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Geld gleich erhält.

Er kam wieder ins Kloster zurück, sah munterer aus und packte alles ein, was er hatte. Ich war bei ihm auf der Zelle; ein paar Bücher sah er noch einmal mit Tränen an, küsste sie, und sagte: Lebt wohl! Ihr habt mir viel Vergnügen gemacht; und nun schrieb er einen Brief an seine Mutter. Ich hab ihn eben vorhin unter seinen schriftlichen Sachen gefunden, und will ihn vorlesen. Er ward ihm, nach seiner Mutter Tod vor 5 Jahren, nebst andern Briefschaften wieder eingehändigt. Der Brief lautet so:

Herzlich geliebte Mutter!

Die Nachricht von dem schlechten Lebenswandel meines Bruders, und dass er nun Soldat geworden ist, hat mich recht schmerzlich betrübt. Ich kann nichts für ihn tun, als für seine Seele beten, dass sie noch dem Rachen des Verderbens entrissen werde, und sein aber der Junge wollte nicht folgen, und spottete hinter seinem rücken. Euer Elend, Innigstgeliebte Mutter, geht mir sehr zu Herzen, und hat mir schon viel Tränen ausgepresst. Hier, nehmt alles hin, was ich habe, und seid mit dem Bischen Armut zufrieden! Der liebe Gott woll es reichlich vermehren! Ich hab meine überflüssigen Bücher und Instrumente verkauft, um Euch auszuhelfen; wollt gern, es wäre mehr! Ihr habt freilich weit mehr an mir getan, als ich Euch vergelten kann. Lasst mich wissen, wie's Euch geht! Vertraut auf den Gott der Wittwen und der Waisen, so wirds Euch nie an Trost fehlen! Mir gehts wohl hier. Ich bin bis in den Tod Euer dankbarer und getreuer Sohn

Martin.

Hier hab ich auch die Antwort seiner Mutter. Der Brief ist halb zerrissen, weil ihn Martin immer bei sich führte, und mit seinen Tränen tausendmal benetzte.

Einzig geliebter Sohn!

O du Trost und Stütze meines Alters! Du mein Einziges und Alles auf der Welt! Was soll ich dir sagen, und wie soll ich dir für alles danken? Diese mütterlichen Tränen, die auf meinen Brief herabfliessen, sind dir gewiss mehr wert als tausend Worte. möchte ich dich doch an mein Herz drücken können, goldner, auserwählter Sohn! Meine Haare sind vor der Zeit vor Kummer grau geworden, und die Augen schwach vom vielen Weinen um den ungeratnen Philipp; aber du, mein Sohn, du Trost von Gott, hast mich wieder aufgerichtet und jung gemacht, wie einen Adler. Lass dich ewig segnen, auserwählter Sohn! Noch mein letzter Seufzer auf dem Sterbebette soll dich segnen! Wie wird sich einmal dein Vater freuen, wenn ich ihm im Himmel sage, was für einen Sohn wir auf der Welt haben? Ich mag an den andern nicht denken, wenn ich an dich denke. Du hast mir mehr geschickt, als ich brauche, denn ich werds wohl nicht lange mehr machen, und hast dich vom Nötigsten und alle dem entblösst, was dir lieb ist. O! wenn ich daran denke, möchte ich gleich vorgehen, und das Herz im leib will mir brechen. Ich kann nicht weiter schreiben, denn ich sehe vor Tränen kaum den Brief mehr. Nur noch Einmal möchte ich dich an mein Herz drücken, unter dem du gelegen hast, Einziger, englischgesinnter Sohn, und dann sterben! lebe wohl, lebe ewig wohl! bis ans Ende segnet dich

Deine getreue Mutter

Concordia Dahlern.

Die ganze Tischgesellschaft weinte, als der Brief

vorgelesen war. Siegwart konnte sich kaum entalten, den Guardian zu bitten, dass er die beiden Briefe abschreiben dürfte! Aber er war doch zu furchtsam. Der Guardian fuhr fort:

Unser seliger, teuergeliebter Bruder liess sich nicht ein Wort verlauten, wie weh ihm der Verlust seiner Bücher und seiner Instrumente tue, und doch merkt' ich es ihm hundertmal an. Er suchte unsre ganze Bibliotek durch, vermutlich, ob er keine matematische Bücher finde? Aber er fand wenig, oder gar keine. Wenn er Abends mit den blossen Augen an den gestirnten Himmel aufsah, so entflog ihm oft ein Seufzer, dass er die himmlischen Reviere nicht mehr genauer untersuchen konnte. Ein paarmal beklagte er sich gegen mich über sein abnehmendes und schwaches Gesicht; hielt aber gleich wieder inne, um das Gespräch nicht auf den Verkauf seiner Instrumente zu bringen. Ein einzigsmal, als ich ihn deswegen loben wollte, sagte er halb böse: Ich tat ja nur meine Schuldigkeit. – O, es war ein treflicher Mann, den wir nie genug bedauren können!

Siegwart, sagte P. Anton, wird uns vielleicht einmal seinen Verlust ersetzen, wenn er so fortfährt, wie er anfängt. – Ja das hoffen wir, sagten alle; der bescheidne Jüngling ward im ganzen gesicht blutrot, und wagte kaum mehr, die Augen aufzuschlagen.

Die Paters stunden bald hernach vom Essen auf, und verteilten sich. P. Anton fragte Siegwart, ob er ihn etwas in den Garten begleiten wolle? Dieser nahms mit Freuden an. Er ging ein paarmal stillschweigend und nachdenklich mit dem Pater auf und ab. Lieber Xaver? sagte Anton endlich; er ist ja auf einmal so still geworden? Ganz gewiss denkt er noch den Erzählungen vom seligen Bruder Martin nach; sie haben einen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht, wie's in der Jugend so zu gehen pflegt, und das ist auch recht gut. Lass er's sich nur zur Nacheiferung dienen! gewöhnlich empfindet der Jüngling das Schöne der natur und jeder guten edlen Handlung