Menschen in dem goldnen Zeitalter. Die Tante erheiterte sie noch mehr durch ihren gesunden Witz, der oft in Empfindung überging, so dass das Auge, das eben erst gelacht hatte, hell von Tränen wurde. Sie sind eine vortrefliche Frau, sagte Siegwart, dass Sie den Liebenden so günstig sind, da sonst ältere Personen, vornehmlich von Ihrem Geschlecht, gemeiniglich auf das Glück jüngerer Personen neidisch sind. Lieber Gott! sagte sie, wie können sie doch das sein, da sie wissen, wis es ihnen ehemals war, und wie leid es ihnen tat, wenn sich jemand ihrer Liebe widersetzte! Nein, ich freue mich herzlich, wenn ich andre glücklich sehe, und tu alles, was ich kann, sie in ihrem Glücke zu befestigen. Ach Gott, wenn ich einen solchen Jüngling, wis Sie sind, in der Jugend hätte lieben dürfen, und man hätte mir diess Glück wollen rauben, was hätt ich von solchen Menschen denken müssen! Soll ichs jungen Leuten übel nehmen, dass sie Menschen sind, und dem Trieb des Schöpfers und der natur folgen? Freun Sie sich, meine Lieben, es werden auch trübe Tage kommen, ob ichs gleich nicht wünsche. Hier weinte sie. Sie waren also nicht glücklich, teure Frau? fragte Siegwart. – Nein, ich war es nicht, versetzte sie. Denken Sie! Im sechszehnten Jahr must ich einen Mann heiraten, den ich nicht kannte und nicht liebte. Gott hab ihn selig. Aber er war weiter nichts, als Regierungsrat und reich. Von Seelenliebe wust er nichts. Er glaubte, wenn man seine Frau in Gesellschaft bringe, und ihr Unterhalt verschaffe, seis genug. Kurz, er war, was wir im Deutschen nicht gut geben können, ein bon vivant. Seine Gesellschafter waren lustige Brüder, die bei einer guten Mahlzeit und einem guten Glas Rheinwein sich über einen kahlen Einfall, oft auch über Zoten, einen halben Abend fast zu tod lachen konnten. Ich indessen sass auf meinem Zimmer, hatte ein fühlendes Herz, das nicht fühlen sollte; denn ich gestehe gern meine Schwachheit, mancher edlen Seele schlug mein Herz zu, mit der ich glücklich hätte leben können. Aber ich muste das Feuer unterdrücken, das in mir auflodern wollte, und so verzehrte ich mich innerlich selbst. Traurigkeit und Schwermut nutzten meine besten Lebensgeister ab, dass ich vor der Zeit alt wurde. Meinen Kummer konnte ich keinem Menschen anvertrauen; nur Tränen, Bücher und am erstsn die Religion waren all mein Trost. Ganze Tage phantasirt ich weg, mit Aussichten in ein bessres Leben; und da half mir meine Einbildungskraft sehr. Ich schmückte meine Hofnungen so gut aus, als ich konnte, und ergötzte mich daran. Oft erhitzt ich meine Einbildungskraft so sehr, dass es meinen Nerven, die schon ohnediess stark gespannt waren, schadete. Ich las Dichter, Italiäner und Franzosen, die meine Phantasie noch mehr erhitzten; aber, lieber Gott, wenn das Herz nichts zu tun hat, dann nimmt man seine Zuflucht zu der Einbildungskraft. Erst vor kurzer Zeit lernt ich, durch meine Base hier, einige deutsche Dichter kennen, besonders den Klopstock; und da muss ich gestehen, hier ist freilich tausendmal mehr Nahrung für den Geist, mehr Wahrheit, mehr tiefgedachtes, und mehr tiefempfundenes; und jetzt les ich fast beständig deutsch. Aber noch vor ein paar Jahren sah man ja hier zu land kaum ein deutsches Buch, das man ohne Ekel lesen konnte. Genug, meine Lebenszeit strich hin, ohne mir oder der Welt Vergnügen zu gewähren. Mein Mann sah meinen stillen Gram, ohne mit zu fühlen, oder Anteil dran zu nehmen, und dann schmerzt das Elend doppelt. Vor zwei Jahren starb er; nun bin ich schon so an die Einsamkeit gewöhnt, dass ich mich wenig mehr um die Welt bekümmre. Kinder hab ich nie gehabt; die hätten mir allein mein Elend noch erleichtern können.
Siegwart seufzte und ward ganz wehmütig bei ihrer Erzählung. Aber, sagte sie, Karoline, (so hies Marianens Freundin,) wir müssen unser Pärchen auch allein lassen. Wollen Sie vielleicht spatzieren gehen, Mariane? oder sollen wirs tun? Mariane stand auf, und lächelte. Die Tante ging an ihren Flügel, und Siegwart mit Marianen durch den Baumgarten nach dem Wäldchen. hören Sie, sagte Mariane, was die arme Frau für ein trauriges Adagio spielt! Ich bedaure sie recht herzlich, denn sie hat unendlich viel ausgestanden. Hysterische Zufälle, und ihr kummervolles Leben, setzten ein paarmal ihrem verstand hart zu, und da nahm die Verleumdung Anlass, ihr allerlei Böses nachzureden; aber, weis Gott! sie ist die beste Frau auf Gottes Erdboden, in der kein böser Blutstropfen rinnt! Es geht immer so, sagte Siegwart, je besser und vollkommener man ist, desto mehr hat man Neider, und wird misverstanden. Ich wollte auch in ihre Seele schwören, dass nichts böses an ihr ist. Sie hat mich ganz bezaubert.
Sie setzten sich auf eine Rasenbank, die unter einem dickbelaubten Apfelbaum sehr glücklich angebracht war. Um sie herum düftete in der, nach und nach herannahenden Abendkühle das Geisblatt. Auf einem Baum vor ihnen hatte ein Eichhörnchen sein Nest, wo es bald heraus, bald hinein schlüpfte, und oft, als ob es neugierig wär herabsah. Sie belustigten sich lange an seinen possirlichen Sprüngen und Wendungen; drückten sich dann wieder fest ans Herz, und freuten sich ihrer