Herz zurück. Er sah die Falschheit seines Argwohns ein, machte sich selbst bittre Vorwürfe, und konnte eine Träne nicht verbergen, die ihm ins Auge schoss. Gern wär er an ihr Herz gesunken, und hätte sein beleidigtes Mädchen um Verzeihung gebeten, aber die vielen Gäste, die zugegen waren, hielten ihn zurück. Der, ihm verhasste Hofrat Schrager, zog sie nun zum Tanz auf. Es ward ihm kalt und warm, als er den Mann sah. Er tanzte, um seine Verwirrung zu verbergen, mit dem nächsten besten Mädchen, seiner Mariane gegen über. Sie tanzte ganz kalt, und nachlässig mit dem Hofrat, und warf zuweilen einen liebevollen blick auf ihren Jüngling. Als Mariane mit Dahlmund schwäbisch tanzte, setzte sich Siegwart allein in einen Winkel auf dem Saal, und hatte lauter traurige Gedanken. Mariane legte ihre linke Hand auf Dahlmunds Schulter, und flog so mit ihm auf dem Saal herum. Dieser Anschein von Vertraulichkeit kränkte seine zarte Seele tief, zumal da es sonst kein Mädchen auf dem Saal so machte. Er sah zwar nachher, dass dieses bei Marianen bloss Gewohnheit war, weil sie es bei jedem Tänzer ohne Unterschied so machte; aber es tat ihm doch im Herzen weh, dass die Geliebte seiner Seele auch nur scheinen sollte, ausser ihm mit einem Menschen auf der Welt vertraut zu sein. Er hätt es ihr so gern gesagt, aber er fürchtete, sie zu betrüben, oder in den Verdacht der Wunderlichkeit bei ihr zu kommen. Noch trauriger ward er bald darauf, als sie mit einem andern tanzte, der sie, wie ein Rasender herumriss, und mit ihr mehr flog, als sprang. Gott! dachte er, wenn ihr diese heftige Bewegung Schaden brächte, und ihre Gesundheit zerrüttete! Wie leicht könnte so ein Augenblick mein Liebstes rauben! Dieser Gedanke versenkte ihn immer tiefer in die traurigsten Vorstellungen, so dass ihm Tränen in den Augen standen. Sie kam nach dem Tanz zu ihm. Das ist schrecklich getanzt! sagte er; Sie glühen recht! und schien aufgebracht zu sein. Sie sah ihn wehmütig, und halb bittend an. Eine Träne drang aus ihrem Auge. liebes Mädchen, sagte er, und war bewegt; wie leicht könnten Sie sich schaden! Diese Vorstellung hat mich ganz traurig gemacht. Sie nahm ihn bei der Hand. Es wird mir hoffentlich nicht schaden, sagte sie; aber freilich war es scharf getanzt; ich dachte es selbst; nur kann ich nicht dafür. Ich tu's nicht gerne. – Nehmen Sie mir es nur nicht übel! sprach er; meine Warnung kam aus gutem Herzen. Sie sah ihn mit der grössten Zärtlichkeit an, und wär ihm gern ans Herz gesunken, um an seiner Brust zu weinen. Ein paarmal küsste sie ihn doch, weil ihre Eltern in dem Nebenzimmer sassen. Ich will sagen, dass ich mit Ihnen tanze, sagte sie, wenn mich wieder jemand aufziehn will. – liebes Mädchen! Weiter konnte er nichts sagen.
Man tanzte wieder französisch, und Siegwart tanzte nun auch mit den übrigen Frauenzimmern, und noch ein paarmal mit seiner Mariane. Erst um 2 Uhr ging die Gesellschaft auseinander.
Kurz eh man auseinander ging, entstand noch ein Streit zwischen einem Studenten, Namens Dieling, und Joseph, Marianens Bruder. Dieling war betrunken, und wollte schwäbisch tanzen, als die übrigen eben einen Gesellschaftstanz angefangen hatten. Joseph nannte ihn einen Menschen ohne Lebensart. Diess stieg dem betrunkenen Dieling zu Kopf; er holte seinen Degen, und rannte damit auf Joseph. Siegwart, der auf der Seite neben Hofrat Schrager stand, der eben weggehen wollte, riss diesem den Degen von der Seite, fing Dielings Degen auf, und schlug ihn ihm aus der Hand, dass er in das entgegen stehende Fenster flog. Nun kamen andre hinzu, und schafften den Betrunknen weg. Siegwart hatte sich nur etwas an dem Finger geritzt, und blutete. Joseph, der nun erst sah, wer sein Retter gewesen war, sank ihm in den Arm, und dankte ihm mit hundert Küssen. Mariane und ihre Eltern waren indess auch hinzugesprungen; sie ward todtblass, als sie Blut sah; er beruhigte sie aber gleich, indem er zeigte, dass er nur geritzt wäre. Sie sprang in ihrer Angst weg, um ein Stückchen Tafft zum Verband zu holen. Der Hofrat umarmte indess unsern Siegwart, und dankte ihm für die Rettung seines Sohns. Die Hofrätin weinte, und nannte ihn den Retter ihres Josephs, ihren zweiten Sohn. Indess kam Mariane wieder, die sich nun von ihrer ersten Bestürzung erholt hatte, und verband ihm selbst den Finger. Als Siegwart wegging, begleitete ihn Joseph noch bis auf die Strasse, umarmte ihn noch einmal, und sagte: Bruder, sag, was kann ich dir für diesen Dienst tun? Nichts! antwortete Siegwart in der Rührung; als dass du mein wahrer Bruder bleibest, und mir deiner Schwester Liebe gönnest! O das will ich! o das will ich! rief Joseph aus, ja du sollst Sie haben! wenn es auf mich ankäme, wär sie heute dein – Indem kam Marianens älterer Bruder aus dem haus, so dass er Josephs Worte noch gehört haben konnte. Siegwart erschrack, und ging weg. Dieser Umstand benuruhigte ihn sehr, weil er fürchtete, dass er üble Folgen für ihn und Marianen haben könnte. Doch richtete ihn der Gedanke wieder auf, dass vielleicht der Hofrat ihm