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Siegwart eilte mit ihm dis Treppe hinauf, und konnte es kaum erwarten, bis sie miteinander im Zimmer waren. Sie ist es! sagte Rotfels. Es ist weiter gar kein Zweifel. Ist sies, ist sies? rief Siegwart, und fiel ihm um den Hals; aber weiter, weiter, bester Rotfels! Der Pater, fuhr dieser fort, war gestern Abend bei mir, und da erfuhr ich durch viele Umschweife, dass er der Beichtvater des Frauenzimmers sei, dass das Kloster Marienfeld, und das Frauenzimmer Mariane heisse, und eine Hofratstochter aus Ingolstadt sei; dass sie unaufhörlich bet und weine, und künftiges Frühjahr eingekleidet werden solle. – Aber weiter, weiter! sagte Siegwart. Das ist nicht genug! – Weiter hab ich nichts erfahren können, antwortete Rotfels, aber doch hab ich den Pater Klemens so weit gebracht, dass er mir, nach vorhergegangenem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit, versprach, wenn er wieder ins Kloster komme, ein Briefchen von mir an das Frauenzimmer abzugeben, weil ich vorgab, ich sei nah mit ihr verwandt. Anfangs wollt er lang nicht dran, weil er sagte: Ich wolle wohl der Kirche eine Braut stehlen, aber als ich ihn auf meine Ehre versicherte, dass dieses gar nicht meine Absicht sei, weil ich ja schon eine Braut habe, gab er sich endlich zur Ruhe. Ueberhaupt hat er mehr den Schein eines eifrigen Religiösen, als er es in der Tat ist. Wenn er sich nur von seiner Seite in Sicherheit weissund darauf schwur ich ihmso kann ich ihn brauchen, wie und wozu ich will; denn der Schalk weiss wohl, dass er von mir viel zu geniessen hat. – Wir müssen jetzt nun sehen, was zu tun ist? Siegwart muss mir zuförderst einen Brief an Marianen geben; das übrige müssen wir von Zeit und Umständen erwarten.

Siegwart war vor Freuden ausser sich; er umarmte Rotfels und Kronhelm tausendmal, und doch, als der erste Taumel vorbei war, schien ihm alles viel zu langsam zu gehen. Er wollte am Ziel sein, eh er den Weg dahin beträte. Seine Freunde sprachen ihm soviel als möglich Geduld und Gelassenheit ein, und baten ihn, nur erst an Marianen zu schreiben. Er schrieb auch noch denselben Abend diesen Brief, und gab ihn Rotfels mit:

"Also lebst du noch, du Engel, und ich hab umsonst dich als tot beweint? Dank, ewiger Dank sei dem Geber des Lebens und des Todes, dass er dich mir nicht entrissen hat, und dass ich hoffen kann, noch einmal dein zu werden! O du Teure, der lichte Stral der hoffnung hat mein dunkles Leben wieder aufgehellt, und mir gewinkt in meiner Trauer, dass ich wieder geh ans Licht des Tages, und mich froher Aussicht freue! Zwar du Engel traurst in düstrer Zelle? Aber deine Trauer soll nicht ewig währen! Der dich mir erhielt, der Gott der Liebe, wird dich wieder geben meinen Wünschen. Menschen wollten einem andern Bräutigam dich geben; und du hast schon einen Bräutigam, und er traurt und weint um dich. – Sei nicht treulos, meine Liebe! Eil ihm wieder zu mit deinen Küssen, die der Himmel billigt! – Bald will ich suchen, dich zu sprechen und zu retten. Hilf mir selbst dazu, und gib mir Antwort, nur in wenig Zeilen! Ich bin dir nah, bei meinem Schwager und bei meiner Schwester, die mit gutem Rat mich unterstützen. Bleib standhaft, o Geliebte, und vergiss mich nicht! Ich bin jeden Augenblick bei dir; meine Seele ist stets ausser ihrem Körper, und umschwebt dich. Bald hoff ich ganz bei dir zu sein. Bet und glaube an die Vorsehung, und überlass die Bedenklichkeiten mir! Fürchte nichts vom Pater Klemens! Gib ihm nur bald deine Antwort! Sag, sie sei für Herrn von Rotfels deinen Anverwandten! Er ist ein junger Edelmann, hier in der Nachbarschaft, der die Schwester meines Kronhelm heiratet, und sich unsrer treulich annimmt. Ewig dein Siegwart."

Rotfels nahm den andern Morgen den Brief mit, und versprach, ihn aufs früheste und genaueste zu besorgen. Er hofte, den Pater Klemens noch so auf seine Seite zu bringen, dass man ihm einen teil der Geheimnisse anvertrauen könne; denn gänzliche Verschwiegenheit sei die einzige Bedingung; wenn er dieser versichert sei, so sei er auch im Stand, alles zu unternehmen. Siegwart versprach von seiner Seite die möglichste Behutsamkeit und Vorsicht, nur bat er um die äusserste Beschleunigung der Sache, denn zitternde Ungeduld belebte jetzt jede seiner Handlungen.

Terese erholte sich nun immer mehr, und konnte bei den schönen Herbsttagen schon zuweilen wieder einen halben Nachmittag im Garten zubringen. Kronhelms und ihre Glückseligkeit war nun wieder auf dem höchsten Gipfel. Seine Terese blühte wieder auf, wie eine Blume, die in der Sonnenhitze dahin gewelket war, und sich nun im Abende und Morgentau mit neuer Kraft und neuen Düften wieder aufrichtet. Kronhelm sah sein Ebenbild, den jungen Wilhelm an ihrer mütterlichen Brust liegen, und wenn er sich einen Augenblick entfernen muste, so küsste Terese in dem kleinen Liebling ihren teuren Kronhelm. Die Freude über ihre Widergenesung war im Schloss und im Dorf allgemein. Die Bäurinnen kamen eine nach der andern, um ihre liebe gnädige Frau wieder zu sehen, und ihr Glück zu wünschen. Die bauern hielten an, ob sie nicht einen Tanz deswegen halten dürften? Kronhelm liess ihnen