bewussten Sache können wir dann auch sprechen; solltest du mich aber, nach Gottes Willen, schon tot antreffen, so erklär ich mich hiemit, dass nichts dagegen habe, und es gern sehe, wenn du weltlich bleibst, und durch meines sie meiner gänzlichen Zuneigung! Bleib nur fromm und redlich! Dies ist der beste Segen, den dir dein Vater auf der Welt zurück lassen kann. Komm so bald, als möglich, denn ich bin sehr schwach, und kann nicht weiter schreiben. Bin dein, auch noch im Tod getreuer Vater
Siegwart. Amtmann.
Das ganze kindliche Herz unsers Sirgwarts ward im Innersten erschüttert, als er diesen Brief erhielt. Tränen stürzten stromweis auf das Blatt hin. Er wagte es kaum den Brief zum zweitenmal zu lesen; und doch hatte er seinen Inhalt noch nicht halb gefasst. Die dringende notwendigkeit, sogleich abzureisen, machte ihn noch stärker, und gewissermassen unempfindlicher, als er sonst gewesen wäre. Die Einwilligung seines Vaters in seine Liebe, war ein Stral, der ihm die tiefe Dunkelheit noch in etwas erhellte. Er lief aus dem Haus, und bestellte ein Pferd. Dann ging er geradezu in Marianens Haus, und verlangte, sie zu sprechen. Sie kam zu ihm aufs Besuchzimmer. Verzeihen Sie! sagte er, und gab ihr seines Vaters Brief; ich musste Sie noch sprechen. Sie las, konnte den Brief kaum vor Zittern halten, ward bald rot, bald blass, ging endlich auf ihren Siegwart schweigend zu, und sank weinend in seinen Arm. Gott steh Ihnen bei! wortete er; ich muss noch heute fort. – Aber, vergessen Sie mich nicht! O vergessen Sie mich nicht! Ich will sobald als möglich wieder kommen. Wollten Sie mir wohl einmal einen Brief schreiben, meine Liebe? – Wie kann ich das? fragte sie. – Durch Ihren Bruder, war die Antwort. – Gut, ich will es tun, sagte sie. Aber kommen Sie nur bald wieder zurück! Ich will für Sie, und für die Genesung Ihres Vaters beten. Er versprach noch einmal, aufs möglichstbaldeste zu kommen, und ihr durch ihren Bruder sogleich von Haus aus zu schreiben, wie es mit ihm und seinem Vater stünde. Sie umarmten sich noch einmal aufs zärtlichste, und konnten vor Schluchzen kein Wort sprechen. Siegwart ging noch auf einige Augenblicke zu Marianens Mutter, um von ihr Abschied zu nehmen, die ihn aufs freundschaftlichste empfieng, und ihm auf die teilnehmendste Art ihr Beileid bezeugte. Mariane begleitete ihn die Treppe hinab, sank in der Haustür noch einmal in seinen Arm, weinte an seinem Busen, und versprach ihm, alle Tage etwas an ihn aufzuschreiben. Er riss sich aus ihren Armen los, und ging.
Nach einer Stunde setzte er sich zu Pferd, sah noch einmal weinend zu seiner Mariane hinauf, und ritt weg. Schmerz und tiefe Traurigkeit begleiteten ihn auf dem ganzen Wege. In einem Dorf stiess er auf ein Leichenbegängnis. Dieser Anblick durchbohrte ihm das Herz. Er ritt schnell vorbei, um seine Tränen zu verbergen. Er stellte spät bei Nacht ein, und ritt Morgens wieder früh weg. Den andern Tag kam er, ziemlich spät, in seinem Dorf, und vor seinem Haus an. Kein Mensch kam ans Fenster. Nur im hintern Zimmer sah er ein schwaches Licht. Er führte sein Pferd selbst in den Stall, und ging ins Haus. Alles war still; kein Mensch begegnete ihm. Zitternd, und mit lautem Herzklopfen ging er an das Zimmer seines Vaters. Auch da hörte er keinen laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Seine Brüder, Salome und seine Schwägerin standen schluchzend ums Bett' herum. Schweigend wichen sie zurück, als er hin trat. Todtenbleich lag sein Vater auf dem Bett, und strecke die Hand nach ihm aus, die kraftlos wieder niedersank. Mein Sohn! – sagte er. Siegwart stürzte sich mit Tränen über seinen Vater, und küsste und benetzte sein Gesicht. Gottlob! sagte der Vater, leis' und langsam, dass ich dich noch sehe, und legte die Hand auf seines Sohnes Haupt. Gott segne dich! ... und steh dir bei ... mein Sohn! ... lebe fromm ... und christlich ... du kannst ... Jura studiren ... lebe.. mit Marianen ... Hier drückte er seine Hand stärker auf sein Haupt, und starb. Ein allgemeiner Jammerton erhub sich in der stube. Siegwart stürzte sich wieder über seinen Vater, drückte sein Gesicht fest ans seinige; hub sich mit ausgestreckten Armen aus, sah mit einem Gesicht, voll des tiefsten Jammers, gegen Himmel, und ging aus der stube. Nach einer Viertelstunde kam sein Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf einem Gesimse liegend, das Gesicht in beide arme eingehüllt. Karl hub ihn auf. Ach mein Vater! mein Vater! rief er, die hände ringend, und ein Schnupftuch drinn. Man brachte ihn ins Wohnzimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl, sah starr vor sich hin, sprang auf, und rang wieder die hände.
Salome und seine Schwägerin kamen aufs Zimmer, schrien und heulten. Ihr habt nichts verlohren, sagte er, aber ich! aber ich! – Er verlangte ein Licht auf seine kammer. Eine Stunde lang ging er sprachlos auf und ab. Endlich warf er sich in den