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hiess der junge Edelmann, von dem ihm Kronhelm geschrieben hatte, dass er seine Schwester Sibylle heiraten würde,) kam sehr oft nach Steinfeld, und blieb manchesmal zwei bis drei Tage da; oft besuchten sie ihn auch auf seinem Schloss. Er war ein angenehmer junger Mann, der in Wien, wo er studiert hatte, sich viel gelehrte und noch mehr Weltkenntnisse gesammelt hatte. Er fühlte viele Zuneigung gegen Siegwart, und nahm an seinen traurigen Schicksalen vielen Anteil. Er würde auch Siegwarts Herz und Zutrauen ganz gewonnen haben, wenn er minder heiter, oder wenn Siegwart in einer glücklicheren Lage gewesen wäre. Aber der junge Rotfels genoss bei Sibyllen das völlige Glück der Liebe; daher war sein Herz und sein blick immer munter; und ein fröhliches Gemüt ist nicht für ein unglückliches geschaffen. Der Unglückliche fühlt den Abstand zu sehr; er will alles traurig um sich her sehen, und glaubt, dass ein Glücklicher an seinem Kummer keinen, oder doch keinen völligen Anteil nehmen könne. Daher schliesst er sich nicht an, und teilt sich nur dem mit, der gleiche Leiden mit ihm hat. Rotfels sah dieses, und hielt es bei Siegwart für Abneigung von ihm; daher vermied er es, viel mit ihm allein zu sein, und ihre Seelen kamen sich, durch diesen Misverstand, nie ganz nahe.

Eines Tages sass Siegwart allein und schwermütig in einer Laube im Garten, wo Marx eben die Blumen begoss. Siegwart rief ihm; Marx, hat er denn noch keine Nachricht von dem Frauenzimmer? – Nein, junger Herr! – rede er einmal aufrichtig mit mir! Glaubt er wohl, dass ich bald etwas gewisses erfahren werde? Hintergeh er mich nicht! Es ist mir alles an der Sache gelegen; ich muss sie zuverlässig wissen! – Marx fing an zu weinen, und ihm langsam näher zu treten. Ach, junger Herr! Es mag nun gehen, wie es will, ich kanns so nicht länger aushalten; es muss heraus! Ich weis gar nicht von der Jungfer; man kann in der ganzen Gegend keine Nachricht von ihr geben. Ich weis nicht, ist sie tot, oderAber werden Sie nur nicht böse! Lieber Gott, ich musste ja so sagenGeh nur, sagte Siegwart, ich will nichts weiter wissen! Er legte sich mit dem Kopf zwischen seine hände auf den Tisch, und fing an zu weinen. Weis man nichts von ihr? Ist sie tot, oderGott, ach Gott! Warum bin ich doch nicht auch tot? Warum muss ich mich denn ewig leiden? – So jammerte er fort, bis Kronhelm, ohne dass er es merkte, in die Laube trat. Was fehlt dir, Bruder? fing er endlich an. Siegwart fuhr auf, sah seinen Schwager eine Zeitlang starr an; weist du schon, dass alles nichts ist? dass sie und ich verlohren ist? – Wer denn, Bruder? Mariane! Wer denn? Es ist alles nichts! Alles erdichtet und erlogen! Wer weis, wo sie ist! Vielleicht tot! Vielleicht ... O, ich halts nicht länger aus! Ich muss aus der Welt! heute noch, oder morgen! In die Einsiedelei! Da soll mich keine lebendige Seele mehr zurückhalten! Ihr meints nicht ehrlich, dass ihr mich so hintergeht; dass ihr mir nicht sagt: Pack dich aus der Welt! – Kronhelm hatte viele Mühe, ihn nur etwas zu besänftigen, und ihm begreiflich zu machen, dass sie zu seiner Ruhe so hatten handeln müssen. Siegwart sagte, das sei schon recht; er glaube es auch; aber er wolle nun in die Einsiedelei, und man sollt ihn nicht länger mehr zurückhalten! Kronhelm gestand ihm jetzt, um ihn nur ein wenig zu beruhigen, alles zu, bat ihn aber, wenigstens noch acht Tage bei ihm zu bleiben, welches endlich Siegwart zugestand.

Er ging auf sein Zimmer, weinte bitterlich, und schrieb endlich folgendes, an Marianen, nieder:

O du, bist du noch auf Erden? Duldest du noch unterm Joch des Lebens? Schmachtet deine Seele noch in ihrer Hülle? Oder bist du, Engel Gottes, aufgeflogen in die Wohnstatt der Erwählten? Trinkst du schon die Sonne, die nicht untergeht und keine Tränen sieht? Sind sie abgetrocknet dir von Engeln, und hast du vergessen aller Seufzer, die die Menschheit drükken? O du, sag, wie nenn ich dich, du Teure, du Geliebte, deren Seele mein war! Schwebt dein Geist um mich im Lichtgewande? Hörst du meine Seufzer? Trübt ein Wölkchen deinen Sonnenschimmer? O so rausch mit deinen Flügeln, dass ichs höre, und mich freue, dass dein Schmerz im Grab liegt, dass ich hingeh auf dein Grab, und sterbe! – Oder schmachtet deine Seele noch in ihren Banden; ist der Kerker des Lebens noch nicht durchgebrochen; o so bring ein Engel dir die Seufzer, und den Hauch der Liebe, den ich hier aufs Blatt hin hauche!

Engel, oder Mensch, ich grüsse dich, umarme dich mit meiner Seele. Ach, wir leiden viel, Geliebte! Doch mir wäre wohl, wenn du nur überwunden hättest! Wiss! ich habe dich gesucht mit Tränen, und dich nicht gefunden! Wiss! ich rannte Wälder durch, und lechzete vor Ohnmacht, und ich hab dich nicht gefunden! Ach, ich glaubte dich zu finden, aber eine Wolke