. Täglich erkundigte er sich nach Marianens Gesundheit. Sie sei sehr schwächlich, war die gewöhnliche Antwort, doch sei sie immer so gewesen. Brigitte lag ihm immer mehr an, Anstalten zu ihrer Flucht zu machen. Er versprach ihrs zuverlässig, und sagte, er erwarte nur noch eine Nachricht von Marianens Vater, und wenn er sie ihr gegeben habe, woll er suchen, mit ihr zu entkommen. Er sei Marianen schuldig, sein Versprechen zu halten, weil er sie als Kind noch gekannt, und viel Gutes von ihr genossen habe. Durch diese List machte er Brigitten immer begieriger, ihm bald noch eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen, weil sie glaubte, nach derselben halt ihn nichts mehr im Kloster zurück.
Etlich Tage drauf kam er endlich einmal des Morgens mit Freuden zu Brigitten, und sagte, nun hab er Nachricht für Marianen und zwar eine sehr frohe; sie möchte nun machen, dass er sie auf den Abend sprechen könnte; und um dem Mädchen alle ängstliche Unruhe zu benehmen, möchte sie ihr doch dieses versiegelte Blatt worinn er ihr vorläufig Nachricht gebe, zustellen. Brigitte nahm das Blatt in die Hand, versprach, es Marianen zuzustellen, und sie Abends um 10 Uhr in den Garten zu bringen. Indem sie das Blatt noch in der Hand hielt, kam die äbtissin um die Ecke des Kreuzganges, wo sie standen, herum; Siegwart lief erschrocken davon; Brigitte steckte das Blatt schnell ein, und sprach mit der äbtissin.
Siegwart geriet in die schrecklichste Angst; er fürchtete, die äbtissin habe das Blatt gesehen, und sich zeigen lassen, und nun sei alles verraten. In dem Blatt standen diese wenigen Worte:
"Bald, bald kommt die Stunde der Erlösung. Diese Nacht, meine Teureste, soll uns ewig vereinigen. Meine Hand zittert vor Erwartung. Brigitte bringt dich um zehn Uhr an den bestimmten Ort. Verbirg deine Freude! Bitte Gott um Beistand zur Erlösung! Verbrenne dieses Blatt!"
Er dachte hin und her, was aus dieser Ueberraschung werden wollte? Alles Schreckliche stellte sich seiner Seele vor. Er verwünschte den Augenblick, in dem er diese Zeilen geschrieben hatte. Ein paarmal wollte er schon zur äbtissin eilen, ihr alles offenbaren, sich ihr zu Füssen werfen, und sie um Mitleid anflehn. Aber dann dachte er wieder: Vielleicht stell ich mir es zu arg vor; vielleicht hat die äbtissin auf das Blatt nicht geachtet. In dieser schrecklichen Unruhe ging er im dunkelsten gang des Gartens hin und her, als er Brigitten mit rotgeweinten Augen kommen sah. Er ging zitternd auf sie zu. Gott, wie stehts? rief er, hat die äbtissin es entdeckt? – Ach nein, sagte sie, die äbtissin hat nicht das geringste gemerkt; aber einen andern Schrecken hat er mir gemacht. Was muss er doch Marianen geschrieben haben? Sie ward ohnmächtig, als sie den Brief las, und ist jetzt noch sehr matt. Hätt ich mich doch niemals damit eingelassen! Wären wir doch schon fortgegangen! Morgen, morgen! sagte Siegwart hastig; aber kan denn Mariane auf den Abend doch kommen? Sie will, antwortete Brigitte, wenn sie Kräfte genug hat. Halt er sich nur um zehn Uhr gefasst! Aber aus unsrer Flucht wird nun wohl nichts werden. Ich beschwör ihn bei der Mutter Gottes! dass er keiner Seele nichts entdeckt! Ich wär auf mein ganzes Leben unglücklich. Siegwart suchte sie, wegen dieser Sache, soviel als möglich, zu beruhigen, sie wollte sich aber keinen Mut einsprechen lassen, und bat ihn nur, sie nicht zu verraten! Er schwur es ihr bei allen Heiligen, und bat sie für Marianen sorge zu tragen, und sie auf den Abend gewiss zu bringen!
Er ging in noch grösserer Unruhe weg, und konnte sich ihr Betragen nicht erklären. Doch machte er alle mögliche Anstalten, schrieb an Rotfels, dass er um 10 Uhr mit der Kutsche an der Gartenmauer warten soll, und ging in das Wirtshaus im Dorf, um den Brief durch einen Knaben, den er schon öfters dazu gebraucht hatte, nach Rotfels zu schicken. Zu gutem Glück traf er da Rotfels alten Bedienten selbst an, der von Zeit zu Zeit an dem bestimmten Ort sah, ob kein Brief da liege? Er nahm den Bedienten auf die Seite, und bat ihn, den Brief sogleich seinem Herrn einzuliefern. Im Garten halte er schon seit ein paar Tagen die Vorsicht gebraucht, an der Mauer, in dem Winkel, wo Mariane hinkam, hinter alten Bretern eine Leiter zu verbergen. Er ging wieder ins Kloster, und sprach gegen Abend Brigitten noch einmal. Sie weinte wieder, versicherte ihn aber doch, dass es mit Marianen besser stehe, und dass sie um 10 Uhr in den Garten kommen werde.
Er lag in seiner kammer auf den Knien, und bat Gott um Marianens Genesung, und um seinen Beistand. Als es dunkel wurde, legte er die Leiter an die Mauer an, und blieb in der unruhigsten Erwartung im Garten. Die Nacht war sehr dunkel, stürmisch, und regnerisch. Um 9 Uhr sah er alle Lichter im Kloster auslöschen. Um halb 10 Uhr hörte er ausserhalb der Mauer sich etwas bewegen. Er stieg auf die Leiter, und sah aussen die Kutsche, und einen zu Pferd dabei, und auch ausserhalb eine Leiter angelegt. Um 10 Uhr ging endlich die Klostertüre auf. Sein Herz schlug ihm laut, er konnte sich