barg dich meinen Augen. Nun ist meine Seele trüb, und wünscht zu sterben.
Ich hab eine Ruhestatt gefunden, fern von Menschen. Dicke Wälder haben sie umzäunt, dass kein sterblich Auge durchbringt. Neid und Stolz und Bosheit haben diese Stätte nie betreten. Nur ein Grab ist da, und eine Hütte, und ein Leidender. Auf dem grab hab ich jüngst gesessen, und der Leidende hat mich umarmt, und ist mein Bruder. Er wünscht auch zu sterben. Und nun will ich hingehn, und mit ihm vom tod reden, und dann soll er mich begraben, und das Grab nicht schliessen, denn am Trone des Allmächtigen will ich für ihn beten, dass er bald zu mir hinuntersinke, und vergesse seiner Leiden!
O Geliebte, wenn du schon entflohen bist der Erde, so steig nieder auf den Abendwolken, wenn der Wind durch meine Tannenwipfel säuselt; oder wenn der Mond durch sie herabscheint, und der Wind schweigt; steig hernieder, um mir Trost und Ahndung meines nahen Todes zuzulispeln; um mein Herz zu unterstützen, bis ich ausgerungen habe, dass die Seele, wenn sie scheidet, dir entgegen eile, und in deinem Arm zuerst des himmels Seligkeit empfinde! – Oder wenn du noch im Tal der Tränen weinest; und ich lieg und ruh im grab, o so führe dich dein Engel an die Stätte, wo mein Grab ist, dass du weinest, und dann sterbest! – Wenig Tage bleib ich noch bei meinen Freunden. Ach, sie leiden viel um meinetwillen, und sie sollten glücklich sein. Ich will sie verlassen, dass ihr Tränenquell versiege, dass mein Gram nicht ihre Freuden störe! Denn die Liebe hat, was sie so selten tut, mit ihren Freuden sie gesegnet. Meine Tränen sollen ihren Kranz von Freuden nicht benetzen; darum eil ich in den Wald und sterbe. –
Kronhelm kam dazu, als er dieses ausgeschrieben hatte. Hier, Geliebter, sagte Siegwart, wenn noch Mariane leben sollte, und du einst von ihr erführest, gib ihr dieses Blatt! Sie wird es küssen, und drauf weinen, und das Blatt durch ihre Tränen heiligen. – Kronhelm las das Blatt, und ward sehr dabei bewegt. Er sah wohl, dass die Seele seines Schwagers tief gebeugt, und schwer zu heilen sei. Daher wagte er es auch nicht, ihm Trost einzusprechen, und ihm von seinem Vorhaben, in die Einsiedelei zu gehen, abzuraten. Vielleicht, dachte er, in den acht Tagen, die er noch zu bleiben versprochen hatte, ein Mittel ausfindig zu machen, ihn zurück zu halten, und seine düstre Schwermut etwas zu zerstreuen.
Ein paar Tage drauf fand er, in Teresens Gegenwart, gelegenheit, von der Sache wieder anzufangen. Er drang sehr in ihn, wenn er doch ja sich von der Welt absondern wolle, lieber, seinem ersten Vorsatz zufolge, in ein Kloster, als in eine Einsiedelei zu gehen, weil er doch als Mönch der Welt noch mehr nutzen könne, als wenn er ein Einsiedler werde. Er riet ihm dieses hauptsächlich um seiner Gesundheit willen, und weil er hoffte, sein Schwager würde vielleicht in dem Probjahr am Kloster genug kriegen, und gern wieder in die Welt zurück kehren. Er wuste dieses, von den Bitten seiner Frau unterstützt, so annehmlich vorzutragen, dass Siegwart endlich in diesen Vorschlag willigte. Kronhelm wollte ihn auch überreden, in ein benachbartes Augustiner Kloster zu gehen, teils, weil das Kloster seinem Schloss so nahe lag, teils weil die Regel dieses Ordens minder streng ist, aber Siegwart wollte schlechterdings in das Kapuzinerkloster zu *** treten; und hierinn muste ihm sein Schwager nachgeben, und ihm auch versprechen, nächstertagen seinetwegen an den dortigen Guardian zu schreiben.
Allein er ward durch eine unglückliche Begebenheit daran verhindert. Seine Terese sollte niederkommen, und die Geburt war so schwer, dass sie in die äusserste Lebensgefahr dabei kam. Das Kind, ein Knäblein, war gebohren; aber zwei geschickte ärzte, die herbei gerufen waren, zweifelten am Aufkommen der Mutter. Der arme Kronhelm ging verzweifelnd und halb tot im Schloss herum, rang die hände, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Das ganze Schloss war ein Haus des Jammers. Siegwart kam fast nie vom Bette seiner Schwester, und zerfloss in Tränen. Die Dienstboten sahen alle blass aus, wie der Tod, meinten in allen Ecken, und wagtens kaum, laut zu sprechen, oder sich um das Befinden ihrer besten Frau zu fragen, weil jeder fürchtete, die Todespost zu hören. Kronhelm wollte nicht vom Bette weggehen; als er aber einmal übers andre ohnmächtig wurde, so brachte man ihn endlich, auf den Rat der ärzte, in einer Ohnmacht auf sein Zimmer, und bat unsern Siegwart, ihn zurück zu halten, nicht wieder vors Krankenbette zu kommen, weil sein Aechzen seine ohnedies schon genug geschwächte Frau noch mehr entkräftete.
Terese lag, mit himmlischer Gelassenheit, das Gesicht schon fast mit Todesschweiss bedeckt, auf ihrem Bette; sah bald mit halbgebrochnen Augen gegen Himmel, bald suchte sie mit ängstlicher und liebvoller Sorgfalt ihren Kronhelm, hätt ihm gern gerufen, wenn ihr die stimme nicht entgangen wäre; dann weinte sie, dass sie umsonst ihn suchte. Sie verlangte durch einen Wink ihr Kind, schloss es mit schwachen Händen an ihr mütterliches Herz küsste es, und sah gegen Himmel, als ob sie ihren Liebling in die hände des Allmächtigen empföhle. Drauf