Stark liebt ihre Seel', und treu!
Weint ihr auge jetzt, dass ihr Lieber fern ist?
Sag mir es, Hauch des Abends!
Sieh, da, tritt der Mond hervor;
Bleich ist sein Gesicht, und melancholisch,
Wie getrennte Liebe.
Warlich, Mond, sie blickt dich an!
Denkt der Stunden heiliger Umarmung,
Und du weinst vor Mitleid!
Hell dich auf, und lach ihr zu!
Denn ich eil ihr, mit der Sonn', entgegen
Lach, o Mond, ihr Trost zu!
Den andern Morgen ritt er früh weg, und gegen Abend kam er in Ingolstadt an. Er sah Marianen nicht am Fenster; aber ihr Vater stand halb hinter den Vorhängn versteckt. Weil es spät war, und er überhaupt dem Vater nicht recht traute, so ging er nicht hinüber. Er schlief ziemlich unruhig, und hatte fürchterliche Träume, die von den vorhergegangenen traurigen Vorstellungen erzeugt wurden. Den andern Morgen sah er Marianen wieder nicht am Fenster; der Vater, der heraus sah, schlug das Fenster zu, als er ihn erblickte; dieses machte unsern Siegwart noch bestürzter. – Er ging aus, ob er vielleicht ihren Bruder irgendwo antreffe? aber vergeblich. Sein Herz ahndete viel trauriges; es war ihm nirgends wohl, und er schweifte von einem Ort zum andern.
Gegen Abend endlich, als er eben in sein Haus wollte, kam Joseph, Marianens Bruder, hinter ihm drein. Er tat sehr ängstlich. Nur auf ein paar Worte! sagte er. Hier ein Brief von Marianen, und von mir einer! Wo ist sie? fragte Siegwart. Ich muss fort, war die Antwort. Mein Vater kommt die Strasse dort herauf; du wirst alles in den Briefen finden. Mit diesen Worten sprang er weg.
Kaum konnte Siegwart die Treppe hinauf gehen, so sehr zitterten ihm die Knie, und sein ganzer Körper. Er riss sein Zimmer auf, warf sich in seinen Stuhl, erbrach zuerst Marianens Brief, und las:
Ingolstadt den 7. August.
Mein Geliebtester!
Lass mich die Sprache der Vertraulichkeit reden, und dich Du nennen! Ich schreibe dir, wie ichs versprochen habe. Gestern bist du fort, und schon find ich nirgends keine Freude mehr. Wenn du doch bald wieder kämest! Mir ist so bang ums Herz; und doch weiss ich nicht warum? Nun wirst du wohl noch auf dem Wege sein. Vielleicht denkst du jetzt an mich. Mir deucht, ich fühl es. Ich habe dich gestern und heute fast jeden Schritt begleitet. Gott gebe, dass du glücklich ankommst; und dass dein Vater wieder besser sei! Ich bete viel für ihn, und für dich. Adjeu, mein Geliebtester! Morgen wieder ein paar Wörtchen; denn ich habe viel zu tun, noch eh mein Vater kommt. Uebermorgen soll er kommen. Meine Mutter kommt alle Augenblicke auf mein Zimmer; sie hat Geschäfte drauf. Drum kann ich dir nicht schreiben, wann und wie viel ich will. Aber morgen wieder. Adjeu indessen, mein Geliebtester!
Den 8ten August
Ich bin heute in meinem Garten gewesen. Da hab ich viel an dich gedacht, mein Teurester! Ich wollt, ich hätte Schreibzeug draussen gehabt, so hätt ich viel an dich geschrieben. Aber gesprochen hat meine Seele viel mit der deinigen. Wie waren alle Plätze mir so wert, auf denen ich ehmals mit dir gesessen habe! Alle Worte fielen mir da ein, die wir miteinander sprachen. Ich wurde traurig, dass du nicht auch da warest, denn ich war allein. Auf jede Stelle setzt ich mich, und blieb recht lange sitzen, weil mir so wohl war, da zu sein, wo mein Geliebtester einst gewesen war. denke! ich hab deinen Namen in einen glatten, jungen Birnbaum eingeschnitten. Als der Name fertig war, und ich mich genug darüber gefreut hatte, dass mir alles so geraten ist, da fiel mir erst ein, mein Vater könnte den Namen sehen, weil der Baum dicht am gang zur rechten Seite stand. Ich erschrack recht, als mir es einfiel. Sollt ich nun den schönen Namen es sein. Aber, Gottlob! dass ich auf den Einfall kam, ihn mit Erde zu überkleben, die der Baumrinde ganz gleich sah. Das will ich nun immer wieder tun, wenn die Erde wieder abfallen will. Und wenn ich allein bin, nehm ich sie ab, um den Namen zu sehen. Adjeu!
Den 9ten August.
Noch ein paar Worte vor Schlafengehen mit meinem Geliebtesten! Ich schreibe auf meiner kammer, weil ich unten nicht sicher bin. Diesen Abend ist mein Vater angekommen. Er sass in einem Wagen mit Hofrat Schrager, meinem Bruder und meiner Schwägerin. Er sah stürmisch und verdrüsslich aus. Die Gesellschaft blieb ungefähr eine Stunde da. Sie war kaum weg, so fragte er meine Mutter sehr gebieterisch: Ist nichts vorgefallen? – Nein. – Hat sich nichts mit Marianen zugetragen? Nein. – Er sah mich von der Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen sehen, sagte er, und ging. – Ich bin in der grössten Unruhe. Zum Hofrat Schrager hatte er gesagt: Morgen also, um halb 5 Uhr haben wir die Ehre. – Meine Schwägerin liess auch einige Worte fallen, und mein Bruder lachte höhnisch dazu. Beim Weggehen wollte mir Hofr. Schrager Hand küssen. Ich zog sie zurück. Nu! rief mein