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dir im Namen meines Vaters, dass du morgen früh um drei Uhr dich gefasst halten kannst, ins Kloster zu wandern. Halts für eine Ehre, dass er deinen Wunsch erfüllt! Aber dein Vater will er von dem Augenblick an nicht mehr sein. Man wird dir Kleider bringen! – Mit diesen Worten ging er. Gleich darauf brachte mir Konrad einige wenige, und schlechte Kleider. –

Ach Geliebter, du säumest, und kommst nicht, deine Mariane zu erretten; wenigstens sie noch einmal zu sehen. lebe denn wohl, du Teurer, den ich wie mein eigen Leben liebte! Gottes Gnade leite dich durchs Tal der Leiden! denke oft an deine Mariane! Sie wird dein sein, bis sie tot ist. Zwischen dunkeln Mauren wird sie weinen, und an dich gedenken, wenn der Tag anfängt. Wenn der Mond in ihre Zelle scheint, wird sie deiner noch gedenken, und der alten zeiten, und weinen. blick auf zum Mond, so oft er scheint! Meine Seele wird stets an ihm hangen, und mein auge an ihm verweilen; und dann werde ich denken, dass auch du zu ihm hinaufblickst, und an mich gedenkst, und an die Stunden unsrer Liebe, upd an meine Tränen. Denke dann auch, dass wir einst im grab ruhen, und dass unsre Seelen wandeln werden auf des Mondes lieblichen Gefilden! Dass uns Gott vereinen wird nach unserm tod, weil er uns vereinigt hat im Leben! – Das Papier geht zu Ende. Noch ein paar Worte muss ich unten hin an meinen Bruder schreiben. Gott gebe, dass du dieses Blatt bekommst! Du wirst weinen; aber es entält auch Trost. – lebe wohl, lebe ewig wohl, Geliebtester! Hier auf dieser Welt zum letztenmale kann ich mit dir reden, und auch dieses nur in Briefen. lebe denn wohl, und bleib mir treu! Dass Gott dich stärken mög in allen deinen Leiden! Dass er dich mir wiedergeb im Himmel. lebe wohl, lebe ewig wohl, und bet für deine

Mariane.

An den Rand war noch folgendes mit grösseren Buchstaben, um mehr in die Augen zu fallen, geschrieben:

An meinen lieben Bruder Joseph.

Leiste mir den letzten Dienst, Bruder, den du mir in diesem Leben leisten kannst! Gib diesen Brief, versiegelt, an Siegwart, sobald er zurückkommt! Er ist für ihn unendlich wichtig. Gott und alle Heiligen werden dich dafür segnen. Gib ihm auch in etlich Zeilen Nachricht, wie mir es noch den letzten Tag meines Hierseins ging! Ich flehe dich mit heissen Tränen, die hier auf den Brief fliessen, um diese einzige, und letzte Wohltat. Leiste sie um Gottes und um meiner Ruhe willen! lebe wohl, lieber Bruder! Gott segne dich! Tröst unsre Mutter, und wein um deine unglückliche Schwester

Mariane Fischern.

Siegwart hatte wohl hundertmal bei Lesung dieses Briefes abbrechen müssen. Oft schoss ein Strom von Tränen drauf, dass er keinen Buchstaben mehr von dem andern unterscheiden konnte. Oft fing er an zu zittern, dass er den Brief nicht mehr zu halten vermochte. Oft vergingen ihm Gesicht und Gehör, und der kalte Schweiss stand ihm auf der Stirne, dass er halb ohnmächtig auf den Stuhl zurück sank. Oft sprang er wieder auf, rang die hände, und rief: Gott! Gott! Gott! – Als er endlich den Brief ganz zu Ende gelesen hatte, sank er matt und sinnlos auf den Stuhl, wuste nichts mehr von sich selbst, und lag so bei einer Viertelstunde da. Als er wieder etwas zu sich selber kam, und sah, dass es schon ganz dunkel geKräfte. Alle Glieder zitterten ihm, sein Gesicht war eiskalt, und es ward ihm wieder einmal um das andre schwindlich. Endlich grif er mit vieler Mühe nach der Glocke auf dem Tisch, und klingelte. Die Aufwärterin kam. Er foderte Licht. Jesus, Maria, und Joseph! rief sie aus, als sie das Licht brachte, was fehlt Ihnen? Sie sehen ja aus, wie der Tod! Soll ich zum Herrn Doktor laufen? – Mir ist nicht recht wohl, antwortete er; mach sie mir eilig eine recht gute und warme Suppe! Es wird schon besser werden! Sie bedaurte ihn von Herzen, zündete das Licht an, und ging weg. Er versuchte indess den Brief von Marianens Bruder zu lesen; aber die Augen gingen ihm über, und die Buchstaben flossen all vor ihm ineinander, dass er schwarz und weiss nicht von einander unterscheiden konnte. Die Aufwärterin brachte ihm eine gute warme Weinsuppe; er ass, und fühlte sich darauf wieder etwas gestärkt. Mit vieler Mühe brachte er die Magd von seinem Zimmer, sie war sehr besorgt, und wollte ihm durchaus einen Doktor holen. Als sie weg war, nahm er Josephs Brief wieder vor sich, und las:

Den 11ten August.

Lieber Siegwart!

Ich erfülle die traurige Bitte meiner Schwester, gebe Dir ihren Brief, und soviel Nachricht, als ich von ihr geben kann. Gestern früh um 3 Uhr wurde sie, ohne dass ich sie noch sprechen durfte, mein Vater und meine Mutter sprachen sie auch nicht mehr, in den Wagen geführt, in dem meine Schwägerin sass, und den mein Bruder selbst kutschierte. Sie fuhren beim Tor hinaus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein Mensch nichts von ihnen; denn es durfte kein Bedienter mit, und mein Bruder ist bis dato noch