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Liebe, und des himmlischen Abends. Siegwart las seinem lieben Mädchen Teresens und Kronhelms Brief vor; sie freuten sich miteinander über das Glück der edlen, und phantasirten sich in gleiches Glück hinein, das ihnen einst begegnen würde. Unvermerkt steckte Mariane unserm Siegwart einen Ring an seinen Finger. Das ist für Klopstock, sagte sie, (den er ihr geschenkt hatte.) Siegwart war vor Freuden ausser sich, sah bald den Ring an; drückte bald sein Mädchen an sein Herz; küsste bald den Ring, bald sie, und wuste nicht, was er vor Entzücken und Dankbarkeit sagen sollte. Endlich sagte er, wie haben Sies doch so treffen können, dass der Ring so genau passt? Das macht man so, sagte sie; nahm einen Grashalm; wickelte ihn um seinen Finger, und brach den Grashalm ab. Ach, deswegen, rief er, wickelten Sie letztin mir den Grashalm um den Finger? liebes herrliches Mädchen, möchte ich doch deiner Liebe ganz würdig sein. – Sie sind es; Sie sind es! versetzte sie. Er sagte, dass er nun in acht Tagen Antwort von seinem Vater erwarte. Zwar sei er seines Beifalls, und seiner Einwilligung schon gewiss. Es sei bloss um des Ceremoniels willen.– Sie sassen da bis in die Dämmerung, und trafen Karolinen mit ihrer Tante an einem Rosenstrauch sitzend an, der seine Düfte um sie her verbreitete. Es kam unsern Siegwart schwer an, schon zu gehen, ob er gleich versprechen muste, morgen wieder zu kommen. Auf dem Wege nach der Stadt sann er hin und her, wie er ein Mittel ausfündig machte, nicht immer in der schönsten Zeit weggehn zu dürfen. Endlich beschloss er, auf dem benachbarten Dorf einen bauern zu suchen, in dessen Haus er übernachten könnte. Den Ring von Marianen drehte er immer am Finger hin und her; besah und küsste ihn alle Augenblicke. Seine Seele war ausserordentlich entwölkt, und ruhig; die Zukunft lag wie ein Frühlingsgefild vor ihm da; seine Phantasie zauberte sich und Marianen und alles Angenehme hinein.

Den andern Tag ging er schon um zwei Uhr wieder hinaus, in der Absicht, auf das Dorf zu gehen, und sich einen Aufentalt aufzusuchen. Unterwegs traf er einen bauern an, der eben auf das Dorf zuging. Siegwart redete ihn an, fragte ihn, ob er in das Dorf gehöre? und als der Bauer es bejahte, fragte er weiter, ob ein Wirtshaus im Dorf sei, oder ob er nicht sonst ein Haus wüste, wo er für Geld und gute Wort zuweilen schlafen könnte? Es ist wohl ein Wirtshaus da, antwortete der Bauer; aber weil Sie, wie ich sehe, so ein braver Herr sind, so können sie, um einen Schlafkreuzer für meine Magd, in meiner Hütte schlafen, so oft Sie wollen. Ich hab oben ein Stüblein, und ein Bett drinn. 's ist zwar ein Bissel hart, aber aufm Land, pfleg ich so zu sagen, muss man sich halt nach der Decke strecken. Was wir so im Haus haben, Milch und Butter und Eier, das steht Ihnen auch zu Dienst, wenn es anständig ist. Siegwart ging mit ihm auf das Dorf, um das Zimmer zu sehen. Es war reinlich, und frisch ausgeweisst. An der Wand herum hiengen Bilder von Heiligen, vom Kayser, von der Kayserin, vom Churfürsten und der Churfürstin; vom General Daun und Laudon. Das Bette war auch weiss und reinlich. Das ist ja fürstlich! sagte Siegwart. – Ja ja, versetzte der Bauer Tomas, die Herren haben eben so ihren Spass mit uns Bauersleuten. Nun, nun! die Freud kann man ihnen ja wohl lassen. – 's ist doch manchem Bauersmann wöhler, als den Leuten in der Stadt. Siegwart versicherte, dass er nirgends lieber sei, als auf dem Dorf. So oft ich hier schlafe, fuhr er fort, geb ich sechs Kreuzer, und, was ich esse, das bezahl ich besonders. Der Bauer weigerte sich lange, den Vertrag einzugehen, weil das wie er sagte, viel zu viel Geld wäre. Auf den Abend, sagte, Siegwart, komm ich; aber vielleicht etwas spät, weil ich zu meiner Base auf das Landhaus gehe. – So, zu der Frau Held? fiel Tomas ein. Ja ja, das ist eine seelengute Frau, die den Armen hier im Dorf viel Gutes tut. Sie kommt fleissig rüber in die Kirche, und bringt allemal der Armut etwas mit. Ei, Ei! So ist das Ihre Bas? Nun, da nimmt michs eben nicht Wunder, dass Sie auch so brav sind. Sagen Sies ihr nur, dass man sie im Dorf hier recht lieb hat!

Siegwart ging aufs Landhaus, das eine kleine halbe Stunde vom Dorf lag. Die Frau Held spielte gerad im Gartensaal auf dem Flügel. Er schlich sich leise hinein, um sie nicht zu stören, und setzte sich zwischen Karolinen und Marianen aufs Kanapee. Die Tante spielte mit viel Wahrheit und Ausdruck; unsre Liebenden drückten sich, bei jeder empfindungsvollen Stelle die hände und blickten sich oft mit Tränen der Zärtlichkeit an. Endlich, als die Tante sich umsah, wurde sie unsern Siegwart gewahr, und hörte auf zu spielen, um ihn zu bewillkommen. Man sprach etwas über die Musik. Frau Held äusserte den Wunsch, dass sie unsern Siegwart, den ihr Mariane auch