nun günstiger sein, und sich seiner Liebe zu Marianen weniger widersetzen werde.
Den andern Morgen brachte er damit zu, dass er sich alle Auftritte des vorigen Tages wieder ins Gedächtniss zurückrief. Einigemal stunden ihm die Tränen in den Augen, wenn er überdachte, wie viel Unrecht seine Eifersucht Marianen getan hatte. Er beschloss, sich vor dieser Marter seiner selbst, und des geliebten Gegenstandes künftig recht in Acht zu nehmen. Nun sah er aber erst, wie sehr er seine Mariane liebe; wie so ganz unzertrennlich seine Seele von der ihrigen sei. Er hatte nun auch ihre Liebe ganz gesehen, mit welcher Sorgfalt sie sich um ihn bekümmre; wie genau sie auf jede Veränderung in seinen Gesichtszügen Acht gebe. Er fühlte das Glück, ihre Liebe, und ein solches Mädchen, zu besitzen, ganz, so dass seine Emfindungen fast immer zwischen Entzükken, Andacht, und Gebet geteilt waren.
Um elf Uhr kam Marianens Bruder zu ihm, und sagte: seine Schwester würde heute allein mit ihm auf seinen Garten gehen; ob er nicht auch hin kommen wolle? Siegwart nahm diesen Antrag, der ein Beweis seiner Dankbarkeit, und seiner Zuneigung zu ihm war, mit dem innigsten Vergnügen an; und ward durch dieses Zeichen seiner Liebe zu der grössten Offenherzigkeit verleitet, so dass er ihm die ganze geschichte seines eignen, und des Herzens seiner Schwester erzählte. Joseph nahm daran sehr vielen Anteil, und sagte: Er sei ganz für diese Liebe, und wünsche nur, es recht bald beweisen zu können. Von seiner Schwägerin, und seinem Bruder, sagte er selbst, wär am meisten zu befürchten, weil diese ihren Vater so sehr einzunehmen wüsste. Doch könnte man vor den beiden diese Liebe sehr wohl verborgen halten, weil sie wenig aus dem haus kämen, und vielleicht nähme gar seine Schwägerin bald ganz von der Welt Abschied.
Den Nachmittag um vier Uhr ging Siegwart, wie er bestellt war, nach dem Garten. Seine Mariane, sah so zärtlich, und so schmachtend aus, als er sie noch nie gesehen hatte. Sie nahm ihn gleich bei der Hand, führte ihn in eine Laube, und sank ihm in den Arm. Ihre Küsse waren feuriger, wie sonst; ihr Mund verweilte länger auf dem seinigen, und sog ganz seinen Atem ein. Er setzte sie auf seinen Schooss; drückte sie fest an sein Herz, und legte sein Gesicht an das ihrige. Keines konnte vor Empfindungen sprechen. Er küsste ihre Stirne, dann ihr Auge, und da fühlte er, dass es nass war, und küsste eine heilige Träne weg. So eine süsse, überirdische Empfindung hatte er noch nie gehabt. Er sah ihr mit der grössten, wehmütigsten Zärtlichkeit ins Auge; sie konnts nicht aushalten, und verbarg ihr Gesicht an seinem Busen. – Liebster, liebster Siegwart! Liebstes, bestes Mädchen! war alles, was sie sagen konnten. – Endlich kam Joseph, der indess auf dem Gartenhaus gelesen hatte, hurtig auf die Laube zugesprungen, und rief, der Bruder und die Schwägerin! Siegwart und Mariane sprangen auf. Joseph wollte wieder zurück. Bleib da! rief Mariane, und nun gingen alle drei nach der Gartentüre zu, wo das liebe Paar eben herein trat.
Das ist der Herr, sagte Mariane ganz entschlossen, der gestern unserm Joseph das Leben gerettet hat. Ei, sagte die Schwägerin, sind das der junge Herr Siegwart? Ja, mich deucht, ich habe Sie schon im Konzert gesehen. Siegwart machte eine Verbeugung, und betrachtete nun erst ihr Gesicht recht. Sie sah ausgezehrt, und eingefallen aus, und hatte ganz die gelbe Farbe des Neides. Ihre kleine, matte, graue Augen lagen tief; ihre Augenbraunen waren weiss, und fielen ins gelbliche, dass man sie kaum sehen konnte. Ihre Nase war spitz; ihr Kinn hervorstehend, und die Stirne niedrig, ohne Ecken, weil die Haare rund herum, tief ins Gesicht herein stunden. Sie ging vorwärts gebeugt, und der Kopf steckte tief in den Schultern. Ihr Herr Gemahl war ein langer, hagrer Mann, in dessen Gesicht man mehr Aengstlichkeit und Kummer sah, als Bosheit. Sind Sie nur so ganz allein hier, sagte die Schwägerin zu Marianen. Diese antwortete, ja; aber ihre Eltern würden vielleicht diesen Abend noch heraus kommen. Sie waren ja wohl gestern recht vergnügt, Jungfer Schwägerin? fuhr sie fort. Ja, ja, freilich, in so angenehmer Gesellschaft kanns nicht fehlen. Aber der Hofrat Schrager war nicht ganz vergnügt. – Mariane sagte: sie wüsste nicht, dass ihm jemand was zu Leid getan hätte. Je nu, fuhr die Schwägerin fort, wenn man eben den vierzigen näher ist, als den dreissigen, so ist man bei dem jungen Volk nicht mehr so beliebt. – Sie wollen ja ein Geistlicher werden, Herr Siegwart, wie ich höre? Ihre Zeit ist wohl bald herum! Mich deucht Sie sind schon lang hier? Siegwart sagte, dass er erst übers Jahr hier sei, und noch nicht fest entschlossen sei, was er studieren wolle! Es komm auf seinen Vater an. Ei, Sie werden ja der Kirche nicht untreu werden, sagte sie, werden Sie ja ein Geistlicher, das ist der beste Stand auf Erden. Hoffentlich wird Sie nichts irdisches davon zurückhalten. Mit diesen Worten sah sie Marianen spöttisch an, und machte noch zwanzig andre Anspielungen, die nur zu deutlich zeigten, dass sie