vier Wochen wieder schikken; da krieg ich meinen Monatslohn. – Siegwart gab ihm zwei Gulden, und sagte, dass er sie ihm schenke. Der Kerl wollte das Geld nicht geschenkt annehmen, und liess sich erst dadurch beruhigen, dass ihm Siegwart sagte: Er sei seinem Herrn das Geld schuldig und wolle mit ihm abrechnen. Endlich nahm Marx mit Tränen Abschied.
Den folgenden Tag brachte Marianens Mädchen unserm Siegwart seinen Kleist wieder. Es war ein Papier um das Buch geschlagen, und als er es wegnahm, fiel ihm dieser Zettel in die hände:
Mein Allerliebster!
Entreissen Sie sich Ihrer Unruh! Es ist wieder hoffnung für uns da. Meine Mutter hat aufs neu mit mir gesprochen. Sie ist sehr für Sie, und versprach mir, alles, was zu unserm Besten dienen könnte, zu versuchen. Sie hat bereits mit meinem Vater gesprochen, und ihn so weit gebracht, dass nun wegen des Hofrats nicht weiter in mich gesetzt werden soll. Nur sollen wir behutsam sein, und unsre Rechnung nicht zu gewiss machen! Meine Hand soll gewiss kein anderer bekommen; das hab ich Ihnen schon so oft gesagt, und sag es hier auch schriftlich. Ich kann nicht glauglücklich machen wird. Bleiben Sie nur Gott und der hoffnung treu, mein Allerliebster! Ich wünsche sehr, Sie zu sprachen, denn ich hab Ihnen mancherlei zu sagen. Morgen geh ich mit meiner Freundin in ihren Garten, und da könnten wir uns sehen. Es ist, wenn Sie bei meinem Garten sich in das Gässchen rechter Hand schlagen, der fünfte Garten auf der linken Seite, mit einem schwefelgelben Häuschen. Sie können nicht leicht fehlen, und ich werde auch heraussehen. Schlag drei gehen wir hinaus, wenn das Wetter gut ist. Leben Sie wohl, mein Allerteurester! Bauen Sie auf meine Liebe und auf meine Standhaftigkeit; am meisten aber auf die Vorsehung, die unsre Herzen so fest vereinigt hat! Ich bin ihre, bis in den Tod getreue
Mariane Fischern.
Siegwarts Seele war durch diesen Brief, und die darin entaltne hoffnung wieder wie neu belebt. Er ging den andern Tag um halb vier Uhr in den Garten, wo seine Mariane schon seiner wartete. Sie empfiengen sich mit einem Entzücken, als ob sie Jahre lang getrennt gewesen wären. Mariane sah wieder so heiter aus, wie der Frühlingshimmel. Sie pflückte zwo Aurikeln von gleicher Farbe; gab die Eine ihm, und steckte die andre an ihre Brust. In Gegenwart ihrer Freundin war sie bis zum Mutwillen lustig, und hatte tauMädchen Kronhelms und Teresens glückliche geschichte, und meldete seinem Mädchen den Gruss seiner Schwester. Mariane ward über diese Erzählung noch munterer, und sagte, mit einem blick auf Siegwart: Standhaftigkeit und treue Liebe bleibt doch selten unbelohnt. Mit diesm Worten gab sie ihm ihre Hand, und ging mit ihm durch die Johannisbeerhekken einer dunkeln Geissblattlaube zu. In ihrem Schatten sank sie an sein Herz; er neigte sich herab, küsste sie auf ihre Stirne, auf ihre schöne Augen, und auf ihren Mund. Freudentränen stunden ihm in den Augen, wann sie ihren schmachtenden und liebevollen blick zu ihm aufschlug. Er lächelte; Sie auch, und fuhr ihm sanft mit der Hand über sein Gesicht. Er umschlang sie. Lieber, lieber Engel, sprach er, sind Sie wieder mein? Wollen Sie mein bleiben? Sie lehnte ihr Gesicht an eine Brust, und drückte seine Hand sanft. Oft sassen sie lange stillschweigend da; Gesicht an Gesicht geschmiegt; Er hörte ihren Atem, wie er erst langsam, nach und nach schneller und stärker ging, und zuletzt ein Seufzer ward. Dann drückte er sie wieder fester an sein Herz, seinen Mund an ihren Mund; sog ihren Kuss, und ihren sanften, reinen Atem ein. – Lieben Sie mich auch? fragte er ein paarmal ganz leise. O unendlich! antwortete sie, und ihr Auge, das so zärtlich und so frei ihn ansah, sagte, dass es wahr sei.
Ein paarmal blickte Siegwart zum Himmel. Der ganze Ausdruck seines Blicks war Dank. Gott, ach Gott! dachte er; wie unendlich hast du mich gesegnet! Alles, alles, was du meinem Wunsch auf Erden geben konntest, die ganze Welt in meinem Arm! Alles andre ist mir nichts; ist Staub! Lass mir nur Sie, nur Sie! Gott, ach Gott, nur Sie! Und dann drückte er sie wieder feuervoller an sein Herz. – Warlich! Eine solche Liebe muss die Freude Gottes, und die Lust der Engel sein! Lass zwei solche Liebende auf Erden auch getrennt werden! In der Ewigkeit eilen sie sich wieder zu, wo ewig keine Trennung sein wird! –
Lieben Sie mich auch? fragte sie nach einiger Zeit, ganz bewegt. über alles, über alles! gab er ihr zur Antwort. – Lieben Sie mich, Siegwart? fragte sie bald darauf, noch bewegter wieder. – Warlich! wie mein Leben; mehr noch, als mein Leben! antwortete er, und ward traurig. – Lieben Sie mich mehr noch, als das Kloster? fragte sie zum drittenmal. – Tränen stürzten ihm hier aus den Augen; ja, bei Gott! auch mehr noch, als das Kloster! rief er aus. Liebstes, bestes Mädchen! Ich will nächstens meinem Vater drüber schreiben; denn er weis noch nichts. Aber er hat nichts dagegen, davon bin ich überzeugt. Der geheime Rat von