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stimme zu vergehen; konnts nicht länger aushalten, und ging aus der Kirche, weil er fürchtete, man möchte ihm seine heftige Bewegung ansehen! – Mit der Schwester Brigitte, die er oft im Garten und im Kloster sah, machte er sich bald bekannt. Das arme Mädchen schien an dem artigen Gärtner nur gar zu viel Wohlgefallen zu finden, und ging ihm alle Schritte und Tritte im Garten nach. Siegwart kam dadurch in eine sehr unangenehme Lage, und musste sich stellen als ob ihm an Brigitta sehr viel gelegen sei. Oft lag ihms schon auf der Zunge, dass er sich nach Marianen erkundigen wollte, aber Furchtsamkeit, sich zu verraten, hielt ihn immer wieder zurück.. Er fragte nur von fern nach den verschiednen Klosterfrauen. Brigitte machte ihm eine allgemeine Beschreibung davon, und sagte, zu seinem grössten Misvergnügen, gerade von seiner Mariane am wenigsten, ausser, dass sie immer sehr blass ausseh, und unaufhörlich traurig sei. Weil er es noch nicht für ratsam ansah, sich Brigitten anzuvertrauen, so schrieb er ein paarmal an Marianen, legte den Brief an einen Ort, wo ihn Rotfels, dem der Ort bezeichnet war, entweder selber abholte, oder durch einen alten Bedienten abholen liess, und ihn so, durch Pater Klemens Hand, Marianen zuschickte. Sie wusste nun, dass ihr Geliebter ihr so nah, und als Gärtner im Kloster sei; aber sie fand doch keine gelegenheit ihn allein zu sehen, oder gar zu sprechen, weil man auf sie sehr genau Acht gab, und ihr, welches Siegwart nicht wusste, Brigitten noch besonders zur Aufseherin bestellt hatte.

Einmal kamen die Nonnen, an einem sehr heitern Herbsttage, nach dem Mittagsessen mit ihrer äbtissin in den Garten, als Siegwart eben hinter der Hecke stand, und die losgerissnen Zweige wieder an den Stangen fest machte. Er hatte sie noch nicht wahrgenommen, und sang bei der Arbeit sein Gärtnerlied, das er einst an einem traurigen Abend gemacht hatte, und seitdem beständig sang, in der hoffnung, dass ihn Mariane vielleicht zuweilen hinter dem Fenster zuhöre. Das Lied hiess so; und er sangs nach einer sehr traurigen Melodie:

Es war einmal ein Gärtner,

Der sang ein traurigs Lied.

Er tat in seinem Garten

Der Blumen fleissig warten,

Und all sein Fleiss geriet.

Und all sein Fleiss geriet.

Er sang in trübem Mute

Viel liebe Tage lang.

Von Tränen, die ihm flössen,

Ward manche Pflanz begossen.

Also der Gärtner sang!

Also der Gärtner sang!

"Das Leben ist mir traurig,

Und gibt mir keine Freud!

Hier schmacht' ich, wie die Nelken,

Die in der Sonne welken,

In bangem Herzeleid,"

In bangem Herzeleid.

"Ei du, mein Gärtnermädchen,

Soll ich dich nimmer sehen?

Du must in dunkeln Mauren

Den schönen May vertrauren?

Must ohne mich vergehn,

Ach, ohne mich vergehn?"

"Es freut mich keine Blume,

Weil du die schönste bist.

Ach, dürft ich deiner warten,

Ich liesse meinen Garten,

Sogleich zu dieser Frist,

Sogleich zu dieser Frist!"

"sehe' ich die Blumen sterben.

Wünsch ich den Tod auch mir.

Sie sterben ohne Regen,

So sterb' ich deinetwegen.

Ach wär' ich doch bei dir!

Ach wär' ich doch bei dir!"

"Du liebes Gärtnermädchen:

Mein Leben welket ab.

Darf ich nicht bald dich küssen,

Und in den Arm dich schliessen,

So grab' ich mir ein Grab.

So grab' ich mir ein Grab."

Ei wie schön, Gärtner! rief eine stimme als er ausgesungen hatte; und indem er aufsah, erblickte er jenseits der Hecke in einem andern gang die äbtissin mit den andern Nonnen. Sein Schrecken war doppelt gross, teils wegen des Liedes, das er gesungen hatte, teils weil keine Mannsperson im Garten sein sollte, wenn die Nonnen drinn waren. Aber die äbtissin hatte diessmal selbst das Läuten vergessen, welches das Zeichen war, dass die männlichen Bedienten sich entfernen sollten. Er stand zitternd, und todtenbleich da, hielt die Mütze in die Hand, und bat stotternd um Vergebung. Plötzlich erblickte er zuhinterst eine Nonne, die der ganzen Stellung nach seine Mariane war; aber er sah auch ihr himmlisches, blasses Gesicht durch den Schleier schimmern. Er konnte vor Zittern kaum mehr stehen, und ward noch verwirrter. Zum Glück für ihn hielt man die plötzliche Ueberraschung für die Ursache seiner Verwirrung. Die äbtissin sprach noch ein paar Worte mit ihm, und liess ihn dann gehen, welches ihm recht herzlich lieb war. Mariane befand sich auch in der äusserster Verlegenheit, und hatte Mühe, ihre Unruhe zu verbergen.

Brigitta hielt sich immer mehr zu Siegwart, und suchte, ihn so viel als möglich war, zu sprechen. Da er ihr Zutrauen so sehr gewonnen hatte, so hielt er dafür, es sei nun Zeit, sich wegen Marianens etwas genauer gegen sie herauszulassen; und dazu bot sich nach etlichen Tagen die gelegenheit von selbst an. Siegwart musste, weil die Witterung rauh zu werden anfieng, die Blumentöpfe, und die Kübel mit den Pomeranzenund Lorbeerbäumen ins Gewächshaus bringen. Brigitte hatte dazu den Schlüssel, und war gegenwärtig, als er die Kübel in Ordnung stellte. Weil die Handlanger abund zugingen, um die Töpfe zu holen, so tat sie, wenn sie allein mit ihm im Gewächshaus war, ziemlich vertraut gegen ihn