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Bier und Wein und Fleisch genug geben. Sie schickten durch etlich junge Mädchen, die sie, auf Anordnung ihres Geistlichen, als Schäferinnen gekleidet hatten, unter Musik von Geigen und Schallmeien, einen, mit Kornblumen durchflochtenen Aehrenkranz, und ein Schaf, das das älteste Mädchen an einem roten Band führte, wobei sie zugleich eine artige Glückwünschungsrede an Teresen hielt.

Siegwart ward durch diese allgemeine Freude, und noch mehr durch die hoffnung, seine Mariane bald wieder zu erhalten, wieder neu belebt. Er war mit der Welt fast ganz wieder ausgesöhnt, empfand die Schönheit der natur, und das Glück der menschlichen Gesellschaft wieder; seine Wangen wurden wieder rot, seine Augen wieder helle, und sein Herz erweitert. Aber die Ungeduld stürmte doch beständig in ihm, und sein Herz war immer nur halb da, wo sein Leib war.

Die Zeit, dass er nichts von Rotfels und von seiner Mariane hörte, ward ihm endlich zu lang. Er wollte eben an einem Nachmittag weg reiten, als Rotfels selber kam. Schon sein heitres Aussehn verkündigte gute Nachricht. Munter, mein lieber Siegwart! sagte er. Es wird alles gut gehen! Der Pater ist nun ganz auf unsrer Seite. Hier ein Brief von Marianen! Siegwart riss ihn zitternd auf, und las, so geschwind, dass er nach dem ersten Durchlesen kaum den Inhalt des Briefes wuste.

Mein Geliebtester!

Wie erstaunt ich nicht, als mir der Pater einen Brief von Ihrer Hand gab! Ich ward fast ohnmächtig bei dem Lesen. So sind Sie mir so nah, mein Teurester? Ach, was hab ich ausgestanden, seit ich von Ihnen getrennt bin! Doch Sie sollen nicht mit mir leiden. Und nun, mein Teurester, was ist anzufangen? Ich habe das Gelübde noch nicht abgelegt; aber ich werde hier streng bewacht. Ich warf mich Gott in die arme, um auch im Kloster sind Menschen, und es geht mir hart. Retten Sie mich, wenn Sie können! Ich weiss, Gott will nicht, dass der Mensch sich quäle; und hier halt' ichs nicht lang aus. Ich bin sehr schwach und entkräftet. Man verspottet mich, und hält mich hart, weil ich geliebt habe; weil ich dich geliebt habe, du Vollkommener! Gott kann nicht so grausam sein, wie Menschen sind; darum darfst du mich aus ihrer Hand erretten.

Tun Sie, was Sie können! Ich kann nichts tun. Ich habe nur Eine Freundinn hier, der ich halb trauen kann, weil sie Mitleid mit mir hat. Es ist die Schwester Brigitta, die die Aufwartung im Kloster versieht. Machen Sie sich mit ihr bekannt; vielleicht kann sie ein Werkzeug meiner Erlösung werden. Aber um Gotteswillen behutsam! Sonst muss ichs entgelten. Sie darf nichts wissen, als dass wir uns zu sprechen suchen. lebe wohl, Teurester! Vielleicht gibt dich Gott mir wieder. Und das ist mein Gebet, Tag und Nacht. Sonst kann ich nichts wünschen, als den Tod. lebe wohl, Geliebtester!

Weinend gab Siegwart den Brief seinem Kronhelm in die Hand; Er selbst ging ans Fenster, sah gegen Himmel, weinte laut, und flehte Gott um Beistand an, Marianen zu erretten! – Ratet, Ratet! sagte er zu seinen Freunden, was ich tun muss? Der Gedanke, dass sie leidet, und um meinetwillen leidet, ist mir unerträglich; Ratet! dass ich bald sie retten kann. Soll ich mit Gewalt sie holen, oder mit List? Ihr müst raten! Denn ich weiss mir nicht zu helfen; Ich bin ausser mir vor Freud und Schrecken.

Um Gotteswillen, nicht mit Gewalt! riefen Kronhelm und Terese. Du würdest sie nach einer Stunde wieder verlieren, und in Ewigkeit nicht wieder sehen. Ohne Behutsamkeit und List wird sie niemals dein. – Ich habe schon darüber nachgedacht, fiel Rotfels ein. Siegwart muss sich in verstelter Kleidung nahe bei dem Kloster aufhalten, und auf Zeit und Umstände passen. Es fiel mir eine List ein, als mir Pater Clemens den Brief übergab, und ich suchte die Sache sogleich bei ihm einzufädeln. Wie wärs, wenn Siegwart eine Zeitlang als Gärtner bei mir wäre. Ich würde denn einmal mit dem Pater reden, dass er ihn im Kloster, wo man eben einen Gärtner nötig hat, empföhle? – Schön! Schön! riefen Kronhelm und Terese. Diese List kann gehen, wenn du Klugheit und Geduld hast, Bruder! – Ich will alles tun, versetzte Siegwart, was ihr mir befehlt. wenn es nur hurtig geht!

Es ward sogleich beschlossen, dass Siegwart noch denselben Abend mit Rotfels in Gärtnerkleidung auf sein Schloss fahren sollte. Man riet ihm alle mögliche Behutsamkeit an; seine schönen langen Haare wurden ihm abgeschnitten; eine Gärtnerskleidung ward ihm angelegt, und er fuhr mit Rotfels weg, nachdem er mit tausend Tränen von seinen Freunden, die ihm alles mögliche Glück anwünschten, Abschied genommen hatte. Rotfels erfuhr unterwegs von Siegwart, dass er die Gärtnersgeschäfte sehr gut versehen könne, weil er in seiner Jugend mit Teresen beständig den Garten seines Vaters gebaut habe. Rotfels versprach, ihm bald gelegenheit zu verschaffen, mit dem Pater zu reden, so, dass er noch diesen Herbst in die Klosterdienste treten könne. Siegwart bekam den Namen Georg, und trat gleich den folgenden Tag seinen Dienst in Rotfels Garten an. Er arbeitete den Tag über sehr ämsig, und wusste sich so gut in seinen