man überschrie ihn. Er legte sich aufs Bitten; alles half nichts. Endlich rief er alle seinen Stolz zusammen; warf seinem Bruder und seiner Schwägerin geradezu Geitz und Niederträchtigkeit vor, und sagte: Er werde sich schon vor der Obrigkeit Recht zu verschaffen wissen. Mit diesen Worten ging er weg. Sein Bruder und sein Weib spotteten, und lachten ihm so laut nach, dass er es vor der tür hören konnte, und vor Unwill auf die Erde stampfte.
In seinem Garten, wo er hin ging, lief er hastig auf und ab. Das ganze Menschengeschlecht war ihm verhast, weil es so niederträchtige Seelen drunter gibt. Er knirschte mit den Zähnen, und stiess ungeduldige Reden aus. Gottlob! sagte er, dass ich solche Kerls verachten kann, und kein so niederträchtiges Herz habe! Du sollst mein sein, Mariane, und wenn dich alle Welt mir rauben wollte! Ich will mir schon helfen! – Mich einen gottsvergessenen Menschen nennen! Gott! du weist, wie ichs redlich meine! – Er lief noch lang auf und ab, ohne etwas deutliches zu denken. Endlich, als die erste Heftigkeit vorbei war, stiegen ihm doch allerlei Zweifel auf, wie er sich in dieser Sache helfen wollte? Er hatte sich um das Vermögen seines Vaters nie bekümmert, und wusste also nicht, wie viel ihn auf seinen Anteil treffen, und ob er damit die Kosten zu seinem Studieren werde bestreiten können? Keine ausdrückliche Erklärung seines Vaters war da, und eine gerichtliche Behandlung der Sache scheute er auch. Er verlohr sich also in einem Labyrint von Sorgen und Bedenklichkeiten. Er mochte hin und her sinnen, wie er wollte, er fand keinen Ausweg. Endlich stürzten ihm Tränen von den Augen; er sah gegen Himmel, und konnte nichts sagen, als: Gott! Gott! –
Salome kam zu ihm, und sagte: Sie müssten heute bei ihrem Bruder essen, weil sies gestern schon versprochen hätte. Er tats zwar ungern; aber doch wollte er nicht feindselig scheinen, und ging hin. Bei Tische sprach er nichts; er verachtete die Leute zu sehr. Karl sprach, ihm zum Trotz, viel mit Wilhelm, und sagte ihm, dass er ihn nun zu seinem Schreiber annehme; so wären, bis auf Salome, alle versorgt; denn Xaver werde sich nun hoffentlich bald einkleiden lassen. Wenn ihn nicht andre weltliche Ursachen davon abhalten, sagte seine Frau spöttisch. – Ich weis schon, was ich zu tun habe, sagte Siegwart trotzig. Ja, das wissen wir, versetzte die Swchägerin; und der Herr Schwager werden wohl morgen wieder auf die Universität zurückreisen, um ihr Studium fortzusetzen. Dieser Fingerzeig, dass man ihn ungern hier sehe, schmerzte unsern Siegwart so, dass er ganz blass im Gesicht wurde, und nicht antworten konnte. Nach einiger Zeit sagte er: Ja, morgen will ich wieder zurück, und mir und andern Leuten Ruh machen. Wie Sie belieben, sagte die Schwägerin. – Die Siegel, fuhr sie fort, kann man ja erst nach ein paar Tagen abreissen, und die Teilung vornehmen. Der Herr Schwager brauchen eben nicht dabei zu sein. Wir werden ihn nicht vervorteilen, da eine Obrigkeitsperson dabei ist. Auch gut! sagte Siegwart; alles, wie Sie wollen! Es fielen noch hundert spöttische Reden vor, und um fünf Uhr ging Siegwart weg.
Nun fühlte er erst, was er an seinem Vater verlohren hatte. Er ging auf sein Grab, und weinte bitterlich. O, du Heiliger, rief er, sieh herab, wie mir Unrecht geschieht, und erbarme dich meiner! Bitte Gott und die heilige Jungfrau, dass sie mich nicht ganz verlassen! O Mutter, Vater, die ihr hier ruht, vergesst eures armen Kindes nicht! Und du, Vater im Himmel! Gott und Vater, sieh auf eine arme Waise! Sieh herab, und sende Trost, oder lass mich auch ins Grab zu ihnen sinken! O Mariane, Mariane! rief er beim Weggehn, was steht uns bevor! O du Engel, wenn du wüstest, was ich leide! Gott, ach Gott, verlass uns nicht!
Er ging nach Haus auf sein Zimmer; und da fiel ihm ein, seinem Kronhelm und seiner Terese seine Not zu klagen. Vielleicht, dachte er, haben diese für mich Trost; wenigstens werden sie Mitleid mit mir haben. Er schrieb an sie beide einen sehr rührenden Brief, und es ward ihm ganz leicht dabei. Er brachte den Brief dem Postverwalter, und fragte zugleich, wenn die Briefpost von Ingolstadt komme? heute ist sie gekommen, sagte der Postmeister. – Und kein Brief für mich? – Nein. – Ein Neuer Donnerschlag für Siegwart. Doch hatte er noch soviel Gegenwart des Geistes, zu bestellen, dass, wenn ein Brief an ihn kommen sollte, man denselben zurückbehalten, und ihn nach Ingolstadt Retour schicken möchte. Es machte ihm viele sorge, dass ihm Mariane nicht geschrieben habe, doch war die Zeit fast zu kurz, als dass er schon einen Brief hätte erwarten können, und dieses beruhigte ihn wieder in etwas.
Sein Entschluss war nun fest, morgen wieder nach Ingolstadt zurück zu reiten, es möchte ihm auch gehen, wie es wolle, denn die Zeit, ohne Marianen zu leben, ward ihm viel zu lang. Er ging frühzeitig zu Bette, ohne viel schlafen zu können. Der Gedanke an sein dunkles hofnungsloses