nicht halten, und ging einige Schritte weit vorwärts in den Garten. Eine Nonne kam heraus: er hielts für Marianen und lief zitternd auf sie zu; aber es war Brigitte. Jesus, Maria! sagte sie; eben liegt Mariane in den letzten Zügen; mach er, dass er fort kommt. – Gott im Himmel! rief er aus. – Indem ward die tür wieder geöfnet, und drei oder vier Nonnen stürzten heraus. Er sprang, ohne dass er es wuste, fort, indem Brigitte einen Schrei tat. Wie der Wind flog er die Leiter hinauf, warf sie mit dem Fuss um, und die Leiter auf der Aussenseite hinab. Fort, fort! rief er, sie ist tot! zwei Bedienten nahmen ihn in den Arm, schmissen die Leiter um, und schieppten ihn in den Wagen. kommt nichts mehr? sagte der Mann zu Pferd. Nein, rief Siegwart, fort, fort! Indem flog der Wagen, wie der Wind davon. Siegwart lag ohnmächtig drinnen. Sie waren eine Stunde weit gefahren, als der Mann vom Pferd abstieg, einen Bedienten drauf sitzen liess, und sich in den Wagen setzte. Es war Rotfels. Siegwart war wieder etwas zu sich selbst gekommen. Wo ist denn Mariane? fragte Rotfels. – tot, tot! versetzte Siegwart. – Fahrt nach Steinfeld! rief Rotfels zum Kutscher; so schnell, als ihr könnt! Der Wagen fuhr über das Feld hin nach der Landstrasse.
Gegen zwei Uhr morgens kamen sie in Steinfeld an, ohne dass Siegwart über zwanzig Worte mit Rotfels gesprochen hatte. Man weckte den Bedienten, der unten schlief, mit so wenig Lärm, als möglich; so, dass Kronhelm und Terese nicht aufgeweckt wurden. Man legte unsern Siegwart in ein Bette, wo er in einer Art von Schlummer bis gegen Morgen halb sinnlos lag. Bei Anbruch des Tages erwachte er; nun sah er erst, dass er in Steinfeld war; alles übrige, was sich die vergangne Nacht mit ihm zugetragen hatte, kam ihm noch wie ein Traum vor. Nach und nach kam zu seiner Qual alles in sein Gedächtniss wieder zurück, und er fühlte nun die Gewissheit und die Grösse seines Verlustes nur zu lebhaft. Der Gedanke, an den Tod seiner Mariane fuhr wie ein Blitz durch seine Seele, und er stürzte sich auf seine Knie und rief, indem ihm dicke Tränen aus den Augen schossen: Heiliger Gott, du hast sie mir genommen! Nur noch Einen Wunsch hab ich auf Erben: Lass mich sterben! Heilige Mutter Gottes, bitte für mich, und lass mich sterben! – Ach Mariane, Mariane, tiefer, indem er aufsprang, und die hände rang. Ach Vollendete, diese erste Träne widm' ich dir. Bald wird auch die Aetzte rinnen. – Noch vor wenig Tagen.. ach du Heilige.. vor wenig Tagen lagst du mir am Herzen.. und nun bist du tot, tot, tot! – – Trostlos ging er nun aufs neu umher; warf sich wieder auf die Erde, betete still, doch so, dass die Lippen sich bewegten; und, nachdem er ausgeweint hatte, sank er in einen Gessel, und fiel in eine Art von Betäubung..
Kronhelm, der von Rotfels schon vorbereitet war, trat nach einer Stunde leise in sein Zimmer. Siegwart sah ihn ein paar Sekunden stier an, fuhr auf, ging eilig auf ihn zu, drückte ihn fest ans Herz, und rief mit grosser Heftigkeit: Bruder, Bruder! Kronhelm konnte lange nichts sprechen, und führte ihn wieder nach dem Stuhl. Endlich sagte er: Ich bedaure dich unendlich. Gott, was ist das für ein Schicksal! Siegwart sich seinen Schwager lang unbeweglich an. Endlich schossen ihm die Tränen in die Augen; er stand auf, und verbarg sein Gesicht an Kronhelms Busen. Bruder, sagte er, hast du Trauerkleider? Ich bitte dich, leih sie mir! – Kronhelm liess sie ihm, nach langem Weigern, bringen. Siegwart zog sich ganz schwarz an, und verlangte, seine Schwester zu sprechen. Kronhelm sagte, sie schlafe noch; als aber Siegwart sich nicht abhalten lassen wollte so sprang er voran, um seine Frau auf die traurige Nachricht vorzubereiten. Terese war eben aufgestanden, und ihr Bruder trat ins Zimmer. Er umarmte sie, sprach kein Wort, und weinte bitterlich. Terese konnte vor Tränen auch nicht sprechen. Endlich erzählte er in wenig Worten seine ganze traurige geschichte, und versank wieder in Stillschweigen, und anscheinende Gefühllosigkeit.
Im ganzen Schloss war eine allgemeine Trauer, weil Kronhelm und Terese traurig waren. Rotfels hatte noch die Vorsicht gebraucht, Kronhelms Bedienten, Marx, nach Marienfeld zu schicken, und sich heimlich zu erkundigen, ob eine junge Nonne im Kloster gestorben sei? Er kam den andern Tag mit der Nachricht wieder: Eine junge Nonne sei gestorben, und die Schwester Brigitte sei – man wisse nicht warum? – ihres Dienstes entsetzt, und eingeschlossen worden. Man erzählte dieses unserm Siegwart nicht, um nicht seinen Schmerz aufs neu rege zu machen. Er fragte auch nicht darnach, weil er Marianen schon gewiss für tot hielt.
Kein Mensch wagte es, den niedergedrückten Siegwart zu trösten; denn für ihn war kein Trost auf Erden mehr. Mann konnte auch fast gar nichts mit ihm sprechen, weil er von zehn fragen kaum Eine beantwortete. Er sah immer seine Trauerkleider an, und