Ruhe ist es doch immer, wie mich deucht ...
Einsiedler. Und sehnsucht nach Ruhe; oder dass man sie an andern Oertern sucht, wenn man sie nicht in sich selbst hat. Und das, scheint mir, ist sehr oft der Fall. (Hier seufzte er.)
Siegwart. Leider! mag er es nur zu oft sein! Vielleicht sehen Sie mir es an, dass ich auch die Ruhe ausser mir aussuche. Ach, mein teurer Vater, darf ich Ihnen mich entdecken? Vielleicht wissen Sie ein Lindrungsmittel; und ich weiss, Sie würdens mir nicht vorentalten.
Einsiedler. Nein gewiss nicht! wenigstens werden Sie mein Mitleid haben, wenn es nichts weiter ist. Ich will Ihnen Ihr Geheimnis nicht abdringen. Oft ist es Grausamkeit. Aber wenn Sie mir es freiwillig entdekken wollen, so wirds mich freuen. Ich werde wenigstens Ihr Zutrauen nicht missbrauchen.
Siegwart erzählte ihm nun seine ganze geschichte. Der Einsiedler ward oft stark dabei erschüttert, und vergoss viele Tränen. – An manchen Austritten nahm er besonders teil. Zuletzt umarmte er unsern Siegwart mit den Worten: Du bist ein edler Jüngling, und verdienst mein ganzes Mitleid. Oft war mir es bei deiner Erzählung, als ob ich meine eigene geschichte hörte; nur dass diese noch schrecklicher und trauriger ist. Ich bin dir nun auch Zutrauen schuldig. Morgen sollst du meine geschichte hören. heute ist es schon zu spät, und der Abend ist sehr kühl. Du bist mud; deine Erzählung hat dich, wie ich sehe, heftig angegriffen, und du hast des Schlafs und der Ruhe nötig. Komm! Ich führe dich in die kammer.
Siegwart muste, so sehr er sich auch weigerte, in der kleinen kammer, in dem eignen Bett des Einsiedlers schlafen. Ich schlafe draussen, sagte er, in meiner Hütte; du hast der Ruhe und der Wärme nötiger als ich. Mach keine Umstände! Schlaf wohl! Mit diesen Worten ging er, und liess ihm das Licht in der kammer.
Als Siegwart eben in das Bette gehen wollte nahm er das Bildnis eines Mädchens wahr, das dem Bette gegen über hieng. Er betrachtete es, mit dem Licht in der Hand, genauer, und fand ein schönes, sanftes Gesicht mit schmachtenden blauen Augen, dem Wiederschein einer himmlischen, Seele. Er sah es lang mit Entzücken und mit Rührung an, dachte dabei an seine Mariane, weinte, und ging endlich, voll wehmütiger Gedanken, zu Bette. Auf die Ermattung des Tages schlief er ruhig, und wachte auf, als schon seitwärts durch die Tannenbäume einige gebrochne Sonnenstrahlen in die kleine kammer schienen. Er stunde auf, sah das Bild wieder eine halbe Stunde lang, unbeweglich an, kleidete sich drauf an, und ging vor die Hütte, wo der Einsiedler tiefsinnig und traurig auf der Rasenbank sass.
Haben Sie wohl geschlafen, teurer Vater? fragte Siegwart. rede mehr die Sprache der Vertraulichkeit, sagte dieser, und nenn mich Du! Wir sind beide unglücklich; und Unglückliche sind sich näher, und noch mehr Brüder, als andre Menschen. Du siehst heute frischer aus. Hast du gut geschlafen? Setz dich zu mir, auf den Rasen! Wir wollen erst miteinander beten! Er betete mit hoher Andacht, und heiligem Feuer, dass die Seele unsers Siegwart ganz erschüttert, und zum Himmel empor gehoben wurde. – Drauf nahm der Einsiedler seine Hand, und hub an:
Deine geschichte hat mich tief gerührt; sie ging mir beständig nach, und ich konnte fast die ganze Nacht nicht davor schlafen. Du hast viel gelitten, Lieber; aber stärke dich! Du kannst noch vieles auf der Welt erfahren. Ich hoffe, dass du Glauben an Gott hast. Bei allen Leiden, die ich ausgestanden habe – und es sind gewiss recht viele – hab ich das gelernt: Ohne Glauben an Gott und an sich selbst könnte man kein schweres Leiden überstehen. Selbstmord und Verzweiflung wäre stets die letzte Zuflucht, und sie ist es auch, leider! bei so vielen. Wer an Menschen glaubt, der wird zu Schanden, wie du schon erfahren hast. Ich traute mir, und noch mehr andern Menschen alles zu; ich glaubte, mir allein helfen zu müssen, und – ach Gott! – Wie tief bin ich gefallen! – Ich sah den Himmel an, und alle Sterne, dass sich ihre Menge nicht verwirrt. Ich sah Stürm und Blitz, und Donner aufstehn; sah die Elemente miteinander kriegen, und doch alles bleiben, wie es war. Ich sah Menschen miteinander kriegen; sah, wie immer einer gegen den andern ist; sah in mir und andern alles miteinander kämpfen; Leidenschaften in der Seele toben, dass es schien, sie müste aufgerieben werden – und doch blieb im Menschen Ordnung; Nach den tausend Stürmen kam doch wieder Ruhe; und ich huss mich auf, und sah gegen Himmel, fühlt es, dass nicht nur ein Gott im Himmel wohnte, sondern auch ein Gott, der alles kann, und alles ordnet, und die Wirrungen zerteilt, und wieder Eins macht, und mein Herz fing an zu glauben. Und ich faste Mut, und fühlt' an meinen Kräften, dass sie mir nicht so umsonst gegeben sind; und ich fing an, sie zu brauchen, und ich fühlte mich gestärkt. Ich überwand mein Herz, wenn es verzagen wollte, mit Hoffnung, und fester Zuversicht, und fand