilte Siegwart auf die Zelle seines lieben Pater Anton, und liess seinem Schmerz und seinen Tränen freien Lauf. Anton liess ihn ausweinen, und versuchte es nicht, ihn zu trösten. – Verzeihen Sie, sagte Siegwart, ich weine nicht um die Welt; sie hat keine Freuden mehr für mich. Ich habe viel gelitten, teurer Vater! ach, unaussprechlich viel. Sie sollen alles wissen, aber jetzt nicht! Jetzt kann ich nichts, als weinen. – Getrost, mein Sohn! sagte Pater Anton; Du sollst Ruhe finden! Ich hab auch viel gelitten. Will dirs auch erzählen. Du sollst viel aus meiner geschichte lernen. Sie ist auch traurig; aber fremde Leiden sind ein Trost für den Unglücklichen. Ich hab endlich Ruh gefunden; Gott gebe sie dir auch!
Siegwart ging auf seine Zelle, stützte sich auf seine Hand, und dachte nun zum erstenmal wieder an seine Mariane. Er sah alles in der Zelle an. Gott! dachte er, in einem solchen engen, trüben Aufentalt hat mein Engel, die Vollendete, geduldet und ausgerungen. Gott! um meinetwillen! – Gern will ich auch alles dulden. Hier auf diesem Bette soll mein Geist den letzten Kampf kämpfen, und sich dann, aus dieser Zelle, aufschwingen, und auf ewig bei ihr sein ... Ewig, Ewig..! O! was sind die Leiden dieser Zeit: Heilige, gern will ich dulden; denn ich soll ja ewig