Marianen erzählen. Dieses tat er mit einer solchen Begeisterung, dass er und sie, ziemlich heiter wurden. Drauf rief man zu Tisch.
Nach dem Essen ward das Pult geöfnet. Es lag ein versiegelt Schreiben drinn mit der Aufschrift: An meinen lieben Xaver. Sein Vater gab ihm darinnen verschiedne gute, sehr rührende Ermahnungen; drauf kam er auf seinen Entschluss die Rechte zu studieren. Er war damit zufrieden, und schrieb: in einem Schieblädchen im Pult werde ein versiegeltes Päckchen mit 75 Dukaten liegen. Dieses sei für ihn bestimmt. Soviel woll er ihm noch von dem gemeinschaftlichen Vermögen geben. Was er weiter brauche, müss' er dann von seinem Anteil an der Erbschaft nehmen. Es folgte noch eine zärtliche und liebreichväterliche Aufmunterung zur fernern Rechtschaffenheit, und dann ein sehr beweglicher Abschied, über den Siegwart in lautes Schluchzen ausbrach! Karl und seine Frau machten über das Vermächtniss grosse Augen; aber vor Kronhelm wagten sie es nicht, etwas drüber zu sagen, weil dieser ihnen erst vorher seinen Erbanteil geschenkt hatte. Man fand das Päckchen mit Dukaten. Kronhelm sagte: steck es ein, und verbrauch es, wie, und zu was du willst! Die Universitätskosten übernehme ich, wie ich schon gesagt habe. Terese fand auch den Ring ihres Vaters, küsste, und steckte ihn mit Tränen an den Finger. Sie gingen wieder in den Garten, und brachten den Abend gröstenteils mit wehmütigen Gesprächen hin. Terese wollte das Grab ihres Vaters besuchen; aber Kronhelm bat sie sehr, es nicht zu tun, weil er fürchtete, es möchte sie der Schmerz zu sehr angreifen, und ihrer Gesundheit, da sis schwanger war, Schaden tun. Dagegen musste er ihr versprechen, zu andrer Zeit einmal das Grab mit ihr zu besuchen. Als Siegwart gelegenheit hatte, allein mit ihr zu reden, entdeckte er ihr einen Entwurf, den er in Absicht auf sein Geld gemacht hatte. Salome dauert mich, sagte er; sie ist am wenigsten unter uns versorgt, seit die Base in München tot ist. Da dein lieber Mann seine Grossmut so weit treibt, dass er mich ganz auf seine Kosten will studieren lassen, so kann ich, meiner Einsicht nach, das Geld von unserm seligen Vater nicht besser anwenden, als wenn ich ihr die Hälfte davon gebe. – Behalt dein Geld, gute Seele! sagte Terese. Für Salome ist schon gesorgt. Ich hab mit meinem Mann drüber gesprochen. Wir wollen sie auf unser Schloss nehmen, wenn sie Lust hat. Will sie nicht, oder können wir zusammen nicht auskommen, so will mein Kronhelm sie in München unterbringen. O du himmlische Schwester! sagte Siegwart, und umarmte sie. Salome'n ward auch wirklich nachher dieser Vorschlag getan, und sie nahm ihn mit Freuden, und, wie es schien, mit der dankbarsten Rührung an.
Als Karl und seine Frau weggegangen waren, entdeckte Siegwart Kronhelm und Teresen seinen Wunsch, morgen nach Ingolstadt zurückzureisen, um wieder bei seiner lieben Mariane zu sein. So gern ihn auch Kronhelm und seine Schwester noch länger bei sich behalten hätten, so konnten sie es doch nicht übers Herz bringen, ein paar so zärtlich Liebende länger getrennt zu lassen; daher willigten sie in seinen Vorsatz, nachdem er ihnen erst versprochen hatte, sie gewiss bald, von Ingolstadt aus, zu besuchen. Kronhelm sagte ihm, sein Onkel habe ihm versprochen, ganz gewiss für ihn zu sorgen, und ihm, wenn er fleissig studiere, in zwei Jahren eine einträgliche Stelle bei einem Regierungskollegio in München zu verschaffen. Darauf könn er sich, wenn es nötig sei, beim Hofrat Fischer berufen. Siegwart ward darüber noch freudiger, und sein Herz wäre ganz wolkenlos gewesen, wenn ihm nicht jeden Augenblick der Tod seines Vaters eingefallen wäre. Sie blieben diesen Abend lang zusammen auf. Siegwart liess sich überreden, morgen erst nach Tisch wegzureiten, weil er doch in einem Tag nicht nach Ingolstadt kommen konnte.
Der andre Morgen war sehr heiter, und unser Siegwart stand auch heiter auf. Sie tranken zusammen im Garten Kaffee. Er freute sich über die Zärtlichkeit seiner Schwester und Kronhelms. Sie erzählten ihm viel von ihrer Glüskseligkeit, und von der Einrichtung ihres Hauswesens; auch von einem vortreflichen jungen Edelmann in ihrer Nachbarschaft, der viel zu ihnen komme, und vermutlich Kronhelms Schwester heiraten werde, die, wie sie beide versicherten, schon viel von ihrer Wildheit abgelegt habe. Terese erzählte ihm auch, welch eine herrliche und auserlesene Büchersammlung ihr Kronhelm ihr angeschafft habe, u.s.w.
Man ass, wegen Siegwarts Abreise früher, und um zwölf Uhr ritt er weg, nachdem er von seinen Lieben mit tausend Tränen Abschied genommen hatte. Mariane, und das Glück, sie morgen wieder zu sehen, war der Gedanke, der ihn auf dem ganzen Weg begleitete. Als es Nacht wurde, stellte er in einer Dorfschenke ein. Er hatte keine Ruhe, weil er stets an Marianen dachte, und schlafen konnte er auch sogleich nicht. Er ging also in den, an das Wirtshaus stossenden, schönen Baumgarten. Der Mond schien trüb; er sah zu ihm auf, und machte folgendes Gedicht, das er nachher auf der stube in seine Schreibtafel schrieb:
An den Mond.
Meine Seele lebt nicht hier!
Sie ist hingewandelt zu der Trauten,
Die nun ewig mein ist!
Sag, o Hauch des Abends mir,
(Du umwehtest sie mit deinen Schwingen)
Wo sie jetzt wandelt?