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nach Wunsch. Meinem Vater hab ich nun auch geschrieben, und in höchstens vierzehn Tagen hab ich Antwort. Lieber Engel! ach, wir müssen glücklich werden! – Lieb und Seligkeit umschwebte nun wieder unser keusches Paar. – Was macht Ihr Finger? sagte sie nach einiger Zeit. Ist er wieder heil? Sie haben ja nicht mehr den Tafft drauf, den ich Ihnen gab. Hier ist er, sagte er, und zog seine Brieftasche heraus; das ist mir ein Heiligtum, das ich bei mir tragen werde, noch im Grab. Und ich dieses, sagte Mariane, und zog ein weisses Schnupftuch aus der tasche, auf dem ein Tropfen von seinem Blut war. Diesen Blutstropfen hab ich aufgefangen; das Schnupftuch geb ich nie aus meiner Hand; auch solls nie gewaschen werden. – liebes, liebes Mädchen! rief er aus, und drückte sie ans Herz. Dieser Tropfen hat einst dir geschlagen; jeder andrer soll dir schlagen; bis ich tot bin! – Sie nahmen hierauf Verabredungen wegen Marianens Reise aufs Land. Sie sagte, dass sie schon mit ihrer Freundin drüber gesprochen habe. Diese woll ihn Einmal einladen, damir er mit ihrer Tante bekannt werde, und dann könn' er ohne Anstand alle Tage kommen, denn die Tante sei die billigste und munterste Frau, und werde ihn selber fleissig zu sich bitten. Dieser Abend schloss sich für unsern Siegwart ausserordentlich vergnügt. Er ging, mit tausend Küssen, und Versicherungen ihrer Liebe erst in der Dämmerung von Marianen und ihrer Freundin weg, und war so frei von aller Furcht, so voll ruhiger Freude, als er noch nicht leicht gewesen war.

Ein paar Tage drauf bekam er, von Steinfeld aus, Briefe von Kronhelm und Teresen, die von nichts als Zufriedenheit und innigem Vergnügen seiner Freunde zeugten. Kronhelm berichtete ihm die Ankunft seines treuen Dieners Marx, und die Freude, die dieser über sein Glück gehabt hätte. Auch erzählte er ihm Kunigundens Abschied. Sie sei nämlich noch vor seiner Ankunft bei Nacht und Nebel von Steinfeld abgegangen, und habe ziemlich viele Kleidungsstücke und Kostbarkeiten mitgenommen, die er ihr auf den Weg schenken wolle. Jetzt sei sie in Augsburg eine Art von Hurenwirtin. Dann fragte er ihn nach Marianen, und ermunterte ihn, guten Mut zu fassen; sein Onkel werde ihm gewiss eine anständige Bedienung verschaffen; daher soll er unverzüglich seinem Vater schreiben, und die Rechte zu studieren anfangen u.s.w.

Teresens Brief war voll von Lobeserhebungen ihres Kronhelm; voll Freude über ihr glücklichstes Schicksal, und über ihre jetzige Lage. Zugleich machte sie eine ausführliche Beschreibung von der Einrichtung ihrer Lebensart in Steinfeld; und schloss mit der Nachfrage um sein eigenes Schicksal, und schrieb eben das von Marianen, was ihm schon ihr Mann geschrieben hatte.

Noch dieselbe Woche ging der Hofrat Fischer mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter ins Bad, und einen Tag drauf reiste Mariane zu ihrer Freundin, aufs Land. Gleich zwei Tage drauf erhielt Sisgwart von dieser und von ihrer Freundinn eine hösliche schriftliche Einladung, welcher Mariane etliche Zeilen beisetzte, die voll Zärtlichkeit und Liebe waren. Er ging gleich denselben Tag hinaus, und traf seine Mariane, ihre Freundin, und die Tante vor dem Landgut in einer Allee von Fruchtbäumen mit Kleists Frühling in der Hand an. Alle drei Frauenzimmer bewillkommten ihn mit der grössten Freude. Das Betragen der Tante, die Frau Held hiess, nahm ihn ganz ein. Sie war ungefähr 55 Jahre alt. Ihr Gesicht war sehr regelmässig, und zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit. Ihr blaues Auge war etwas trüb, und verriet Hang zur Melancholie. Einige Züge zeigten, dass sie oft geweint, und manchen stillen Kummer getragen haben muste. Jetzt war ihr Gesicht zwar heiter; aber doch verriet es immer noch Anlage zur Schwärmerei und Wehmut. Ihre Reden zeugten von gleich viel Verstand, und Empfindung. Nur die letztere schlug noch zuweilen vor. Ich habe viel Gutes von Ihnen gehört, sagte sie zu Siegwart. Sein Sie mir vielmals willkommen! zwingen Sie sich vor mir im geringsten nicht, und folgen Sie ganz Ihrer Neigung! Ich weis, wie Sie mit der Jungfer Fischern stehen, und es freut mich. Kommen Sie, Mariane, und geben Sie ihm ihre Hand! Ich kann mir vorstellen, was Sie fühlen müssen; ob ich gleich in der Liebe nie so glücklich war. Da ichs nicht sein konnte, möchte ichs doch andre machen können! –

Mariane drückte ihrem Jüngling seine Hand stärker, und sah ihm freundlich ins Gesicht. Hier ist herrlich leben, sagte sie, Gottlob, dass Sie da sind! Tante weis, wie viel wir von Ihnen schon gesprochen haben. Die Gesellschaft ging nun miteinander in den Garten, der sehr reizend angelegt war. Statt der vielen toten und einförmigen Heckengänge waren Alleen von Apfel- und Kirsch- und Nussbäumen angelegt. Der Garten war in vier Hauptteile abgeteilt, die mit Küchengewächs bepflanzt, und mit schmalen Strichen, in denen Blumen aller Art stunden, je nachdems die Jahrszeit mit sich brachte, eingefasst waren. Hinten stunde ein schöner Gras- und Baumgarten, der sich in ein schönes, büschichtes Wäldchen endigte, wo Amseln, Drosseln, Nachtigallen und Zaunkönige durcheinander sangen. über dem steinernen und simpeln Gartenhaus, das einen grossen Saal hatte, wölbten sich ein paar wilde Kastanienbäume, die angenehme Kühlung und Dämmerung herabgossen. In dem Saal setzten sie sich, und assen frische Milch, glücklich wie die