1776_Miller_071_199.txt

sehen. Von den Kindern wollte keines mit ihnen gehen. Ein Knecht ging mit, und nahm den Deckel noch einmal vom Sarg ab. In stummem Schmerz, bleich, und mit Tränen kamen die Amtleute wieder, und konnten nichts, als seufzen. Dieser Ausdruck ihrer Liebe rührte unsern Siegwart mehr, als Worte.

Er stand am Fenster, und sah einige bauern, vom Gericht, kommen, die den Sarg tragen sollten. Sie sahn traurig herauf, und wünschten ihm einen guten Morgen. Nach und nach kamen auch andre Bauersleute, um die Leiche zu begleiten, alle niedergeschlagen, und mit verweinten Augen. Aussen an der Mauer des Hofes standen, in schlechten Kleidern, arme Leute, die vor Traurigkeit kaum aufzublicken wagten. Sie weinten wie um ihren Vater denn der alte Siegwart war es ihnen durch seine Woltaten geworden. Sein Sohn fühlte, mitten in seinem tiefen Schmerz, noch das grosse Glück, als ein rechtschaffener Mann zu sterben, und wegen seiner Wohltätigkeit und Redlichkeit beweint zu werden. Aber bei dem Gedanken flossen seine Tränen häufiger. – Die Richter des Dorfs traten nun ins Haus herein, um den Sarg zu holen. Sie brachten ihn heraus; alte, ehrwürdige Männer, mit grauen Haaren, die schon auch dem grab zuwankten. Vorne trugen zwei, die dem Tod am nächsten zu sein schienen. Alle sahen mit tränenlosem Schmerz zur Erde. Nur zuweilen floss eine Zähre zwischen den grauen Augenwimpern hervor. Die Leidtragenden gingen nun auch die Treppe hinunter, und folgten der Bahre nach. Das Läuten der Glocken, und der stille Zug, von dem man nur zuweilen ein Schluchzen, oder einen Seufzer hörte, war feierlich. Von der Seite, aus einer kleinen Hütte, sprang ein Weib herbei, mit einem Kind auf dem Arm; ach Jakob, rief sie; schau, da wird dein Vater hingetragen, der uns so viel Guts getan hat! Gott vergelts ihm in der Ewigkeit! Sie schrie noch lange fort, bis man sie stillschweigen hiess. Auf dem Kirchhof stand Siegwart auf dem grab seiner Mutter, und sah in die Gruft hinab, die nun auch seinen Vater einschliessen sollte. Ein paarmal ward er fast ohnmächtig, und schwankte, dass man ihn halten muste. Als der Grabhügel aufgeworfen war, steckte eine arme Frau einen Rosenzweig darauf. Dies rührte ihn mehr denn alles. Es war ein Denkmal, herrlicher, als Marmor.

In der Kirche ward vom Prediger des Dorfs eine kleine, aber rührende Rede, und dann eine Seelmesse gehalten, und der Zug ging wieder langsam nach Haus. Die beiden Amtleute blieben beim Mittagsessen da. Siegwart hörte nur zu, und sprach fast nichts mit. Als sie weggegangen waren, ging er auf sein Zimmer. Jetzt konnte er erst wieder mit etwas Ruhe an seine Mariane denken. Seine Seele sehnte sich nach ihr. Er beschloss, noch heute mit seinen Geschwistern davon zu sprechen, dass er nun die Rechte zu studiren gedenke, und dass ihm also Geld von der Masse, oder von seinem Anteil an der Erbschaft dazu gegeben werde. Allein diesen Abend konnte er davon nicht reden, weil der Pfarrer zum Kondoliren kam, und zum Abendessen da hehalten wurde.

Den andern Morgen ging er, nachdem er erst mit Salome Kaffee getrunken hatte, mit ihr zu seinem Bruder in sein Haus hinüber. Nach einigen gleichgültigen Gesprächen fragte er, ob der selige Vater nichts wegen seiner gesagt habe, dass er nun die Rechte studiren könne? – Was? die Rechte? fuhr Karl heraus; was ist das wieder für ein schöner Einfall? Siegwart erzählte, dass er seinem Vater deswegen geschrieben, und schon seine Einwilligung erhalten hab; dass der Vater aber durch den Tod verhindert worden sei, sich, wie er ihm versprochen habe, deutlicher darüber zu erklären u.s.w. Karl, und noch mehr seine Frau, fielen nun über Siegwart her; nannten seinen Einfall dumm, und gottlos, scholten ihn Lügen, und erklärten sich: sie würden dieses nimmermehr zugeben; Karl sei ihm nun an Vaters statt, und ihm müss' er folgen. Ueberdas sei gar kein Geld da, um das Studieren noch einmal von neuem anzufangen. Der sel. Vater hab auf der Schule und auf der Universität schon mehr an ihn gewendet, als an alle seine übrigen Kinder zusammen; die zweifache Krankheit hab auch viel gekostet, und Teresens Aussteuer; jetzt sei kein heller baares Geld da, und das übrige werde auch soviel nicht ausmachen; er koste in Einem Jahr so viel, dass sein ganzes Erbteil darauf gehen würde; er könn jetzt ein Mönch werden, denn darauf hab er lange gnug studiert; sein Vorgeben sei auch sehr verdächtig, da der sel. Vater kein Wort davon habe verlauten lassen u.s.w. Kurz; der Schluss war: Auf sein Gewissen könne er, sein Bruder, nie darein willigen, und an Unterstützung sei gar nicht zu denken. Karls Frau sprach noch viel von Gottlosigkeit und Versündigung an Gott, wenn man von seinem Gelübde abgehe, und Gott belügen und betrügen wolle; so dass Siegwart nicht einmal zu Wort kommen konnte. Salome sprach fast nichts dazu, denn sie war durch den Tod ihres Vaters zu sehr gedemütiget. Unser Siegwart war so betroffen und bestürzt, dass er kaum noch von sich selber wuste. Er beteurte auf seine Ehre, dass sein Vater ihn habe wollen die Rechte studiren lassen; er könne es schriftlich vorweisen. Aber