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Vater sehr gebieterisch, und ich hielt die Hand hin. – Um Gotteswillen! sagte meine Mutter, als wir Ich bitte dich bei allem, was heilig ist, Mariane, sei nicht widerspenstig! Du weist, was ich drunter leide. Ach Mama, sagt ich, und sank in ihren Arm; beten Sie für mich! Ich brauche Kraft von Gott. Sie wissen, ich tu, was ich kann. Ader ich kann nicht, wenn es darauf ankommt. – Ich will das Beste von dir hoffen, versetzte sie: bedenk dich wohl! – Siegwart, Siegwart! Was will aus mir werden? Ich habe fürchterliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, lebendig oder tot! Gott kennt mein Herz; er kann mich nicht ganz verlassen. – Die Hälfte meines Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag vorüber wäre! Mutter Gottes, und all ihr Heiligen im Himmel helft mir beten! – Siegwart, Siegwart! Ich bin dein, es gehe, wie es wolle! Möchtest du doch jetzt auch für mich beten! Aber du hältst mich für glücklich. Komm doch bald! Ich bitte dich. Vielleicht sehen wir uns nicht mehr lang! Erbarm dich, Gott!

Den 10ten August Vormittags um 10 Uhr.

Jesus, Maria! Welch ein fürchterlicher Auftritt! Ach, Geliebtester, ich kann dirs nicht erzählen. Samml' es zusammen, was ich in der Unordnung aufs Papier werfe. Diesen Morgen beim Teetrinken ging mein Vater mit der Pfeife im Zimmer auf und ab. Er fragte, ohne mich anzusehen, ist der feine Siegwart doch? – Ja. – Mordieu! sagte er, und gab mir eine Maulschelle. Ich sank auf meinen Stuhl zurück, und weis nicht, was er weiter sagte. Meine Mutter hielt mir ein Balsambüchschen vor. – Du bist auch so eine alte Kupplerin, rief er, und schlug ihr das Büchschen aus der Hand. Licht! rief er zur tür hinaus, weil ihm seine Pfeife ausgelöscht war. Dann kam er wieder auf mich zu. Du willst dir also schlechterdings nichts sagen lassen? Willst uns all in Schand und Unehr bringen? – Ach Jesus, Mann! rief meine Mutter. – Schweig! Ich kenn ihre Streiche schon. Aber man wird dir einen Riegel vor die tür schieben. Das Ding muss anders werden! Du sollst mir den Hoftat nehmen, oder ich schlag dich tot. Marsch! Du kannst dich besinnen! In zwei Stunden will ich Antwort, und das ohne alle Umschweife und Ausflüchte! Fort, auf deine kammer! – Hier bin ich nun, mein Geliebtester, von aller Welt verlassen, in der unaussprechlichsten Angst. Gott im Himmel woll sich meiner erbarmen! Den Hofrat kann ich nicht nehmen, wenn auch kein Siegwart auf der Welt wäre! Er ist mir in der Seele zuwider. Gott weiss, dass es kein Eigensinn ist. Ich wollt es so gern allen Menschen recht machen, aber ich kann nicht. Dein bin ich, lebend oder tot. Ich kann vor Zittern kaum schreiben; ich muss etwas auf und ab gehen, um mich zu sammeln. –

Es sei so! Ich will alles dulden, auch den Tod! Meine Seele ist von der deinen unzertrennlich. Gott hat mich gestärkt, und mir Mut und Entschlossenheit eingeflösst. Er wird mich auch im bängsten Kampfe nicht verlassen. Ich flehe dich jetzt an, du Gott der Unterdrückten, weil ich jetzt noch flehen kann, um Beistand und um Gnade, auch im bängsten Kampf! Wenn meine Seele nicht mehr flehen kann, so hör ihr Stammeln! Wenn sie nicht mehr stammeln kann, so hör das klopfen meiner Brust! Gib mir Standhaftigkeit, dass ich meinem Siegwart treu bleibe! denn ich hab ihms zugeschworen! Du kennst unsre Liebe; sie ist rein von allem Bösen! Bewahre meinen Mund, dass er meinem Herzen treu bleibe! dass er nichts rede, was mein Herz nicht denkt! In deinem Namen will ich vor meinen Vater treten. Mache du sein Herz weich, wenn es hart und unbarmherzig ist; wenn er die Vaterempfindung vergisst, so erinnre du ihn dran! Lass meinen Mund nichts hartes reden wider ihn! Von dir allein erwart ich hülfe. Lass sie mich von keinem Menschen erwarten! Stärke meine Mutter, dass ihr Leiden nicht zu schwer werde! Sie hat nichts verschuldet. Schütt alles Elend über mich allein aus! Gib mir einen Engel zu, der mir es tragen helfe! Lass den Tod nicht ferne von mir sein, wenn du, nach deinem weisen Rat, sonst keinen Trost auf Erden für mich hast! Amen! Hilf mir Vater, Amen!

Ich fühle mich gestärkt, mein Geliebtester! In einer halben Stunde muss ich hinunter. Ich hoffe standhaft zu sein, denn ich weiss, ich hab eine gute Sache. Ich will noch einmal beten.

Nachmittags um 5 Uhr.

zwei fürchterliche Kämpfe hab ich ausgestanden, mein Geliebtester! Mich wundert nur, dass ich noch lebe. Um 11 Uhr ward ich durch den Bedienten hinabgerufen. Der arme Mensch hatte ganz verweinte Augen. Nun wie stehts? sagte mein Vater. Ist man nun vernünftiger? Willst du dich geben? Noch ist es Zeit. Willst du den Hofrat? Ich sah ihn bittend an. Keine Antwort? Also ja? – Verzeihen Sie, mein Vater! Ich kann nicht! – Was? rief er, noch immer auf dem alten Kopf?