Man ging an die Zelle des Verstorbenen; zwölf Paters nahmen den Sarg auf. Die andern und Siegwart gingen Paar und Paar; jeder eine brennende Wachskerze in der Hand. Man ging durch den langen Kreuzgang nach der Kirche zu. Das Schweigen und das Rauschen der hölzernen Schuhe war fürchterlich. In der Kirche setzte man am Hochaltar den Sarg nieder; und stellte Wachskerzen drum herum. Nach einer dumpfen feierlichen Trauermusik, die die Seele durch dunkle, Menschenleere Wüsten bis ans Grab hin führte, und sie vor der Verwesung des Körpers zurückschauern machte, ward eine Seelmesse gelesen. Man hub den Sarg, nachdem er mit dem Weihwasser besprengt worden war, wieder auf, und trug ihn durch den langen gang im Garten nach dem Gottesacker. Ein dicker Nebel hüllte alles ein. Die Wachskerzen warfen einen fürchterlichen Schein in die Nacht des Nebels. Der Sarg ward am grab niedergesetzt; die Paters stellten sich in einem Kreise um das Grab herum, und beteten. Pater Gregor stand dicht daran, und sah mit starren Blicken in die Gruft. Weinen konnte' er nicht mehr; seine Säfte waren ausgetroknet. Der Sarg ward hinabgelassen; der dumpfe Schall, den die Erdschollen auf dem holen Deckel machten, weckte ihn aus seinem Schlummer, und ein tiefer Seufzer hub seine Brust zitternd empor. Er hub seinen blick zum Himmel, und lächelte halbfreudig, als ob Engel mir ihm sprächen. Das Grab war nun ausgefüllt, und der Hügel wurde aufgeworfen. Ein Pater hielt eine kleine, aber rührende Rede von den Tugenden des Verstorbenen; einer nickte ihm nach dem andern Beifall zu, und dankbare Tränen, die schönsten Zeugen eines frommen wohltätigen Lebens, flossen auf den Hügel. Man ging nun vom grab wieder in das Chor zurück, wo noch einmal eine Trauermusik gemacht wurde, die sich erst durchs Graun der Gräber langsam und melancholisch fortschlich, dann sich schnell und triumphirend wie ein Adler zu den Wolken aufschwang, und die hoffnung der Auferstehung ausdrückte.
Nun ging man, nach noch einmal gehaltner Seelmesse, auseinander, P. Anton auf seine Zelle, und Siegwart auf sein Zimmer. Seine ganze Seele war umwölkt und traurig; aber als er am Fenster stand, und sah, wie die Sonne mit dem Nebel rang, und endlich siegte, dass die Berge und nachher die Felder wieder aufgehellt da lagen; da wards auch in seiner Seele wieder heiter, und sein Herz erhub sich wieder. Eine freudige Empfindung verdrang die andre, und seine Phantasie durchirrte tausend Scenen aus der Zukunft. Er dachte sich in alle mögliche Verhältnisse, in die er einst als Mönch kommen könnte; alle waren lachend und heiter, wie das Feld vor ihm im Sonnenstral.
Er las hierauf noch im Leben des heiligen Franciscus, und erhitzte seine Einbildungskraft noch mehr, bis zum Essen geläutet wurde. Hier wurde viel vom Verstorbenen gesprochen. Jeder wusste eine geschichte zu erzählen, die zu seinem Vorteil gereichte. Am meisten gefiel unserm Siegwart folgende, die der Guardian erzählte:
Unser seliger Bruder war doch, wie wir alle wissen, ein grosser Freund von der Physik, Matematik, und besonders von der Astronomie, worinn er es weiter gebracht hatte, als mancher Professor auf der Universität. Er besass noch von seinem Vater her, der eben diese Wissenschaften getrieben hatte, eine schöne Anzahl von den herrlichsten Instrumenten, Zirkeln, Quadranten, Sehröhren und Büchern mit Kupfern, die viel Gelds wert waren. Diese machten seine einzige Freude auf der Welt aus. Ganze Tage durch sass er bei den Büchern und rechnete; und Abends, wenn der Himmel hell war, sah er bis um Mitternacht, und oft noch länger durch sein Sehrohr nach den Sternen und dem Mond. Ich weiss noch, was er Anno. 44. für eine Freude hatte, als der grosse Komet am Himmel stand; wie er uns alles erklärte, und vorrechnete, wann der Wunderstern wieder kommen werde. Vor ungefähr zwanzig Jahren kriegte er von seiner Mutter, die im Frankenlande wohnte, Nachricht, dass sie nicht nur ihr ganzes ansehnliches Vermögen verlohren habe, sondern auch noch in eine ziemliche Schuldenlast gesteckt worden sei, weil ihr zweiter Sohn, ein liederlicher Mensch, alles durchgebracht, Schulden gemacht, und zulezt sich von den Kaiserlichen habe anwerben lassen. Unser Pater Martin ging einige Tage lang ganz schwermütig herum, vermied allen Umgang, und bat sich endlich vom Prälaten die Erlaubnis aus, auf einige Tage nach Augspurg reisen zu dürfen. Hier ging er ins Jesuiterkollegium, wies ein Verzeichnis von seinen Büchern und Instrumenten vor, bot es feil, und ward endlich mit den Jesuiten eins, ihnen die ganze Sammlung um 400 Gulden zu überlassen. Das Geld, bat er, möchten sie gleich, wenn sie die Sachen in Empfang genommen hätten, seiner Mutter nach Franken schicken. Als er den Handel schon getroffen hatte, bat er die Jesuiten inständig, ihm zu seinem Gebrauch, so lang er lebte, einen Tubus und nur ein paar Bücher, die er sehr wert hielt, zu überlassen; erst sollte alles schriftlich protokollirt, und ihnen das Rückständige zugeschickt werden, so bald er tot wäre. Aber das war nun zu spät, die Jesuiten waren harte Leute, und sagten, der ganze Handel sollte rückgängig werden, wenn sie nicht sogleich alles bekämen.
Nun in Gottes Namen, sagte er, ich muss mir alles gefallen lassen! In 4 Tagen sollen Sie alles bekommen, was auf diesem Zettel steht; wenn nur meine arme Mutter das