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, ob er dann ganz wegreisen wolle? Nein, sagte er, aber wie leicht könnt ich sterben! Sie weinte noch heftiger. Er bezahlte drauf die Rechnung, und packte seine meisten Sachen in den Koffre, ohne selbst zu wissen, warum? Zuweilen liess er plötzlich alles liegen, setzte sich auf einen Stuhl, und weinte; oder zog Marianens Brief heraus, küsste ihn, las eine halbe Seite, legte ihn dann sorgfältig wieder zusammen, und steckte ihn in seine Brieftasche. Als er eingepackt hatte, ging er zu Dahlmund, kam aber, weil er ihn nicht zu Haus angetroffen hatte, nach einer halben Viertelstunde wieder nach Haus. Er wünschte sich nun keine Wohltat, als jemand zu haben, in dessen Busen er seinen Schmerz ausschütten, und mit dem er gewissermassen seinen Jammer teilen könnte; aber keine solche Seele war für ihn in Ingolstadt. Es fiel ihm ein, dass der geheime Rat von Kronhelm versprochen habe, ihm eine ansehnliche Bedienung zu verschaffen. Vielleicht, dachte er, stimmt dieses den Hofrat Fischer um. Ohne sich erst lange zu bedenken, ging er aus dem Haus, und liess sich bei dem Hofrat melden, mit dem Anhang: Er habe viel wichtiges mit ihm zu reden. Der Bediente kam wieder mit dem Auftrag: Der Herr Hofrat müsse sich erstaunlich wundern, wie er sich noch unterstehen könne, ihm unter die Augen treten zu wollen, da er wisse, wie schlecht er sich gegen ihn betragen habe. Er möchte sich ja in Acht nehmen, und dem Herrn Hofrat nicht zu nahe kommen! Es könnte schlimme Folgen für ihn haben. Der Herr Hofrat werde ihn nie anhören. Er habe nichts mit einem solchen Menschen zu reden, und das ratsamste wäre, wenn er sich recht bald von Ingolstadt weg machte. Mit diesen Worten machte der Bediente die Haustüre auf, als ob er unserm Siegwart den Weg weisen wollte. Dieser ging weg, und zitterte vor Zorn und Unwillen. Zu Haus stampfte er auf die Erde. Das sind Menschen! sagte er, und knirschte mit den Zähnen. Er weinte vor unterdrückter Wut. Pfuy den Hundskerl! sagte er, und spie aus. So will ich mich denn auf keinen Menschen mehr verlassen! Keiner ist einen heller wert, Pfuy! Je vornehmer, desto liederlicher und stolzer, Pfuy! – Zuletzt ging seine Verachtung wieder in Wehmut und in Tränen über. Er dachte sich seine Mariane, seinen Vater, und überliess sich seinem Schmerz. Abends ging er bald zu Bett, und konnte doch nicht schlafen. Er sprach mit sich selber, redete bald den einen, bald den andern von seinen Freunden an, und klagte ihnen seinen Jammer. Endlich fielen ihm Frau Held und Karoline ein, und, mit ihnen, der Gedanke, sie morgen zu besuchen; und bei ihnen wenigstens den Trost zu finden, seinem Schmerz durch Erzählung etwas Luft zu machen. Dieser Gedanke beschäftigte ihn noch so lange, bis er endlich mit einem, ganz erleichterten Herzen, einschlief.

Kaum war er aufgewacht, so war dieses wieder sein erster Gedanke. Seine Seele strebt mit ungewöhnlicher sehnsucht nach dem Landhaus, und glaubte, da endlich Erleichterung zu finden. Er schloss alle seine Sachen ein, sagte der Aufwärterin, er werde erst in ein paar Tagen wieder kommen, und ging.

Es war um neun Uhr und der Sommertag war schön, aber heiss. Er war eine halbe Stunde noch vom Landhaus, als er querfeldein einen bauern stark gehen sah, der auf ihn zu kam. Es war sein Tomas. Guten Morgen, Herr! sagte er, ich hab Sie schon lang nichr mehr gesehen. Haben Sie uns ganz verlassen? Siegwart sagte, er sei verreist gewesen. – Wo wollt ihr hin, Tomas? – Ich will da nach der Stadt, und dieses Felleisen einem Herrn bringen, der gestern bei uns durchfuhr. Vermutlich gehörts ihm. Ich Habs hinterm Dorf in einem Graben gefunden. Der Herr fuhr vor etlich Tagen früh morgens durchs Dorf, und da war das Felleisen auf die Kutsche hinten aufgebunden. Er kutschierte selbst, und hatte zwei Jungfern im Wagen. Wo mir recht ist, so war eine davon die Jungfer, die bei der gestrengen Frau auf dem Schloss war, und die Sie unterm Arm führten, als sie wieder weggingen. Sie sah wohl ganz bleich aus, und das Kutschenglas war vor, dass ichs nicht recht sehen konnte. Gott! Das ist Mariane! rief Siegwart. Wo ist sie hingefahren? – Da aufs nächste Dorf zu, gleich drei Viertelstunden von uns. Ich hab doch nichts unrechts geredt, weil Sie so bleich drüber werden? – Nein Tomas. Wenn fuhr der Herr wieder zurück? war es nicht ein grosser hagrer Herr? – Recht! Es war so ein dürrer Herr! Gestern Abend nach acht Uhr sah ich ihn an meinem Haus vorbeifahren. – Und er kam wieder von dem Dorf her, wo er hingefahren war? Ja, Herr! das Dorf heisst Altmanstein, wenn Sie hin wollen. Es geht immer grad aus. Jedes Kind kanns Ihnen sagen. Adjeu, Tomas! sagte Siegwart, und lief eilends fort nach dem Dorf zu. Der Bauer sah ihm voller Verwunderung nach. Siegwart kam in Tomas Dorf an, fragte nach dem Weg nach Altmanstein und lief hastig fort. Nun glaubte er, auf der Spur zu sein, und hoffte seine Mariane gewiss auszukundschaften. Seine ganze Seele war