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Kronhelm will mir helfen, und im Baierschen ein Amt verschaffen. – Nun, das ist ja herrlich! sagte sie; nun bin ich ruhig. Meine Mutter machte mir den Einwurf: Sie würden ja ein Geistlicher, und ich wuste nichts darauf zu antworten. Er versicherte sie nochmals, dass er bald davon an seinen Vater schreiben werde. Und nun goss die Zärtlichkeit von neuem ihre Freuden über sie in vollem Maas aus; jeder Kuss war ein Tropfen aus der Schaale der Liebe, die nur keuschen Liebenden gereicht wird. Eine Nachtigall sass auf dem Zweig des nächsten Apfelbaums, und sang ihnen noch mehr Wollust ins Herz. Endlich kam auch Marianens Freundin zu ihnen. Diess störte sie in ihrer Freude nicht. Mariane gab ihrem Siegwart in ihrer Gegenwart Küsse, und blickte ihn noch eben so zärtlich an; denn ihre Freundin war mit ihr aufs innigste verbunden, und hatte ihr auch ehmals die geschichte ihres Herzens anvertraut. Sie sagte ihrem Siegwart, er möchte das nächstemal wieder ins Konzert kommen, zumal da es das vorletzte sei. Ihre Schwägerinn sei wieder krank, und könne also nicht auflauren. Dann sprachen sie wieder von Kronhelm und Teresen; und endlich ging Siegwart so selig und vergnügt wieder nach der Stadt, als er seit langer Zeit nicht gewesen war.

Zu Haus fing er sogleich einen Brief an Kronhelm und seine Schwester an, der aber, in seiner Freude, so unzusammenhängend ward, dass er ihn wieder zerriss. Nun dachte er ernstlich drauf, was er seinem Vater schreiben wollte? So fest er es auch beschlossen hatte, so ungern ging er doch dran, weil es ihm schwer fiel, seinem Vater ein geständnis zu tun, das sein zu zärtliches und ängstliches Gefühl lieber nie einer Seele eröffnet hätte. Daher schob er das Schreiben an seinen Vater von einem Tag zum andern auf. Oft hatte er es an einem Abend beschlossen, und unterliess es den andern Morgen, unter tausend, selbstgemachten, Entschuldigungen wieder. Wenn er Marianen sah, so dachte er, nun muss ich schreiben! Er fing zu haus an, war aber nie mit dem, was er geschrieben hatte, zufrieden, strich hundertmal aus, und zerriss dann das ganze Blatt wieder. Er hatte unendlich viele Bedenklichkeiten, dass er seinen Vater beleidigen, oder seine Gunst verlieren möchte, und machte sich selbst tausend Zweifel, die nicht wirklich waren.

Nach etlich Tagen erhielt er diesen Brief von Teresen:

Zärtlichstgeliebter Bruder!

Endlich sind alle Wünsche meines Lebens ganz erfüllt, und ich bin die glücklichste Frau des Besten aller Sterblichen. Vor zwei Tagen wurden wir getraut. O Bruder, Bruder, meine Freuden sind zu gross, als dass eine Zunge, oder eine Feder sie ausdrücken könnte. Ich kann dir nicht den Schatten von dem zeigen, was ich fühle. Genug, für mich hab ich keinen Kronhelms. Und ich hoffe, dass ihn Gott mir lange erhalten werde, denn er ist ein Segen der Welt. Täglich lern ich ihn mehr kennen, mehr bewundern und lieben. Täglich lern ich von ihm, und werde doch gewiss in diesem Leben nie auslernen. Seine Zärtlichkeit gegen mich ist unbeschreiblich. Unsre Seelen sind aufs engeste vereinigt und haben nur einen Willen. Doch, du kennst ihn ja selbst. Aber von seinem Lob möchte ich unaufhörlich reden, und du fassest so etwas am besten.

Bei der Hochzeit waren einige Freunde unsers teuren Vaters, der unaussprechlich heiter war. Auch meinen ehrlichen Prediger in Windenheim hab ich bitten lassen; er konnte aber, leider, wegen einer kleinen Unpässlichkeit nicht kommen. Vor fünf Tagen sind wir, ich und mein Kronhelm, bei ihm gewesen. Der gute Mann hatte eine unbeschreibliche Freude, die hellen Zähren stunden ihm in den Augen, und er gab uns einen so herzlichen Segen, dass ihn Gott gewiss erhören muss. Der geheime Rat ist mehr als mein zweiter Vater. Ich kann dir nicht sagen, wie liebreich er mir begegnet! Er nennt mich immer seine Tochter, und das tut so wohl. Auch grosse, nur zu grosse Geschenke hat er mir gemacht, an Juwelen, Diamanten, Perlen u.d. gl. Karl und seine Frau waren auch bei der Mahlzeit. Wie hat sich doch alles hier so wunderlich geändert! Sie wünschte mir so viel Glück, schmeichelte mir so sehr, dass ichs zuletzt fast überdrüssig wurde. Der geheime Rat will, der Papa soll mir gar kein Heiratsgut mitgeben. Er will, wie er sagt, Vatersstelle bei mir vertreten, und bat den Papa, ihm diese Freude zu gönnen, da er keine eigne Kinder habe. Darüber ist Karl ganz ausser sich vor Freuden.

Deinen Brief, liebster Bruder, haben wir mit vielen Tränen gelesen. Gott stehe dir bei, und mache dich mit deiner teuren Mariane glücklich! Mich deucht, du bist ein wenig zu furchtsam; wenigstens mein Kronhelm sagt, du seiest viel zu ängstlich. Fasse doch Mut! Eine solche Liebe kann kaum unglücklich werden. denke an unsre Liebe; welche Leiden wir ausgestanden haben, und wie glücklich wir nun sind! Vielleicht ist schon wieder hoffnung für dich da. Gott geb es! Ich bitte täglich für dich. Tausend Dank für dein Gedicht, wollte Gott, du hattest ein freudigeres singen können! Aber doch hat es uns sehr gefallen. Grüss deine Mariane in meinem Namen herzlich! – Ich will meinen Kronhelm fragen, ob er dir auch schreiben will? O Bruder, ich bin