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fragte Mariane. Ach, antwortete sie; ich denke jener zeiten. Hier ging ich vor drei Jahren noch mit meinem Wilhelm, und nun scheint der Mond seit zwei Jahren schon auf sein Grab. Sieh nur! wie er so traurig ist, und hinter Wolken geht! Ach, Mariane, möchtest du das nie erfahren! Tausendmal hab ich mir gewünscht, nie geliebt zu haben! Alle schwiegen, und verlohren sich in tiefer Wehmut. Endlich wollte Siegwart Abschied nehmen. Wir begleiten Sie die Wiese noch hinauf, sagte die Tante. Oben an der Wiese, nah am Dorf, nahmen sie von einander Abschied.

Siegwart kam zu seinem bauern, der vor seinem Haus auf einer Bank sass, und schlief. Er wachte auf, als Siegwart kam, stand ganz schlaftrunken auf, und nahm seine Mütze ab. Es tut mir leid, sagte Siegwart, dass ich ihn so lang aufgehalten habe, ich ward drüben aufgehalten. Ei was, sagte Tomas, das hat nichts zu bedeuten. Ich sass da, und sah den Mond an, bis ich einschlief. Es schläft sich gar gut im Mondschein, und es träumte mir eben, als ob ich gestorben wär, und in Himmel käme. Da schien Sonn und Mond zugleich. 's mag auch wohl so sein! Nun, nun, wenn der Herr jetzt ins Bett will, so kann ich ihn hinaufführen. Will gleich ein Licht anmachen. Siegwart sagte, dass es gar nicht nötig wäre, und ging ohne Licht hinauf. Er sah noch etwas aus dem Fenster in die mondbeglänzte Gegend. Von ferne sah er das weisse Landhaus durchschimmern, und ein Licht drinn. Er dachte, dass diess vielleicht Marianens Licht wäre, und sah hinaus, bis es ausgelöscht wurde. Endlich ging er, vergnügt wie ein Engel, zu Bette.

Um vier Uhr ward er durch das Horn des Kuhhirten, durch das Geblök der Kühe, und das Schnattern der Gänse, die man austrieb, schon wieder wach gemacht; auch unten in seinem haus war schon alles munter. Er zog sich an, und ging hinab. Ei, Ei, sagte Tomas, auch schon auf? Das hätt ich nicht gedacht, dass die Stadterren so bald aus den Federn könnten. Komm, Anne, so hiess sein Weib, grüss den Herrn! Du hast ihn doch noch nicht gesehen. 's ist meiner Seel ein braver Herr, und so gemein; denn er spricht mit unser einem, wie mit seines Gleichen. Anne war ein freundliches Weib, und bot Siegwart an, in die stube zu gehen, und Haberbrei mit zu essen. Tomas lachte sie über dieses Anerbieten aus; Siegwart aber sagte, dass er alles mitmache, und ging in die stube. Das Gesinde sass um eine grosse, dampfende Breipfanne herum, den rechten Arm auf den Linken gestützt, und ass nach Herzenslust. Sie gafften unsern Siegwart staunend an, und winkten sich einander zu, als ob sie sagen wollten: Sieh! das ist ein rechter Herr! Er sah auf seine Taschenuhr, und zog sie auf. Die Leute sahen einander voll Verwunderung an, weil sie nicht wusten, was das wäre? Ein Bauerkerl sah besonders neugierig zu, und bückte sich ganz über den Tisch herum. Weis er nicht, was das ist? sagte Siegwart; und auf die Antwort: Nein, machte er das Uhrgehäuse auf, und setzte sich zu ihnen. Die Knechte und Mägde wusten nicht, wie sie ihre Verwunderung über das künstliche Gemächte genug an den Tag legen sollten. Sie glaubten, es ging ohne Zauberei nicht zu, dass sich die kleinen Räder alle so von selbst bewegten. So eine Uhr, glaubten sie, wäre wohl viel Jauchert Ackers wert. Anne brachte nun in einer kleinern Pfanne, Brei für Siegwart. Das Gesinde ging indessen mit Tomas ins Feld hinaus zur Heuerndte. Anne war sehr gesprächig und sehr neugierig. Sie tat von fern allerlei fragen, um etwas von Siegwarts Stand und Umständen zu erfahren. Er sagte, dass er die Frau Held, die seine Base sei, besucht habe. Nun brach die Bäurin in Lobeserhebungen der Frau Held aus, dass sie so fromm und guttätig gegen die Armen sei, und mit jedem Bauersweibe spreche, als ob sie selbst nicht viel mehr wäre. Sie war auch schon einmal bei mir, sagte sie, als ich vor einem Jahr im Kindbett lag, und so krank war. Ich hatte da so starke Hitzen, und sie brachte mir Himbeersaft, und andre gute Sachen, dass mir bald drauf besser wurde. Ich sehe sie seitdem immer drum an, und dank ihr in der Stille, so oft ich sie sehe. Sie hat auch ein paar recht brave Jungfern bei sich, die man sich nicht besser wünschen könnte. Die Eine davon ist ihre Base, die war schon oft bei ihr. Aber die andre hab ich noch in meinem Leben nicht gesehen. Das ist gar ein bildschönes fräulein, sie hat ein Gesicht wie Wachs, und Backen wie Milch und Blut. Ich meine, ich könne sie nicht genug ansehn, wenn sie in die Kirche kommt. Sie grüsst da die Leute so freundlich, und ist so andächtig, dass es einen in der Seele wohl tut. Sie soll von vornehmen Leuten sein, und tut doch gar nicht vornehm. Erst letzteren Sonntag sagte sie zu mir: Guten Morgen, Anne! und küsste meine kleine Katrine,