, meine lieben Kinder! sagte Frau Held. Bei mir sieht man dem Koch bald unter die Augen. So ist es am besten, sagte Mariane. An den allzusehr beladnen Tafeln will mir es nie ganz schmecken. Man isst auf Kosten seiner Gesundheit, und der Gedanke macht mir jeden Bissen bitter: Dass von diesem Ueberfluss, wenn er in gemeine nahrhafte speisen verwandelt würde, zwanzig und mehr arme könnten gesättigt werden. Ich sah einmal den Hof in München offne Tafel halten. Die Tische waren voll; die Gäste übersättigt, und hundert Menschen mit eingefallenen Gesichtern standen da, denen man den Wunsch aus den Augen lesen konnte: Wenn doch meine armen Kinder davon hätten! Das ging mir durch Mark und Bein, und ich dachte: Ich möchte nie ein Fürst, oder eine Fürstin sein, wenn ich fürstlich leben müsste. Zumal wenn man denkt, dass mehrenteils der Schweiss der Untertanen auf den Tisch kommt! –
Frau Held hatte nach Tisch mit Karolinen einige Haushaltungsgeschäfte zu besorgen. Siegwart ging mit Marianen nach dem Wäldchen. Sie haben gestern Abend, fing Mariane an, mir mit Ihrer Flöte noch viel Vergnügen gemacht. Ich konnts noch hören, als ich schon zu Bette lag. Es war, als ob ich Ihre Seele sprechen hörte. Ueberhaupt ist der Flötenton der Ton der Liebe, oder des guten Herzens. Wenn ich einen gut die Flöte spielen höre, so ist mir es kaum möglich, zu glauben, dass dieser Mensch, wenigstens in diesem Augenblick, etwas Böses denken, oder ausüben könne. So geht mir es fast bei allen Instrumenten, sagte Siegwart.
Sie waren nun im Wäldchen. Gott! Was ist da geschehen! sagte Siegwart. Der Apfelbaum, unter dem sie auf der Rasenbank gesessen hatten, war vom Blitz entzwei geborsten. Die Aeste lagen umher verstreut, und die Blätter waren versengt. Mariane stand blass und zitternd da. Das ist der Donnerschlag, den wir gehört haben, sagte sie. Hätten wir denken sollen, dass das unserm lieben Baum gelte! Siegwart hatte indessen in der Hecke nach dem Grasemückenestchen gesehen. Sieh, Mariane! sagte er, und konnte weiter nicht sprechen. Sie sah hin. Die Mutter sass im Nestchen tot auf ihren Jungen. Neben ihr lag das Männchen, mit ausgebreiteten Flügeln, tot. Was half nun meine Vorsicht? sagte er. Hätt ichs weggejagt vom Nestchen, und sie lebten noch! – Mariane setzte sich, ganz betäubt, am gespaltnen Stamm auf die Rasenbank.
Sie schwiegen lang, und sahn sich traurig an. Wo mag gestern Hofrat Schrager hingefahren sein? fragte endlich Siegwart. Es war ein Koffre hinten auf dem Wagen aufgepackt. Vermutlich nach Abach, sagte Mariane; meine Mutter hat davon gesagt. Nach Abach? fragte Siegwart ganz tiefsinnig. Weis Ihr Vater was davon? Vermutlich; war Marianens Antwort. Mein Vater hat ihm einen Brief zugeschickt.
Siegwart. Und das sagen Sie so kalt?
Mariane. Warum nicht, mein Lieber? Fürchten Sie schon wieder?
Siegwart. Sollt'ich etwa nicht? Ach Mariane, Mariane! Ihre Gleichgültigkeit ist mir unerklärlich. Ich kann nie ohne Zittern an den Hofrat denken. Sie wissen, welchen Schrecken er uns schon gemacht hat.
Mariane. Und doch gings vorüber. Sein Sie ruhig! An meiner Liebe werden Sie doch nicht zweifeln?
Siegwart. An Ihrer Liebe warlich nicht! Aber schützt diese uns vor allem? Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal, oder Menschen werden uns nicht zusammen leben lassen.
Mariane. So lässts uns doch zusammen sterben. denke an die Vögel dort im Busch! Ach Siegwart! du hast viel zu wenig Glauben an die Vorsehung, und an dich, und mich. Mein Herz hast du. Meine Hand noch nicht, aber sie soll keines andern werden. Ich schwör es dir aufs neu vor Gott und allen Heiligen. Man könnte dich mir rauben, aber keinem andern geben kann mich niemand. Dazu gehört mein Wille, und den Willen eines Menschen hat noch kein Mensch gezwungen.
Karoline und ihre Tante kamen ins Wäldchen, eh noch Mariane ausgesprochen hatte. Sie bedaurten zusammen den schönen Apfelbaum, und das ganze Wäldchen, das von den Schlossen sehr viel gelitten hatte. Ueberall lagen Zweige und Früchte, manchmal war die Rinde mit abgeschält. Dieser Anblick machte sie traurig, und still. Sie gingen wieder nach dem Garten. Unterwegs sagte Mariane ihrem Siegwaat, in acht Tagen werde ihr Vater wieder kommen, und sie selbst zieh in vier Tagen wieder in die Stadt. Er musste versprechen, wenigstens noch zweimal herauszukommen; denn heute wollte er in die Stadt, weil er morgen gewiss einen Brief von seinem Vater erwartete.
Gegen Abend ging er also nach der Stadt, und
hatte wegen der Nachricht vom Hofrat Schrager tausend unruhige Gedanken, denn er glaubte gewiss, dass seine Reise nach dem Bad die Verheiratung mit Marianen zur Absicht habe. Marianens Versicherung, dass sie ihm treu bleiben wolle, konnte ihn nicht genug beruhigen, denn er wusste, wie viel Künste man anwenden könne, ein Mädchen durch List und durch Gewalt auf andre Gedanken zu bringen. Er hatte Mut genug, alles zu unternehmen, aber mehr gegen offenbare Gewalt als gegen List und Kunstgriffe; und mehr, wenn die Gefahr schon da war, als wenn sie erst noch von ferne drohte.
Den Tag darauf wartete er mit der grössten sehen
sucht auf einen Brief von seinem Vater. Der Briefträger kam