Kopf in beide hände, und dachte: Ach Mariane, wenn wir hier in dieser Wildnis, und von Menschen abgesondert lebten, die gröstenteils so niederträchtig sind! Ach, mein Kleist hat Recht: Ein wahrer Mensch muss fern von Menschen sein! Wenn in dieser seligen und stillen Ruhe unser Leben unbemerkt, unbeneidet, ungekränkt, dahin flösse! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier wärest! Aber du traurst und weinst – Gott weiss, wo? – in irgend einem Winkel zwischen dunkeln Mauren um deinen armen Siegwart und verseufzst dein Leben. Ach, wenn ich dich hier an meinen Busen schliessen, und dich trösten könnte, wo kein Mensch wohnt, wo nur Engel unsre Liebe sehen und sich ihrer freuen würden! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier wärst! – Aber ich verschmacht in dieser Wildnis, und kein Mensch beweint mich, und kein Engel kann mich retten! – Gott, ach Gott, erhalt mich meiner Mariane!
So dachte er, stunde dann wieder auf, und ging weiter. Je tiefer die Sonn am Himmel hinunter sank, desto dunkler wards im Tannenwald, so dass ihm endlich zu grauen anfieng. Je länger er umher lief, desto weiter verlohr er sich im Wald, und er wollte schon dran verzweifeln, sich jemals wieder herauszufinden, als er endlich unter dem dicksten Tannengebüsch eine Hütte wahrnahm. Bei diesem Anblick ward ihm, als ob ein Engel ihm erschiene. Er eilte auf die Hütte zu, fand aber die tür verschlossen. Er ward darüber sehr betroffen, doch hoffte er, dass ihr Besitzer bald zurückkommen würde, und setzte sich auf die gegenüber angelegte Rasenbank. Die Hütte war fast bloss von Erde aufgebaut, das Dach mit Tannenreiss bedeckt, und statt der Fenster waren an der Seite nur ein paar kleine Oeffnungen. Um das Haus herum war ein freier Platz, wo etwas Küchengewächse, und auf der andern Seite einige, jung heranwachsende Fruchtbäume standen. Ein paar Kirschbäume hiengen schon voll Früchte, die, wegen der Dunkelheit des Waldes erst jetzt reiften. Siegwart konnte sich nicht zurückhalten, einige davon an den untersten Aesten abzupflücken, denn er war vom Hunger und Durst zu sehr abgemattet, und ausgemergelt. Eine halbe Stunde drauf kam endlich ein Einsiedler, in tiefen Betrachtungen verlohren, unter den dunkeln Tannen hergeschlichen. Siegwart stand ehrerbietig auf. Der Einsiedler erstaunte, als er einen Menschen in seiner Einöde wahrnahm. Anfangs war er so betroffen, dass er nicht reden konnte. Endlich ging er auf Siegwart freundlich zu, und sagte: Sie sind gewiss ein Unglücklicher, dass Sie in diese abgelegne Gegend kommen? Ja, antwortete Siegwart, ich bin verirrt, und laufe schon den ganzen Tag in diesem Wald umher. Armer Jüngling! versetzte der Einsiedler, Sie werden wohl sehr abgemattet sein? Ich will Ihnen bringen, was ich habe. Mit diesen Worten schloss er seine Tür auf, brachte etwas Brod und Käse heraus, und pflückte ihm Kirschen von den Bäumen ab. Er brachte auch einen Krug mit wasser, und setzte sich neben unserm Siegwart hin. Als sich dieser etwas erfrischt hatte, betrachtete er den Einsiedler genauer, und fand, dass er ein Mann nicht viel über dreisig war, obgleich sein Gesicht von innerlichem Kummer sehr abgezehrt zu sein schien. In seinem düstern Auge war ein Ueberrest von unterdrücktem Feuer, und aus dem ganzen Gesicht sprach viel Edles. Ueberhaupt verriet sein ganzes Betragen, und auch seine Sprache einen Mann von nicht geringem Herkommen. Und wie kommen Sie in diesen Wald, sagte er, wenn ich fragen darf? Ich wollte, antwortete Siegwart, nach, nach – – Ja, nun hab ich den Namen des Dorfs vergessen, – und da must ich durch den Wald gehen, und vertiefte mich in meinen Gedanken, und verlohr den Weg, und konnte mich, trotz alles Suchens doch nicht mehr heraus finden. – Das glaube ich, versetzte der Einsiedler; der Wald ist erstaunlich gross, zumal in die Länge. Jetzt wirklich meine Hütte ist vom nächsten Dorf zwo Stunden weit entfernt, und ich habe hier seit Jahr und Tag keinen Menschen gesehen. Sie sahen mir es auch wohl an, wie ich über Ihren Anblick so bestürzt war. Sie kommen wohl von einer Universität her? – Ja, von Ingolstadt, war Siegwarts Antwort. – Beide schwiegen nun eine Zeitlang still, und schienen in tiefe Wehmut zu versinken. Siegwart betrachtete zuweilen den Einsiedler seitwärts, und bemerkte tiefe Züge der Schwermut in seinem Gesicht eingegraben. Je gewisser er überzeugt ward, dass er ein Unglücklicher sein müsse, desto mehr Zuneigung fühlte er bei sich gegen ihn; desto mehr wünschte er, sein Herz vor ihm ausschütten zu können. Aber eine gewisse ehrerbietige Schüchternheit hielt ihn zurück, wenn er oft schon den Mund öffnen, und ihm seine geschichte entdekken wollte. Sie leben wohl, fing er endlich an, an diesem stillen einsamen Aufentalt recht ruhig und zufrieden?
Einsiedler. Was der Ort dazu beitragen kann, das tut er, wenn es nicht innre Stürme gibt.
Siegwart. Freilich kommts allein auf unser Herz, und nicht aufs Aeussre an, ob man ruhig und zufrieden lebt! Aber ich denke doch, je weiter man von Menschen lebt, desto mehr innre Ruhe hat man.
Einsiedler. Recht, mein Lieber! Es scheint, wir haben einerlei Grundsätze. Aber es gibt auch verschiedne Gründe, warum man sich von aller menschlichen Gesellschaft los macht.
Siegwart. Liebe zur