Tod. Endlich langte er seine Brieftasche, und schrieb einen wehmütigen und rührenden Aufsatz darein, wo er seine Mariane als gegenwärtig anredete. Um Essenszeit, als er wieder ziemlich gestärkt war, ging er in die stube hinunter, wo ihm die Bäurin ein recht gutes Essen zurichtete. Der Bauer war, weil es Sonnabend war, in das nächste Städtchen gefahren, um Haber zu verkaufen. Nach dem Essen spielte Siegwart mit den Kindern, die sich gleich um ihn her machten. So übel ihm auch zu Mute war, so muste er doch ihre Spiele mitmachen, und zuweilen lächeln. Er sah einen Katechismus da liegen, und wollte den ältern Knaben etwas drinn lesen lassen; aber dieser konnte noch kaum buchstabiren, und von der Religion wuste er noch nicht das geringste. So traurig siehts oft auf dem land mit dem Kinderunterricht aus. Siegwart erkundigte sich drauf nach allen umliegenden Klöstern, und besonders nach den Nonnenklöstern. Es war deren eine so grosse Menge, dass ihm bange ward, wie er das rechte ausfindig machen wollte. Was er anzufangen habe, wenn er dasjenige Kloster fände, in welchem Mariane war, daran hatte er noch gar nicht gedacht. In der angenehmen Dämmerung setzte er sich mit der Bäurin unter eine Linde vor dem Haus auf einen abgehauenen Baum. Sie war sehr besorgt, dass ihr Mann so lange nicht zurückkomme. Er hat einen Fehler an sich, sagte sie, wenn er an einem Ort einmal ist, da kann er sobald nicht wieder wegkommen, und da guckt er oft zu tief ins Gläsel. Sonst aber ist es ein kreuzbraver Mann.
Siegwart sprach nicht viel, und sass in tiefer Wehmut da. Er sah zum Himmel auf, wo nach und nach einzelne Sterne sichtbar wurden. Oft stieg sein Busen hoch, und ein lauter Seufzer brach hervor. So lebhaft hatte er, seit der traurigen Begebenheit, noch nie an seine Mariane, und an sein fürchterliches Schicksal gedacht. Jetzt übersah er es erst ganz, und schauderte vor der hofnungslosen Zukunft. Er wünschte sich nichts, als zu vergehen, und auf Einmal ewig aufzuhören. Es ward ihm, als ob er Marianen wimmern hörte, und wünschte, dass seine Seele aus dem Leib eilen möchte, um sie zu trösten! Die Bäurin ward indess immer besorgter um ihren Mann. Sie stunde einigemal auf, und ging einige Häuser weit, ob sie noch nichts höre? Sie kam langsam wieder zurück, und sagte: Noch nichts! Endlich hörte man vor dem Dorf draussen einen Wagen stark rasseln, und ein lautes Juchzen. Gottlob! nun kommt er, sagte sie. Er fuhr in vollem Gallop ins Dorf herein. Wo bist du doch so lang, Kaspar? sagte sie. Ei was, Narr! sagte er, sprang vom Pferd, und schloss sie in den Arm; ich hab einen guten Kauf getan. Heh, lustig, Herr! Hier hab ich ihm was! Indem zog er zwo Bouteillen Wein aus dem Zwerchsack. Komm er! nun wollen wir die Grillen verjagen! Siegwart mochte sich so sehr weigern, als er wollte; er muste noch eine Bouteille mit dem betrunkenen bauern trinken, und konnte ihn kaum abhalten, die andre nicht auch noch anzubrechen. Er erzählte ihm auf die verwirrteste Art allerlei Geschichten aus der Stadt, und ging endlich so betrunken zu Bette, dass er kaum allein gehen konnte.
Den andern Morgen ging jedermann aus dem Haus, bis auf die Kinder in die Messe. Siegwart stand auf, und fühlte sich fast ganz wieder hergestellt. Aber sein Gemüt war krank, und im Innersten verwundet. Er setzte sich, und schrieb mit vieler Rührung seine Empfindungen, die voll Andacht und voll tiefer Schwermut waren, in sein Taschenbuch. Während dass er schrieb, krabbelte etwas an der tür. Er machte auf, und die beiden ältern Kinder warens. Sie boten ihm die Hand, und wünschten ihm freundlich einen guten Morgen. Er setzte sich aufs Bett, und sah ihren unschuldigen Spielen zu. Gott! dachte er, wie vergnügt sind diese Kinder! Ehmals war ich auch so; warum blieb ich nicht ein Kind! Haben wir denn die Vernunft nur zu unserm Unglück? Wär ich doch noch ein Kind! Er ward dabei so bewegt, dass ihm Tränen aus den Augen stürzten. Das andre Kind, ein Mädchen von acht Jahren, sah es, und kam auf ihn zu. Es weinte auch, nahm seine Hand, stieg auf seinen Knien hinauf, um ihm die Tränen mit dem kleinen Händchen wegzuwischen, und sagte: Must nicht weinen! Hab ich dir denn was getan? Ich bin ja brav. Der Knabe sprang auch herbei, blieb ein paar Schritte weit von ihm stehen, sah ihn mitleidig an, und sagte: Was fehlt dir, dass du so ein Gesicht machst? Soll ich dir Blumen holen? Ich hab schöne im Garten. – Du liebes Kind, dachte Siegwart, und setzte es aufs andre Knie; wenn mir Blumen helfen könnten! Ach guter Gott! mach mich wieder zum Kind! Deinen Kindern ist so wohl. Lass mich wieder Freude haben über Blumen! Er neigte sich über die beiden Kinder her, und weinte. Das Mädchen spielte mit Marianens Ring an seinem Finger. Sie sah ihn an, als sie fragen wollte, ob sie ihn abziehen dürfte? Nein, den must du mir lassen, gutes Kind, sagte er, das ist alles, was