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Bett aufhalten. Sie und ihr Kronhelm empfanden nun das Glück der Zärtlichkeit zehnfach mehr, als vorher, ehe das Unglück der Trennung sie bedrohet hatte. Es war ihnen, als ob ihre Liebe sich nun erst recht anfinge, und alles vorherige Glück war in ihren Augen nur ein Traum.

Einen Abend sassen sie beisammen, und Herr von Rotfels kam dazu. Siegwart fing vom Kloster zu reden an, dass die Antwort sich so lang verzögereWeil wir eben vom Kloster und von Kapuzinern reden, sagte Rotfels, so fällt mir eine geschichte ein, die ich dieser Tagen von einem Kapuziner hörte. Sie betrifft ein Frauenzimmer und ist sehr traurig. Das wenige, mein Siegwart, was ich von Ihrer geschichte, und von Ihrem Mädchen weiss, passt ziemlich auf Sie. Ein Kapuziner, er heisst Bruder Klemens, kommt zuweilen zu mir, weil er unter guten Freunden ein Gläschen Wein nicht verschmäht. Neulich, eh das starke Gewitter kam, war er bei mir, und ward durch den Rheinwein etwas munter. Ich bat ihn, die Nacht bei mir zuzubringen, weil der Regen anhielt, und der Weg sehr verdorben war. Er liess sichs gefallen. Als der Wein ihm noch mehr zu Kopf stieg, und wir auf die Nonnen zu sprechen kamen, fing er an: Gestern hab ich in einem gewissen Kloster eins der schönsten und unglücklichsten Frauenzimmer gesehen; denn sie hat, so oft ich sie noch sah, immer geweint, und grämt sich gewiss bald zu Tod, und doch ist es ein Mädchen, rein und unschuldig und schön, wie die Mutter Gottes. O ich möchte Blut weinen, wenn ich sie sehe, oder an sie denke, denn ihr Schicksal ist sehr hart! – Er wollte mir nichts weiter sagen. Endlich erfuhr ich doch soviel: Sie sei mit Gewalt ins Kloster gesteckt worden, oder wenigstens hab eine unglückliche leidenschaft sie dahin getrieben; sie sei jetzt bald ein Vierteljahr da, und von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, die sehr hart mit ihr umgegangen sein, dahin gebracht worden. – Das ist sie, das ist sie! rief Siegwart, indem er aufsprang, und dem jungen Rotfels um den Hals fiel. Um Gotteswillen, Rotfels, wo ist der Pater? Wo ist sie? Bringen Sie mich hin! Um Gotteswillen tuns Sies! Das ist Mariane; das kann niemand anders sein u.s.w. Er zog Rotfels fast mit Gewalt aus der stube, dass er ihn zu Marianen bringen sollte. Kronhelm und Rotfels hatten nur Mühe, ihn zurück zu halten, und ihm vorzustellen, dass hier die gröste Behutsamkeit nötig sei, zumal da der Pater weder den Namen des Klosters, noch des Frauenzimmers, noch andre zuverlässige Kennzeichen angegeben habe. Inzwischen glaubten Kronhelm und Terese auch, dass das Frauenzimmer Mariane sei. Sie baten Rotfels, den Pater, sobald als möglich, noch genauer auszuforschen, und auf alle Umstände aufmerksam zu sein. Deswegen erzählte ihm Siegwart seine ganze geschichte, beschrieb ihm Marianen aufs kenntlichste, und bat ihn fast auf den Knien, sich die Sache, wie seine eigne, angelegen fein zu lassen, und die Unterhandlung aufs schleunigste zu betreiben. Kronhelm und Terese, die, natürlich! bei der Sache kälter waren, rieten ihm die grösste Heimlichkeit und Behutsamkeit an, und Rotfels versprach, alles aufs möglichste zu beobachten.

Siegwart war nun wieder wie neugebohren. Alle sein Ueberdruss der Welt und der menschlichen Gesellschaft war vergessen. Er sah und hörte nichts, als Marianen; konnte keinen Augenblick an einem Ort bleiben, und kannte sich vor Freuden und ungeduldiger Erwartung selbst nicht mehr. Es war ihm jetzt schon genug, nur etwas von Marianen zu wissen. Alle andre Schwierigkeiten, wie er sie aus dem Kloster kriegen, und wie sie sein werden könnte, bedachte er jetzt gar nicht. Alles auf der Welt schien ihm möglich; nur die Zeit ging ihm viel zu träg; er schien sie mit seinen Sehnsuchtsseufzern fortauchen zu wollen. Rotfels, der die Nacht in Steinfeld hatte bleiben wollen, muste, auf sein Zubringen, noch denselben Abend auf sein Schloss zurückreiten, um nur bald den Pater Klemens zu sprechen, und ihm sogleich weitere Nachricht zu geben.

Kronhelm und Terese hingegen sahen noch tausend Schwierigkeiten vor sich. Denn fürs erste war es noch nicht ausgemacht, dass das beschriebne Frauenzimmer Mariane sei; und dann, wenn sies wäre, wie wollte Siegwart sie sprechen, und wie sie wieder aus dem Kloster los bekommen? Alle diese und noch hundert andre Bedenklichkeiten schwebten vor ihnen; sie beredeten sich darüber miteinander, und wünschten nur, dieselben nach und nach unserm Siegwart beizubringen! Aber dieses war unendlich schwer. Wenn sie sich nur von ferne etwas merken liessen, so baute er entweder vor, oder geriet in die heftigste Bewegung darüber; nannte sie kleinmütig und ängstlich, oder warf ihnen vor, sie nehmen an seinem Schicksal keinen Anteil, und wollten sich seinem Glück entgegen setzen. Alles, was sie bei ihm ausrichten konnten, war, dass er seine Ungeduld etwas minderte, und ein klein wenig behutsamer wurde; denn er sprach immer, auch in Gegenwart der Bedienten, von Marianen und ihrer Entführung.

zwei Tage drauf, die er in der ungeduldigsten Erwartung zugebracht hatte, kam Rotfels wieder. Siegwart sprang ihm mit lautem Herzklopfen in den Hof hinab entgegen, und rief ihm zu: Wie stehts? Rotfels winkte mit der Hand, weil zwei Bediente gegenwärtig waren.