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, und liess nicht undeutlich eine Neigung merken, das Kloster mit ihm zu verlassen. Siegwart warf dieses nicht weit weg, und machte ihr einige hoffnung dazu. Sie war darüber vor Freuden ausser sich; und nun fragte er, wie von ungefähr, ob nicht ein Frauenzimmer von Ingolstadt in dem Kloster sei, die einem Hofrat Fischer angehöre? Auf ihre Bejahung, sagte er, er kenne sie wohl, und habe sechs Jahre bei ihrem Vater als Gärtner gedient. Er wünsche nichts mehr, als sie einmal allein zu sprechen, weil er ihr wichtige Dinge von ihrem Vater zu entdecken habe. Zu dieser Unterredung könnte ihm Brigitte am besten verhelfen. Sie machte anfangs grosse Schwierigkeiten, wegen der Gefahr, verraten zu werden; endlich aber, als er ihr zu schmeicheln und zu liebkosen wusste, gab sie nach, und versprach, ihm die folgende Nacht in einem Winkel des Gartens eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen. Darüber war er vor Freuden ganz ausser sich, umarmte und küsste Brigitten, die dieses sehr willig geschehen liess, und ihn nochmals versicherte, ihm diese gefälligkeit gewiss zu erzeigen.

Anfangs glaubte er, Marianen schon in dieser Nacht entführen zu können; aber bei längerer überlegung fand er noch Schwierigkeiten. Es war schon ziemlich spät am Abend, und er zweifelte, ob er noch an Rotfels könne Nachricht gelangen lassen, dass dieser mit einer Kutsche vor dem Kloster warten möchte, um ihn mit Marianen aus dem Land zu bringen. Zudem war die Mauer des Klostergartens hoch, und er wusste noch kein Mittel, wie er über diese kommen könnte. Daher musste er sich diessmal damit begnügen, seine Mariane nur zu sprechen, und hofte, bald wieder eine gelegenheit zu finden, sie zu sprechen, und alsdann zu entführen.

Die längst gewünschte Nacht kam. Siegwart stand im Garten, und zitterte vor Ungeduld. Nach zehn Uhr, da die Nonnen alle schon im Bett lagen, ward die Klostertüre, die in den Garten ging, geöfnet. Mariane schlich sich in der Dunkelheit, dicht am Kloster, nach dem Winkel des Gartens, wo ihr Siegwart stand. Brigitte hielt innerhalb der tür Wache. Er schloss sie stillschweigend in den Arm, und wäre vor übermässigem Entzücken fast zu Boden gesunken. – Ach Mariane! Ach Siegwart! war alles, was die zärtlichen Verliebten jagen konnten. Nach den ersten feurigen Umarmungen konnten sie mehr sprechen. Gottlob! sagte er, dass ich dich wieder sprechen kann! Bald, bald sollst du ganz mein sein! Wie ist dir? Wie lebst du? Traurig! war die Antwort. Ach Siegwart, ohne dich! Ich muss vergehen. Oft war ich schon sehr krank. – Bald wirds besser werden, meine Liebe! Wenig Tage noch. Hab Geduld, und hoffe! – Ach, Siegwart, was ist hoffnung? Doch, ich will Geduld haben. Ach, dass ich dich wieder habe! Kaum kann ichs glauben. Siegwart, Siegwart! ach was haben wir geduldet! Aber alles, alles ist vergessen, da ich dich, dich wieder habe! – Ich kann nicht sprechen, meine Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Küss mich! Küss mich! möchte ich doch vor Liebe sterben! Mein, mein, mein! – Er drückte sie an sich, als ob er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und schluchzten laut. – Gott wird unser Schutz sein, sagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Mariane, ich weis nicht, wie mir ist? Ich möchte nur im Augenblicke sterben! – Und ich auch, du Teurer! Ach, mein Herz ist so beklommen! Wenn wir uns nur wieder sehen! – Gewiss, gewiss! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! – Siegwart sagte kurz, dass er sie in wenig Tagen wieder sehen, und alsdann befreien werde. Alle Anstalten seien schon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutsam zu sein, und ihr nichts zu sagen, denn sie wage viel, und könnte sie leicht aus Angst verraten. Sie trennten sich nach einer halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht loslassen. Dreimal kehrte sie sich um, als sie schon gegangen war, und sank wieder an sein Herz. Mir ist, sagte sie, als ob ich dich zum letztenmale sähe! Ach, mein Herz ist so beklommen! Er suchte sie mit der nahen hoffnung zu trösten, und riss sich endlich mit Gewalt von ihr los, weil er fürchtete, Brigitten ungeduldig zu machen. Mariane kam weinend zu ihr; sie habe, sagte sie, traurige Dinge von ihrem Vater erfahren. – Siegwart schlich sich nach seiner kammer. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Unaufhörlich weinte er vor Zärtlichkeit und Liebe, und ängstlicher dunkler Ahndung vor der Zukunft.

Den andern Morgen sprach er mit Brigitten. Mariane ist sehr niedergeschlagen und halb krank, sagte sie; er muss ihr traurige Dinge entdeckt haben. – Ja wohl traurige, war seine Antwort; das arme Frauenzimmer leidet viel. Nur noch Einmal machen Sie, dass ich sie sprechen kann! Bis dahin hoff ich, ihr angenehmere Nachrichten geben zu können; und dann wollen wir suchen, diesen Aufentalt zu verlassen. Er nahm sie bei der Hand, und blickte sie zärtlich an. Sie erwiderte diese Blicke, und versprach, ihm noch einmal eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen. Er war nun voll froher Hofnungen