. Gib auf alle Bewegungen und Veränderungen deiner Seele acht! Forsch ihren Ursachen nach, ob sie edel sind, oder nicht? Ost macht man sich selber etwas weiss, dass man diese oder jene Handlung aus einer guten Absicht unternehme, und im grund hat man einen bösen Endzweck, der den Schaden unsers nächsten, oder die Entunehrung unsrer selbst zur Folge hat. Oft gibt man einer Gesinnung oder Handlung, die nicht edel ist, den Namen einer edlen, und hintergeht sein eigenes Herz durch diesen Kunstgriff. Gib auf dieses alles genau acht, und erlaub dir keine Nachsicht! werde am ersten gegen dich selbst behutsam! denn der Mensch ist nur zu oft sein eigner ärgster Feind. Lern deine Kräfte kennen, und prüfe sie durch Anwendung! Du must wissen, was du dir selbst zuzutrauen hast; sonst versprichst du immer dir und andern, was du nicht erfüllen kannst. Lern deine Schwächen kennen! Wer sie nicht kennt, kann sich, wenn der Feind kommt, nicht verteidigen. – Mach dich bei zeiten mit deinem Feind bekannt, mit alle dem, was dich umgibt, und dich am meisten zur Ausschweifung hinreisst, damit du Waffen zu der Zeit des Friedens anlegest! Sonst ist alle Gegenwehr zu spät. Im Tumult der Leidenschaften wirst du die Verteidigung vergessen. –
Wer sich selber kennt, der kennt auch andre Menschen. Die Grundtriebe der Seele sind sich, ihrer Anlage nach, fast immer gleich. Du wirst finden, dass Eigenliebe, die im grund gut, und der, jedem lebenden geschöpf vom Schöpfer eingepflanzte Trieb der Selbsterhaltung ist, stets die Haupttriebfeder bleibt, die die Seele in Bewegung bringt. Verschiedne Charaktere bilden sich nur durch die Verschiedenheit der Aeusserungen dieses Grundtriebs. So entstehen Geldgier, Ehrgeiz, Hang zur Wollust, Edelmut und Menschenliebe, je nachdem wir glauben, durch das eine mehr, als durch das andre, unsre Eigenliebe zu befriedigen.
Kentnis deiner selbst und deines eignen Herzens wird dich in Beurteilung andrer Menschen billiger machen. Die besondre Lage, Verfassung, und Verbindung eines Herzens, worinn es mit den Dingen ausser sich, und mit andern Menschen steht, bestimmen das Moralische, oder Gute und Böse an einer Handlung mehr, als der äusserliche Schein. Manche Handlung ist so schlimm nicht, als sie scheint, wenn man alle die Umstände wüste, unter denen sie vollzogen wurde. Geh in die geschichte deines Herzens zurück! Frag dich unparteiisch, ob du, unter ähnlichen Umständen, nicht auch zu einem Fehltritt geneigter wärest? Ob es dir nicht oft einen langen, und schweren innerlichen Kampf kostete, eine Neigung zu überwinden? und ob du ihr nicht oft unterlagest, ohne im grund bös zu sein, oder deinen grundsätzen ungetreu zu werden? Wenn du so dein Herz studierst, dann wirst du weniger hart und unbillig in Beurteilung andrer sein.
III. Willst du den Menschen recht viel Gutes tun, so gewöhne dich frühzeitig an eins strenge Ordnung, und eine weise Einrichtung deiner Geschäfte! Sie lehrt den gewissenhaftesten Gebrauch der Zeit. So kannst du jeden Morgen dein Tagwerk übersehen, und Abends strenge Rechnung halten, über das, was du getan hast. (Unserm Siegwart fiel hier P. Anton, und der gestrige Tag ein; er sah ihm mit freudigerer Bewunderung ins Gesicht) Die Zeit wird dir teurer werden, als Gold und Edelstein. Sie, gut angewendet, mein Geliebter, ist das Mittel, uns zum Engel, und Gott ähnlich zu machen.
IV. Wer von der Welt allein Belohnung oder Lob erwartet, wird wenig wirklich grosse Handlungen verrichten, wenigstens nicht in den Augen Gottes, der sie allein würdigen und schätzen kann. Die grössten Handlungen gehen in uns selbst vor, und treten nicht vors Angesicht der Menschen. Innere Bestreitung seiner Leidenschaften, seiner Lieblingsneigungen, des Hangs zur Bequemlichkeit, zum äusserlichen Ansehen, zum Geld, zur Wollust u.s.w. ist der herrlichste Sieg, der die glorreichsten und fortdaurendsten Palmen erringt, aber erst jenseits des Grabes. Doch fehlts diesem Sieg auch nicht in dieser Welt an seiner hohen himmlischen Belohnung. Das Gefühl, nach seiner Pflicht gehandelt, und die Menschen, seine Brüder, glücklich gemacht zu haben, ist nach einem Tage, der für uns mit Wohltun unterging, das süsseste und edelste. Ein Mann, der so viel Gutes tut, als er kann, darf kühn auf alle Könige und Sieger stolz herabsehn, die durch Ehrenpforten auf Triumphwagen einziehn!
Hier, mein Sohn, sagte Anton, und gab unserm Siegwart das beschriebene Blatt, hast du meine Lehren. möchte' ich sie dir mit diesem Kuss einhauchen können, dass sie immer dir im Herzen wohnten, und zu seiner Zeit herrliche Frucht brächten! Ich bin mit Freuden alt geworden, weil ich sie befolgte. Mach mir, und deinem alten Vater Freude! Lebe fromm und christlich.
Weiter konnte er nicht reden, denn er war zu sehr bewegt. Sein Auge sah ein paarmal zum Himmel auf, und erflehte Glück herab für Siegwart. Lass uns noch ein paarmal auf und abgehn! sagt er, nach einer langen Pause; der Tag ist so schön, und ich fühle heute das Leben der natur weit lebendiger, als sonst. Sieh doch dieses herrliche Tulpenbeet, wie die Farben durch einander spielen! Die natur hat tausend Freude, für den, der sie sucht, und mit reinem Herzen in ihren Tempel eintritt. Diese gelbe Tulpe hier, mit den feuerroten Streifen