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als obs ihr eigenes Kind wäre.

Indem kamen zwei Kinder, die eben aufgestanden waren, in die stube; ein Knabe von sieben, und ein Mädchen von fünf Jahren. Sie stutzten anfänglich, als sie den fremden Herrn sahen. Als vber Siegwart freundlich auf sie zu kam, wurden sie nach und nach vertraulich, und endlich ganz zutätig, und erzählten ihm allerlei Geschichten. Die Bäurin sah Siegwart wie einen Engel an, weil er mit ihren Kindern so freundlich tat, und sich so zu ihnen herabzulassen wusste.

Während dass er mit ihnen spielte, kam Frau Held mit Marianen und Karolinen, um ihn zu einem Spatziergang abzuholen. Sie sprachen noch eine Zeitlang mit Annen, und gingen dann, durch das nächste Wäldchen, dem Schloss zu. Siegwart erzählte ihnen, wie er seine Zeit in dem Dorf zugebracht habe, und machte ihnen durch seine Schilderung viele Freude. Den Mittag assen sie zusammen im Gartensaal, und nach dem Essen spielte Frau Held auf dem Flügel. Gegen Abend nahm Siegwart Abschied, nachdem er erst versprochen hatte, den andern Tag wieder zu kommen, zumal da Mariane sagte, ihre Mutter würde dann ein paar Tage bei ihnen zubringen, und also würde er dann nicht herauskommen können. Er versprach auch, seine Flöte mitzubringen. Sie begleiteten ihn noch eine halbe Stunde weit. Er küsste seine Mariane aufs zärlichste und nahm von Frau Held und Karolinen Abschied.

Den andern Morgen war das Wetter sehr schwül, und ein Gewitter zog nach dem andern vorbei. Er sah alle Augenblicke nach dem Himmel, und war sehr besorgt, er möchte nicht aufs Landgut hinaus gehen können. Sein Barometer, den er jede Viertelstunde besah, fiel immer tiefer, und endlich brach um zwölf Uhr ein heftiges Gewitter los, das mit Hagel und Schlossen begleitet war. Er war darüber sehr betrübt, hoffte aber immer, es würde sich noch aufheitern. Jede Wasserhelle hielt er für klaren Himmel, und sah dann mit Misvergnügen wieder neue Wolken aufsteigen. Einmal zog er sich schon an, um wegzugehen, weil der Himmel etwas hell ward; aber, als er aus dem haus wollte, kam ein neuer heftiger Gewitterschauer; und so gings den ganzen Abend fort; bis er endlich, wider seinen Willen, sich entschliessen musste, da zu bleiben. Er stellte sich immer vor, wie sie auf ihn warten würden, und machte sich dann selber wieder Vorwürfe, dass er doch nicht, trotz dem Wetter, hinausgegangen sei. Der ganze Abend war ihm lästig und langweilig; er konnte nichts lesen, und nichts denken. Mariane, mit ihrer ländlichen Gesellschaft war sein einziger Gedanke, bis Dahlmund, ihn zu besuchen, kam. Dieser fragte ihn, wo er doch gewesen sei? Er hab ihn so lang schon nicht gesehen. Siegwart antwortete, er sei bei Frau Held gewesen. Bei Frau Held? sagte Dahlmund hastig; von der hab ich wenig Gutes gehört; und nun erzählte er allerlei Verleumdungen, die man ihm von ihr beigebracht halte; dass sie ihrem Mann untreu gewesen, aus Liebe alle Augenblicke närrisch geworden sei, und dergleichen mehr. Siegwart fuhr auf, und wollte böse werden; aber Dahlmund beruhigte ihn wieder durch die Versicherung, dass er diese Aussagen selbst nicht glaube, und es sich zur Regel wolle dienen lassen, dergleichen Geschwätze nicht mehr anzuhören.

Den folgenden Tag hoffte Siegwart halb und halb, von seinem Vater Antwort zu bekommen, aber vergeblich. Das Wetter war wieder schön geworden, und er wäre so gern zu seiner lieben Mariane hingeeilt, aber er sah ihre Mutter wegfahren, und wagte sich also nicht aufs Gut hinaus. Am dritten Tag, als sie wieder zurückkam, ging er noch denselben Abend hinaus, und kam erst in der Dämmerung bei ihnen an, als Mariane mit Karolinen eben die Levkojenstöcke bogoss. Sie liess vor Freuden die Giesskanne fallen, als sie ihren Siegwart wieder sah, und lief auf ihn zu. Er schloss sie mit Inbrunst in den Arm, und entschuldigte sich, dass er letztin nicht Wort gehalten, und herausgekommen sei. Ach, sagte sie, ich hätte gezittert, wenn Sie bei dem fürchterlichen Wetter gekommen wären. Wir glaubten hier, die Welt werde untergehn: es war Feuer an Feuer, und Schlag auf Schlag. Besonders Einmal kam ein Donnerschlag, von dem wir glaubten, er hab unser Haus getroffen; wenigstens muss der Blitz ganz in der Nähe eingeschlagen haben. Jetzt ist es schon zu dämmerig; morgen sollen Sie sehen, wie der Hagel unsre lieben Blumen, und den ganzen Garten mitgenommen hat. Frau Held kam nun auch, und bewillkommte unsern Siegwart. Sie setzten sich in den Gartensaal zusammen. Frau Held spielte den Flügel, und Siegwart sass mit seiner Mariane auf dem Kanapee, gab und nahm tausend Küsse; und empfand das Glück der Zärtlichkeit gedoppelt, weil er von seinem Engel einige Tage hatte getrennt leben müssen. Nach dem Abendessen gingen sie im Garten spatzieren. Siegwart schlich sich unvermerkt weg; setzte sich auf einen halb umgebognen Birnbaum, und fing an, auf der Flöte zu spielen. Bravo, bravo! riefen die Frauenzimmer, kamen zu ihm, und setzten sich ihm zur Seite an den Birnbaum. Der Ton seiner Flöte klang wie Silber durch die stille Sommernacht. Ihre Herzen wurden weich, und wehmütig. Mariane sank ihm endlich an sein Herz. Er liess die Flöte sinken, und umarmte sie. Keines konnte vor Entzücken und Empfindung sprechen. Nachdem er