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als Musikus sehr gerühmt hatte, einmal hören möchte! Er versprach, das nächstemal seine Flöte mitzubringen; aber, sagte er zu Marianen, dafür singen sie heute eins. Sie liess sich nicht lang bitten, holte ihre Musikalien, und sang einige italiänische und deutsche Arien mit solcher Anmut, und mit so tiefer Empfindung, als sie im Konzert, wo die Menge von Zuhörern zurückhaltender macht, noch nie gesungen hatte. Drauf setzte man sich ins Grüne, und Siegwart muste, weil er eine angenehme und volle stimme hatte, Kleists Frühling vorlesen. Die Frauenzimmer hörten mit dem innigsten Anteil und herzlicher Aufmerksamkeit zu, und weinten zuletzt dem Andenken und der Asche des Dichters eine dankbare Träne; der schönste Lohn, den sich ein edler Sänger nach dem tod wünschen kann! – Ich mache mir jeden Frühling, sagte Siegwart, einen festlichen Tag, und lese erst Kleists Frühling, und dann die geschichte seines Lebens, und seines edlen Heldentodes. Ein süsseres Vergnügen kenn' ich gar nicht, als die Tränen des Dankes und der Rührung, die ich dann ihm weine. Die Frauenzimmer baten einmütig, dass er sein Leben vorlesen möchte! Er tats, und ward hundertmal durch seine eignen, und die Tränen der Frauenzimmer unterbrochen. Hierauf erzählte er die Nachricht von der edlen Gaussin in Frankfurt an der Oder, die ihm Hauptmann Nortern erzählt hatte, dass nämlich dieses Mädchen jährlich Blumen auf des Dichters Grab streue. O, wir wollens auch tun! sagte Mariane, sprang auf, pflückte Rosen, Geissblatt und andre Blumen. Karoline, ihre Tante, und Siegwart machtens nach; und an einem schönen, etwas erhöhten Platz, der einem Grabhügel ähnlich sah, streuten sie die Blumen aus. Hier will ich mich begraben lassen, sagte Frau Held. Karoline! und Sie auch, Mariane! besuchen Sie dann jährlich mit Ihrem Siegwart diesen Ort, und denken Sie an mich, und diesen Abend! – Alle wurden über diese Wendung des Gesprächs noch wehmütiger. Sie setzten sich auf die Blumen ins Gras. Frau Held fing an mit Bsgeisterung von der Ewigkeit und vom Wiedersehn im Himmel zu reden. Ach, so schloss sie, da werde ich auch den edlen Dichter sehen, und ihm danken!

Aber heute, sagte sie, indem sie aufstand, zu Marienen und zu Siegwart, heute haben wir Sie um einen schönen Abend gebracht. Wie wärs, wenn sie hier blieben, und im herrlichen Mondschein mit uns spatzieren gingen? Ich habe schon dafür gesorgt, versetzte Siegwart, und im Dorf da drüben ein Nachtquartier bestellt. Herrlich, herrlich! sagte Mariane, und gab ihm einen Kuss. Er ging nun mit ihr allein ins Wäldchen spazieren, und setzte sich wieder unter den Apfelbaum. Indem er sich setzte, flog aus dem nächsten Busch eine Grasemücke: Er sah in den Busch, und fand ein Nestchen mit fünf Eiern. liebes Mädchen, sagte er, wir wollen uns anderswo hinsetzen! Das arme Vögelchen wagt sich nicht auf sein Nest, und seine Eier werden kalt. Sie gingen weiter ins Gebüsch, und setzten sich unter eine Fichte, durch die die etwas laute Luft majestätisch, wie ein Strom rauschte. Hier zwitscherte ihnen eine Grasemücke ihren ungekünstelten Gesang vor. Horch! sie dankt dir, sagte Mariane, und sank ihm ans Herz. Eine selige Wehmut füllte ihre Seelen. Mariane lag in seinem Arm, und weinte vor Zärtlichkeit. Sie langte nach dem Schnupftuch, um die Tränen wegzuwischen. Siegwart hielt ihre Hand; nicht wegwischen! sagte er, ich muss sie wegküssen! Halbe Stunden lang sprachen sie kein Wort. Das Abendrot schien ihr durch die Hekken ins Gesicht. Die Sonne geht schon unter, sagte er, wir müssen zur Gesellschaft! Sie stunden auf, und gingen nach dem Garten. Siegwart brach von einem Rosenstrauch zwo Rosen ab, die auf Einem Zweig stunden. Er wollte sie voneinander reissen, um die Eine davon Marianen zu geben. Trenne sie nicht! sagte sie, sie sind ein Paar. Er steckte beide an ihren heiligen Busen, mit den Worten: so mögen sie denn miteinander sterben! Karoline und ihre Tante sassen vor dem Gartenhaus unter den Kastanienbäumen. Seid ihr glücklich? fragte Frau Held. Unaussprechlich! antwortete Mariane. So dass ich fürchte, setzte Siegwart hinzu, unser Glück ist gar zu gross! wir müssens bald verlieren! Da sei Gott vor! sagte Karoline. Sie gingen in den Gartensaal, und assen Erdbeeren in Milch. Wenn Mariane eine grosse fand, so legte sie sie mit dem Löffel auf Siegwarts Teller. Als sie die ihrigen eher aufgegessen hatte, so muste sie mit ihm essen. Erst gab er ihr einen Löffel voll, und dann nahm er den andern. – Der Mond wird wohl bald aufgehn, sagte die Tante, dort hinten wirds schon hell. Sie gingen in den Garten, und blickten immer gegen Morgen, wo der Mond aufging. Endlich ward ein Wölkchen ganz vergüldet; sie gingen an einen etwas erhöhten Ort, und stellten sich auf die Zehen, um den Mond sogleich zu sehen. Er kommt, er kommt! rief endlich Siegwart voller Freuden aus. Ja, er glänzt schon an Ihrem Hut, sagte Mariane. Nun kam er in seiner ganzen stillen Majestät herauf, und beglänzte den ganzen Garten. Die Blumen und Gewächse schimmerten im Tau, und verbreiteten ihren lieblichen Geruch umher. Karoline sah sehr traurig aus. Was fehlt dir, meine Liebe?