endlich. Mit klopfendem Herzen sprang er ihm die Treppe hinab entgegen; nahm den Brief an, ohne die Ueberschrift zu lesen, und brach ihn auf. Wie erschrack er, als er statt der Handschrift seines Vaters, des jungen Grünbachs seine sah, der ihm berichtete: Er werde nun gewiss an Michaelis nach Ingolstadt kommen, da er an Ostern daran verhindert worden sei. Siegwart warf den Brief weg, eh er ihn ausgelesen hatte, und machte sich tausend schreckliche Vorstellungen, warum wohl sein Vater nicht geschrieben haben möge, da doch schon vor vier Posttagen ein Brief hätte ankommen können. Mit alle seinem Nachsinnen bracht er doch nichts heraus, als tausenderlei Mutmassungen, deren immer eine die andre wieder aufhob.
Voll verdrüsslicher Grillen und übler Laune ging er aufs Landgut hinaus. Mariane sahs ihm bald an, dass ihm etwas fehlte. Anfangs vermutete sie, er habe einen verdrüsslichen Brief bekommen; als sie aber hörte, dass er gar keinen erhalten habe, und nur deswegen so unruhig sei, stellte sie ihm vor, wie unnötiger Weise er sich selber quäle, da es ja eben soviel gute oder gleichgültige Ursachen geben könne, warum der Brief einen Posttag länger ausbleibe, als böse, und unangenehme. Ihre Gründe, und noch mehr ihr freundliches Gesicht hellten seine Seele wieder auf, und bannten alle Zweifel und Grübeleien draus weg; und dieser Abend war ihm einer der fröhlichsten, zumal da ihm auch Mariane noch sagte, es sei ihr erst beigefallen, dass der Hofrat Schrager schon vor einem Jahr gesagt habe, er wolle diesen Sommer ins Abacherbad reisen. Er blieb bis nach zehn Uhr bei Frau Held, und traf seinen bauern schon im Bette an. Es tat ihm leid, dass er ihn wecken musste, aber Tomas tat ganz freundlich.
Den andern Morgen fand er auch Tomas und sein Weib recht aufgeräumt. Sie erzählten ihm mit grossen Freuden, was er schon wusste, dass Frau Held ihnen in ihrer Not ausgeholfen, und ihnen mehr vorgeschossen habe, als sie nötig gehabt hätten. Sie brachen in Lobeserhebungen der guttätigen Frau Held aus, und Siegwart freute sich mit ihnen gemeinschaftlich drüber. Als er sagte, dass er eben zu ihr hinüber gehe, trugen sie ihm tausend herzliche Grüsse und Segenswünsche an sie auf.
Frau Held schlug ihrer Gesellschaft zur Abwechselung vor, auf einem sehr schönen Teich, der ihr gehörte, und nicht gar weit vom Schloss lag, herumzufahren, und zu angeln. Der Teich war länglicht, und mit einem dicken Gesträuch von Hagdorn umgeben, welches eben blühte. Die Blüten, welche sich im klaren wasser spiegelten, der blaue Himmel, und die Sonne, die daraus zurückstralten; das sanfte Lüftchen, das die Hitze kühlte, und der Gesang der Vögel am Ufer machten die Fahrt ausserordentlich angenehm. Sie fiengen mit der Angel nur so viele Fische, als sie zum Mittagsessen nötig hatten. Drauf nahm Siegwart seine Flöte, und blies; Mariane sang dazu. Sie waren alle so heiter, wie der Sommermorgen. Die Freude stralte aus ihren Gesichtern, wie die Sonn aus dem Teich. Am Ufer besteckten sie ihre Hüte mit Hagdornblüten, und gingen so, Hand in Hand, in den Gartensaal zurück, wo sie bald darauf zusammen assen, und den Nachmittag mit Scherz und frohem lachen zubrachten.
Als Siegwart Abschied nahm, sagte Frau Held: Sie verlassen mich nun; Ihre Mariane will in zwei Tagen nachfolgen, und in drei Tagen bin ich mit meiner Nichte in der Einöde. Das wäre doch nicht recht, wenn Sie uns so ganz allein lassen wollten. Zuweilen, dächt ich, könnten Sie uns wohl noch einen Nachmittag schenken. Wenn wir Sie gleich nicht so gut, wie Ihre Mariane, unterhalten können, so wollen wir doch unser möglichstes tun; ohne dass Mariane Ursache zur Eifersucht bekommen soll. Wollen Sies mir wohl in die Hand versprechen, noch zuweilen an uns zu denken? Siegwart gab ihr die Hand, und versprach, sie gewiss öfters zu besuchen. Er nahm mit tausend herzlichen Danksagungen Abschied, küsste seine Mariane, und ging tausendmal vergnügter, als er herausgegangen war, wieder nach der Stadt.
Zu Haus fand er einen Brief von seiner Schwester, der fast nichts, als ihr unaussprechliches Glück, die Zärtlichkeit ihres Kronhelm, und Einrichtungen auf ihren Gütern, und ihrem Hauswesen zum Inhalt hatte. Er schrieb ihr und seinem Schwager sogleich wieder, meldete ihnen seine jetzige Lage mit Marianen, dass er alle Tage von seinem Vater Antwort erwarte, und diesen Brief so lang zurückbehalten wolle, bis er ihnen zugleich die Antwort mit melden könne.
zwei Tage nachher kam Mariane wieder vom Land zurück. Er sah sie aussteigen, und grüsste sie vom Fenster aus. Den Tag drauf erhielt er endlich den längst so sehnlich erwarteten Brief von seinem Vater: Aber – Gott! wie erschrak er, als er folgendes las:
Teurer Sohn!
Dein Schreiben habe erhalten, und wollte es schon beantworten, als mich Gott mit einer schweren Krankheit heimsuchte, und dem Tod nahe brachte. Seit ein paar Tagen fühl ich einige Linderung, und der Arzt will von hoffnung sagen; aber ich fühle noch Todesschwäche, und schreibe dieses, wie du siehst, mit zitternder Hand. Teurer Sohn, du weist, was ich auf dich halte, und wünsche ich daher nichts sehnlicher, als dich vor meinem Ende, welches vielleicht vor der Tür ist, noch einmal zu sehen, und dir meinen väterlichen Segen aufzulegen. Von der