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Schicksal liess seinem Geist keine Ruhe.

Eine Stunde vorher, eh er den andern Morgen wegreiten wollte, kam ein Wagen angefahren. Siegwart kannte sogleich den Marx, der vorn auf dem Bock sass; er sprang an den Wagen, und sein Kronhelm und Terese sassen drinn. Sie hatten den Abend vorher auf einem benachbarten Dorf, wo sie spät angekommen waren, schon gehört, dass der Amtmann tot sei, und wollten also bei der Nacht nicht weiter fahren, weil sie doch nichts mehr ereilen konnten. Terese stieg weinend aus dem Wagen, und sank ihrem Bruder in den Arm. Beide konnten nichts sprechen. Kronhelm war auch sehr bewegt, und umarmte seinen lieben Siegwart. Gottlob! sagte er, dass ich dich wieder sehe! Aber leider bei der traurigsten Begebenheit! Sie gingen schweigend auf das Zimmer. Als Terese sich von ihrer ersten Erschütterung wieder etwas erholt hatte, musste man ihr einige Umstände von ihres Vaters Krankheit und Tod erzählen. Sie vergoss dabei tausend Tränen. Kronhelm zog unsern Siegwart auf die Seite, und befrug ihn wegen Marianens. Terese kam auch noch dazu. Siegwart erzählte ihnen alles, dass sein Vater es zufrieden gewesen sei, und was sich gestern zwischen ihm und seinem Bruder zugetragen; auch dass er ihnen deswegen gestern geschrieben habe. Kronhelm und Terese erstaunten über die Härte des Bruders und der Schwägerin. Kronhelm erklärte sich sogleich, alles zu übernehmen, und die Kosten zum Studieren aus seinem Beutel herzugeben. Ich will dir keine Wohltat erzeigen, setzte er hinzu, für die du mir danken must. Ich bin dir tausenmal mehr schuldig; hier, meinen grössten Schatz (indem er seine Terese bei der Hand nahm und küsste) ohne dich hätt ich dieses Kleinod nicht. Was ich tue, kann ich leicht tun, denn Gott hat mich ja mit Ueberfluss gesegnet; und dir bin ichs schuldig. Siegwart wollte eben danken, als Karl mit seiner Frau ins Zimmer trat. Sie schienen sehr erschreckt und betroffen zu sein, und machten eine tiefe Verbeugung. Kronhelm und Terese dankten ziemlich frostig. Nach den vorläufigen Bewillkommungskomplimenten und Beileidsbezeugungen fing Kronhelm zu Karl an: Aber, Herr Bruder, gegen unsern Xaver handeln Sie ziemlich unbrüderlich und gebieterisch. Ich hätt Ihnen doch mehr zugetraut! Karl fing an sich zu entschuldigen, es sei nicht so bös gemeint gewesen; es könne Xavers Wunsch doch noch erfüllt werdenDas wird ohnediess geschehen, fiel ihm Kronhelm ein; ich übernehme die Sache, und sie geht Sie weiter nichts an; ich rede nur von dem unbrüderlichen Betragen zwei Tage nach dem Tod eines solchen Vaters! Karls Frau wollte sich auch drein mischen, und sagte: Der selige Vater habe sich doch nicht drüber erklärt. Mit Ihnen rede ich von der Sache gar nicht, sagte Kronhelm. Ich habe das alles, und noch mehr von Ihnen erwartet. Sie machtens meiner Frau und mir ehedem nicht besser. – Und überdiess ist es nicht so ausgemacht, dass der selige Mann sich drüber nicht erklärt hat; wenigstens schrieb er meiner Frau: in seinem Pult werde man eine schriftliche Erklärung finden, wenn sein Sohn erst nach seinem Tod ankommen würde. Hier blasste die Schwägerin ab. Doch wir wollen die verdriesslichen Sachen fahren lassen, fuhr er fort. Ich musste Ihnen nur auf Einmal meine Meinung sagen. Ich denke, jetzt wäre keine Zeit zu zanken, da wir alle so gerührt sind, oder doch sein sollten. – Drauf wendete er sich zu Siegwart, und sprach mit ihm von dem Ende seines Vaters. Dieser war noch zu bestürzt über die unvermutete Wendung seines Schicksals, und die Grossmut seines Freundes, als dass er viel hatte reden können. Das Gespräch ward wieder allgemeiner. Man sprach von der Erbschaftsteilung, Kronhelm erklärte sich: Was das Hausgeräte anbelange, sei er damit zum Ueberfluss versehen, und würde es auch nicht gut wegbringen können. Auch den übrigen Anteil am Erbe woll er ihnen überlassen, weil er Gottlob! hinlänglich gesegnet sei, und seine Frau für einen Schatz halte, der das ganze übrige Erbe überwiege; nur bitte sich seine Frau einen Demantring aus, den ihr Vater beständig getragen hab', und den sie, ihm zum Andenken, wieder tragen wolle. Hie wurden Karl und seine Frau auf Einmal wieder heiter, und vergassen, über den abgetretnen Erbanteil, alle vorige Verweise. Sie wollten Kronhelm danken: aber er verbat sichs. Es ward beschlossen, auf den Nachmittag das Pult aufzumachen, das versiegelt war, in dem der Ring, und vermutlich auch die schriftliche Erklärung wegen der Bestimmung unsers Siegwart lag.

Karl und seine Frau wurden gebeten, beim Essen da zu bleiben, welches Salome zurecht machte. Weil die Witterung sehr gut war, ging man in den Garten, um da zu essen. Die Zärtlichkeit, mit der Kronhelm seiner Terese begegnete, war unbeschreiblich. Er wusste sie so liebreich zu trösten, als sie beim Eintritt in den Garten, wo sie so oft mit ihrem Vater gewesen war, in neue, noch tiefere Traurigkeit verfiel. Er wusste sie so gut zu zerstreuen, dass sie ganz ruhig zu werden schien. Sie nahm hierauf unsern Siegwart auf die Seite, und sprach mit ihm über Salome's Schicksal. Er sagte, dass das Mädchen ihm jetzt weit besser gefalle, als sonst jemals. Der Kummer über ihres Vaters Tod scheine, sie sehr zum Nachdenken gebracht zu haben. Terese versprach, für sie zu sorgen. Drauf musste er ihr viel von