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er sage dieses alles nur um meinetwillen, um mich zu bewegen, ihn zu meiner Erleichterung bei mir zu behalten.

Es ist wahr, es ging mir nah, den guten Kerl zu verlieren. Anfangs war mir die gänzliche Einsamkeit fast unerträglich. Nach und nach gewöhnt' ich mich daran. Es war noch kein Vierteljahr verflossen, da kam er eines Morgens zu mir. Herr, sagte er, ich komme wieder; aber nicht nur auf einen Besuch. Sie müssen mich bei sich behalten; Sie mögen un wollen, oder nicht! Ich kanns in der vertrackten Welt nicht länger aushalten. Das sind mir Menschen! Man kommt schlechterdings auf einen grünen Zweig, wenn man nicht ein Spitzbube werden will. Ueberall ist nichts, als Lug und Trug. Man muss entweder sich betrügen lassen oder elbst betrügen. Keins von beiden mag ich! Warum sollt ich mich alle Tage halb zu Tod ärgern? Da hatte ich mir mit dem Geld, das Sie mir gegeben hatten, eine Dorfschenke gekauft. Fürs erste must ich schon weit mehr dafür bezahlen, als sie wert war, und dann hatte ich nichts, als täglich Aerlei und Verdruss. Das Saufen und Lärmen nahm kein Ende; täglich must ich die ärgerlichsten Dinge mit ansehen, und mit anhören. Beim Spiel sah ich immer einen den andern betrügen; beim Trunk gabs nichts als Händel; kurz einer ist immer gegen den andern. Da verkauft ich meine Wirtschaft wieder an einen armen Schlucker, ders wohl brauchen konnte, denn er hat nicht mehr als neun Kinder zu ernähren; nahm meinen Wanderstab, und bin nun wieder hier. Mein Lebtag will ich nun nichts mehr mit Menschen zu tun haben. Bei Ihnen ist mir wohl, denn ich weiss, dass fies ehrlich meinen; ob Ihnen gleich auch alles in der Welt schief ging. – Ich nahm den guten Kerl mit Freuden wieder auf, denn ich konnte ihm nicht ganz Unrecht geben. Wir lebten im Frieden miteinander, bis ungefähr vor fünf Jahren; da bekam er ein hitziges Fieber, und starb. Ich hab ihn hier begraben, und wir sitzen hier auf seinem Grab. jetzt lebe ich so mein Leben hier, bis es Gott gefallen wird, mich auch abzurufen.

Beide schwiegen eine Zeitlang stilt. Siegwart war sehr bewegt. Endlich sagte er, wenn ich meine Mariane nicht mehr finde, und du nimm so mich auf, so bring ich auch meine Lebenszeit bei dir zu. Ich bin noch jung, aber ich habe schon gnug in der Welt geduldet, und nach den vielen Stürmen wird sich mein Leib auch nicht lange mehr ausrecht erhalten.

Ferdinand sagte, dass er ihn mit Freuden aufnehmen werde. Er soll sich aber wohl bedenken; er habe noch Verwandte, denen er Freude machen könne, und könn' überhaupt den Menschen noch viel dienen, welches bei ihm der Fall nicht sei. – Ich muss frisches wasser holen. Willst du mit mir. Sie gingen ungefähr 50 Schritte weit von der Hütte an einen etwas vertieften Ort, wo eine klare Quelle hervor strudelte. Siegwart liess sich überreden, diesen Tag noch bei dem Einsiedler zu bleiben, um sich von seiner Ermattung wieder zu erholen. Ferdinand wiess ihm seine Einrichtungen, wie er im Sommer anbaue, wie er sich im Winter fortbringe etc. Sie sprachen viel über die Verhältnisse in der Welt, dass sie gewöhnlich den Menschen mehr unglücklich, als glücklich machen, besonders über Stand und Vermögen. Ferdinand gab ihm allerlei gute Lehren, wegen Marianens, wenn er sie wieder finden sollte, und so brach unvermerkt der Abend an.

Sie sassen auf der Rasenbank, als sie plötzlich ein Geräusch in der Nähe hörten, und einen Reuter heran sprengen sahen, welches Marx war. Sind Sie da? rief er; nun Gottlob! und eilends ritt er weg. Der Einsiedler sah unsern Siegwart voll Erstaunen an. Sei unbesorgt! sagte dieser. Der Kerl ist meines Schwagers Bedienter. Vermutmutlich, soll er mich aufsuchen. Aber warum er so plötzlich wieder weggeritten in? kann ich nicht begreifen. Indem kam Marx wieder mit seinem Herrn, Kronhelm, der auch zu Pferd war. Kronhelm sprang von seinem Pferd, und umarmte Siegwart stillschweigend. Was treibst du? fing er endlich an. Ich suche dich seit zwei Tagen im Land herum, bis man mir von einem Einsiedler sagte, bei dem du vielleicht wärest. – Ja, hätt ich den Bauer nicht angetroffen, sagte Marx, der mir Bescheid gesagt hat, wir ritten noch im Nebel herum. – Kronhelm grüste nun erst den Einsiedler, und liess sich von seinem Schwager erzählen, wie's ihm gegangen sei, und wie er sich verirrt habe. Das beste ist, sagte endlich Kronhelm, wir reiten jetzt gleich aufs nächste Dorf, um da zu übernachten. Siegwart wollte Schwierigkeiten machen, aber Kronhelm nahms nicht an. Marx muste von seinem Pferd steigen, und Siegwart setzte sich darauf. Er ging mit dem Einsiedler voran, und wies den Weg aus dem Holz. Als sie an den Ausgang des Waldes kamen, nahm der Einsiedler Abschied. Siegwart sprang vom Pferd, küsste und drückte seinen lieben Ferdinand mit tausend Tränen, und versprach ihm noch einmal, zu ihm in seine Einsiedelei zu kommen, wenn er seine Mariane nicht mehr finde. Drauf ritt er mit seinem Kronhelm weiter, und rühmte ihm die Freundschaft, die der Einsiedler für ihn gehabt hätte; er erzählte ihm auch soviel von seiner geschichte