nicht zurückgekommen. Soviel weis ich, dass meine Schwägerin hauptsächlich Schuld daran hat, dass sie ins Kloster muss. Sie mag wohl ihre besondre Absichten dabei haben. Meine Mutter weint beständig, und um meinen Vater kann man gar nicht sein, so aufgebracht ist er. Er sagt, er woll nun weiter gar nichts von dem Nickel wissen. Er hat Dir auch sehr aufgedroht; und wollte ich Dir daher wohlmeinend geraten haben, Dich je eher, je lieber von hier weg zu machen. Ich werde dich wohl nicht sprechen können, weil mein Vater immer auflaurt, und mich todtschlagen würde, wenn er es wüsste. Sag daher keinem Menschen nichts, dass ich nicht auch noch in Ungelegenheit drüber komme! Wenn du nur den Brief erst hättest! Ich bedaure dich, und sie gewiss. Weiter kann ich aber auch nichts tun, Dein getreuer Diener
Joseph Fischer.
Er fühlte sich wieder schwächer, liess den Brief fallen, sank vorwärts auf den Tisch, barg sein Gesicht in beide arme, und lag so eine halbe Stunde, seiner nur halb bewust da, bis die Aufwärterin wieder kam, sich nach ihm zu erkundigen. Er liess sich von ihr halb auskleiden, und ging zu Bette. Nun, da sich seine natur wieder etwas erholt hatte, ging erst sein Seelenleiden an; nun konnte er erst sein Unglück überdenken, und in seiner ganzen Grösse fassen. Er schauderte zuweilen zurück, als ob er in einen Abgrund hinabblickte. Alles war noch Nacht vor ihm. Er konnte nichts denken, als: sie ist verlohren! Die halbe Nacht quälte er sich mit diesem einzigen Gedanken, ohne all sein Schrecken halb auszudenken. Oft gränzte seine Mutlosigkeit nah an Verzweiflung, und dann bat er wieder Gott, ihn nicht ganz zu verlassen! Wie glücklich, dachte er, wenn ich von meiner Ohnmacht ewig nicht mehr aufgewacht wäre! Dann fiel ihm wieder ein, was jetzt seine Mariane leiden müsse; und dann zerfloss ihm das Herz ganz in Wehmut. Dann betete er nur für sie, und nicht für sich. Gib mir nur den Tod, o Gott! sonst kenn ich keine Wohltat mehr! – Die häufigen Erschütterungen seiner Seele machten endlich alle Sehnen schlaff, und er sank in einen tiefen Schlummer, der bis den andern Morgen gegen acht Uhr daurte, als seine Aufwärterin auf die kammer kam. Sie machte die tür leise auf, und sah herein. Er wachte von dem Knarren der tür auf. Was giebts? rief er. Wie befinden Sie sich? fragte das Mädchen. So ziemlich! war die Antwort; mach sie mir nur Kaffee! Dann stand er auf, kleidete sich an, und ging aufs Zimmer. Hier sah er Marianens Brief auf dem Tisch, und Josephs seinen auf der Erde liegen. Er raffte beide schnell zusammen, und steckte sie ein. Er sah sich von ungefähr im Spiegel, und erschrack über seine Blässe. Ach Gott, seufzte er, machs nur bald ganz aus mit mir! – Er wollte etwas nachdenken, ob er kein Mittel vor sich sehe, sich und Marianen zu retten? Aber es war ihm nicht möglich, nur etwas zusammenhängendes zu denken. Endlich setzte er sich nieder, an Kronhelm zu schreiben. Mit zitternder Hand schrieb er folgendes an ihn:
Liebster Bruder und Schwager!
Zu dir nehm ich meine Zuflucht; den einzigen, den ich nur auf Erden habe. Das Schicksal schlägt mich ganz Boden. Reich mir deine Hand! Aber welcher Mensch kann den Unglücklichen retten, der alles, ach, alles verlohren hat? Ach Geliebter, meine Mariane ist verlohren. Dieses sag dir alles! Sie ist eingeschlossen in ein Kloster, und ich weis den Ort nicht, wo sie jammert. Selbst ihr Vater war der Grausame, der sie verstiess. Menschen, Menschen! Welch ein Scheusal seid wenn ich wüsste, wo der Tod wär, dass ich ihm entgegen ginge! – Komm Geliebter, und erbarm dich meiner! Oder ich will selber kommen, und mein Leid bei dir verjammern. Gönn in deinem haus mir ein Plätzchen, und ein Grab auf deinem Acker! Denn in wenig Tagen wird das Grab mich rufen, und mir Ruhe geben in der Erde, weil ich auf der Erde sie nicht finden konnte. Sage meiner Schwester nichts von meinen Leiden, dass sich ihre Seele nicht zu sehr betrübe! – Mariane, Mariane! ach wo bist du, du Erwählte meines Herzens, dass ich mit dir sterbe? – Ach Geliebter, wenn du etwas von ihr hörtest! Wenn ein Engel dir die Botschaft brächte, wo sie jammert! – Ich muss fliehen, denn ihr Vater will auch mich verfolgen. Darum eil ich zu dir. Nimm mich auf an deinen Busen! Nimm mich freundlich auf! Es währt nicht lange. Noch bin ich matt und kraftlos, denn die Todesbotschaft hat mich wie ein Sturm erschüttert, und mich hingeworfen, dass ich meine Kraft verlohr. Wenn ich wieder aufgestanden bin, dann eil ich zu dir. Ich kann nicht mehr schreiben; meine Augen sind voll wasser, und mein Herz ist voll Jammers. Lebe wohl, mein Geliebter, habe Mitleid mir, und empfang mich freundlich, wenn ich komme! Sieh den Himmel an, und bet für deinen armen
Siegwart.
Nachdem er diesen Brief auf dis Post geschickt hatte, befahl er der Aufwärterin, ihm von seinem Hauswirt die Rechnung machen zu lassen. Sie weinte, und fragte