1776_Miller_071_194.txt

Marianen gnug geküsst hatte, musste er noch drei, oder vier Arien spielen, und ging erst um zehn Uhr auf sein Dorf hinüber. Die Frauenzimmer begleiteten ihn noch. Unterwegs freuten sie sich über die häufigen Johanniswürmchen, die wie kleine Feuerfunken durch die Nacht flogen. Siegwart fing ein paar Würmchen. Eins davon legte er auf seinen, und das andre auf Marianens Sonnenhut. Als sie von einander Abschied nahmen, blieb er stehen, und sah das Würmchen noch lang auf ihrem Hut glänzen.

Seinen bauern Tomas und sein Weib traf er noch auf der Bank vor dem Haus sitzend an. Er merkte, dass sie niedergeschlagen wären, wollte sie aber heute nicht mehr um die Ursache davon fragen. Auf der kammer legte er sich noch ins Fenster, und blies, eh er zu Bette ging, fünf, oder sechs Flötenstücke. Um vier Uhr stand er den andern Morgen auf, und ging zu Tomas hinunter. Dieser sass, die Hand an den Kopf gestützt, am Tisch, und seine Frau neben ihm. Wo fehlts, Tomas? sagte Siegwart. Ach, überall, Herr! antwortete der Bauer. Wir sind eben geschlagene Leute, seit uns unser Herr Gott so heimgesucht, und all unser Korn durch den Hagel weggenommen hat. Da sitzen meine Leute nun, und haben nichts zu tun, als die Aecker, wo die liebe Saat gestanden hat, umzupflügen, und allenfalls Rüben oder Wickenfutter drauf zu säen. Ich weis nicht, wie's mir auf den Winter gehen wird, zumal wenn die herrschaft doch die Gebühr haben will. Stand nicht unser Feld so schön, und als ich da nach dem Hagelwetter hinauskomm, steht kein Halm mehr, und das wasser läuft mir stromweis entgegen, und die Leute liegen auf den Knien, schlagen die Händ' über'm Kopf zusammen, und fangen ein Geheul an, dass ich bald mein eigenes Elend drob vergessen hätte. Es ist, weis Gott! ein Hartes; und, wenn es nicht von Gott herkäme, wüsst ich mich nicht drein zu finden! Er klagte noch eine gute Zeit so fort, und sagte: wenn er nur zwölf Gulden hätte, um neues Saamenkorn einzukaufen, und seine Haushaltung etwas zu bestreiten, so ging's noch an, sonst müss' er einen Acker verkaufen; und jetzt gebe niemand nichts drum, weil kein Mensch im Dorf Geld habe. Siegwart tröstete ihn, so gut er konnte, und ging um neun Uhr aufs Schloss hinüber zu Frau Held und der übrigen Gesellschaft.

Es war eben ein Bauer aus dem dorf da, der bei Frau Held etwas Geld entlehnte, weil ihm der Hagel auch seine Früchte zerschlagen hatte. Der Bauer ging mit Tränen in den Augen weg, und dankte. Er musste den Flachs, den er der Frau Held hatte verehren wollen, wieder mitnehmen, und darüber war er noch mehr gerührt. Als er weggegangen war, fing Siegwart an: Ich hätt auch eine Bitte einzulegen für meinen Hauswirt Tomas. Der arme Mann hat kein Geld zur neuen Aussaat, und wollte doch nicht gern einen Acker verkaufen. Mit zwölf bis funfzehn Gulden wär ihm geholfen. Wollten Sie es wohl mir zu Gefallen tun, Frau Held? Herzlich gern, antwortete sie, und ging aus dem Saal. – Kommen Sie! sagte Mariane zu Siegwart und Karolinen.; wir wollen nach den Blumen sehen, die der Hagel verderbt hat. Sie gingen in den Wurzgarten. Es war ein trauriger Anblick. Den Levkojenstöcken waren mehrenteils die Zweige abgeschlagen, und die schönsten Blumen lagen zerfetzt im Schlamm. Die Rosen hiengen halb entblättert am Strauch; die Knospen waren zerknickt, oder die Blätter durchlöchert, und gelb. Den Aurickelstöcken waren die Herzblätter abgeschlagen; unter den Bäumen lag das Laub, und die unreife Frucht dickgesät. Kurz, die Verwüstung war fast allgemein. Siegwart und die Mädchen blickten traurig drauf hin. Noch vor wenig Tagen, sagte Siegwart, war es hier wie ein Paradies, und nun! – – – Gott! wie unbeständig ist doch alles! – Sie werden zu traurig, sagte Karoline, und führte sie wieder in den Gartensaal. Mariane setzte sich an den Flügel, und spielte. Frau Held kam dazu, und setzte sich zu Siegwart.

Nach einer halben Stunde kam Tomas, und fragte, was die gestrenge Frau zu befehlen habe? Sie erkundigte sich nach einigen ihrer Aecker, die Tomas zu bestellen hatte, ob der Hagel da viel Schaden angerichtet habe? Endlich fragte sie ihn, wie von ungefähr, ob er auch sehr drunter gelitten habe? Und als er es bejahete, und seine jetzige Verlegenheit erzählte, bot sie ihm an, ihm 20 oder 25 Gulden vorzuschiessen. Der Bauer wusste nicht, wie ihm war, und was er sagen sollte? Frau Held holte das Geld, und gab es ihm. Er war ganz ausser sich, und konnte vor Tränen nicht zu Worte kommen. Dankend und weinend nahm er Abschied.

Die Gesellschaft sprach nun von dem Glück, Reichtümer zu besitzen, wenn man auch die Kunst weis, sie wohl anzuwenden. Ich schäme mich nicht, sagte Siegwart, meine Schwachheit zu gestehen, und mir viel Vermögen zu wünschen. Wer viel hat, kann viel geben! Mariane blickte ihn für diese Gesinnungen mit Zärtlichkeit an; drückte seine Hand, und sank stillschweigend an sein Herz.

Eine halbe Stunde drauf ging man zu Tisch. Die Mahlzeit war sehr einfach. Esst