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von der Liebe unsrer jungen Leute manches wisse. Siegwart und Mariane kamen oft in die gröste Verlegenheit, und wussten nicht, was sie sagen sollten. Ihr älterer Bruder musste seiner Frau immer Recht geben, weil sie ihn beständig ansah, wenn sie etwas vorbrachte. Sie affektirte eine lächerliche Liebe gegen ihn und wich nicht von seiner Seite. Oft wurden ihre Anspielungen so deutlich, dass Siegwart ein paarmal rot wurde.

Endlich empfahl er sich, weil er wohl sah, dass das Paar nicht vor ihm gehen wollte. Er war über das, was vorgefallen war, aufs neu in der grössten Beängstigung, und stellte sich schon wieder tausend traurige Begegnisse in seiner Liebe vor. Noch denselben Abend schrieb er in der heftigsten Bewegung einen Brief an Marianen, worinn er ihr alle seine Besorgnisse entdeckte, und sie um Gottes willen bat, ihm treu zu bleiben. Zugleich bat er sie um Nachricht, wie er sich verhalten sollte? Den andern Morgen war er sehr bekümmert, wie er ihr den Brief zustellen könnte? Und endlich, als er keinen andern Weg sah, gab er den Brief ihrem Mädchen, die er auf der Strasse antraf, und sagte ihr, er habe diesen Brief geschickt bekommen; sie möchte ihn ihrer Jungfrau diesen Morgen noch, und allein geben! Nun war er wieder etwas ruhiger.

Endlich entschloss er sich auch ernstlich, seinem Vater zu schreiben, ihm seine Liebe zu entdecken, und ihn um die erlaubnis zu bitten, dass er nun Jura studieren dürfte! Er schrieb dieses alles mit grossen Ausholungen und Umschweifen, oft mit vieler Rührung, und bat seinen Vater inständig, seine Liebe nicht zu verdammen, oder für leichtsinnig zu halten. Er habe seinen Entschluss erst nach vielen Kämpfen gefasst, weil er befunden habe, dass er im Kloster und ohne Marianens Liebe nie glücklich werden könne. Marianen schilderte er ihm, mit aller Begeisterung eines Liebhabers, und doch wahr ab, und schloss mit der Bitte: Ihn recht bald durch einen Brief aus seiner Ungewissheit zu reissen.

Wegen Marianen war er sehr besorgt. Sie hatte seinen Brief nun schon drei Tage, und noch hatte er keine Nachricht von ihr. Am Fenster sah er sie zwar täglich, und sie sah auch sehr heiter aus, aber die Ungewissheit, in der er, wegen der letzteren Begebenheit im Garten, schwebte, quälte ihn doch sehr. Endlich kam am vierten Tag ihr Bruder zu ihm, und sagte, seine Schwester würde den Nachmittag in den Garten ihrer Freundin gehen; er möchte auch hin kommen. Um vier Uhr kam er. Mariane war sehr freundlich. Sie haben sich unnötige Besorgnisse gemacht, sagte sie, als sie allein mit ihm in der Laube sass; meine Schwägerin konnte aus dem, dass Sie bei mir waren, nichts schliessen, da mein Bruder mit dabei war. Um ihre Sticheleien bekümmre ich mich wenig, da Sie durch den neulichen Vorfall mit meinem Bruder sehr viel in der Gunst meines Vaters gewonnen haben. Und überhaupt, auf mich können Sie sich verlassen. Mein Herz bleibt ewig Ihr, und auch meine Hand soll kein andrer haben. Sie kennen mich noch nicht genug, was ich zu tun im Stand bin. Auf unsre gute Sache, und die Vorsehung dürfen wir uns auch verlassen. Das Mistrauen, glaube ich, kann Gott niemals leiden. Wenn der Mensch das seinige tut, dann tut gewiss die Vorsehung noch mehr das ihrige. So lang ich Ihre Liebe habe, bin ich zwar nicht unbekümmert, aber doch nicht mutlos und unruhig. Ich hoff, es wird alles noch recht gut gehen. Sie haben mir einen lieben zärtlichen Brief geschrieben; aber, bester Siegwart, er war viel zu ängstlich; und dannerlauben Sie mir, es zu sagen! – Die Art, wie ich ihn erhalten habe, war mir nicht die angenehmste. Sie gaben ihn meinem Mädchen. Es ist ein gutes Ding, dem man auch wohl etwas anvertrauen kann. Es hat auch unsre Liebe längst gemutmasst, und verschwiegen. Aber Dienstboten zu Vertrauten brauchen, scheint mir nicht sehr tunlich. Man macht sich dadurch von ihnen abhängig. Sie glauben, wenn sie einmal ein geheimnis von uns wissen, unentbehrlich zu sein, und tun zu dürfen, was sie wollen. Wenn man sie des Diensts entlassen will, so trotzen sie; und tut mans nicht, so machen sie Klatschereien, und bürden ihrer herrschaft mehr auf, als wahr ist. Ich weis, mein Liebster! Sie nehmen mir diese Erinnerung nicht übel. Nicht wahr? – Siegwart fiel ihr um den Hals, und küsste sie mit Tränen. Er machte sich wegen seiner Zaghaftigkeit selbst Vorwürfe, und fühlte, dass ein Frauenzimmer, in Absicht auf die Liebe, mehr Unternehmungsgeist, und mehr edles Vertrauen hat, als ein Mann. Der Mann verlässt sich auf Stärke und aufs Geraddurchfahren, welches bei der Liebe wenig tut; das Weib baut auf Klugheit und Verschlagenheit, und tausend Weiberkünste. Bald werden wir uns recht geniessen können, sagte Mariane. In wenig Tagen geht mein Vater mit meiner Schwägerin ins Abacherbad bei Regensburg, und bleibt 5 oder 6 Wochen da. Ich gehe dann mit meiner Freundin aufs Land zu ihrer Tante, einer herzlichguten Frau. Das Gut liegt nur eine kleine Meile von hier, und Sie können täglich hinauskommen, wenn Sie wollen.–O, das ist herrlich! sagte Siegwart; da wollen wir ein Götterleben führen! Sie haben Recht; alles geht