Liebe,
Wie den Weidenzweig am Quell;
Oft war Euch der Himmel trübe,
Oft schien Euch die Sonne hell.
Stürme beugten oft Euch nieder,
Drohten Untergang und Tod,
Aber Ihr erhobt Euch wieder
Im erhellten Abondrot. –
Ach wie gern, Ihr Lieben, freute
Meine Seele sich mit Euch!
Wenn nicht ein Geschick mir dräute,
Eurem, nun verflossnen, gleich.
Drohende Gewitter drängen
Sich in schwarzer Nacht daher;
Dunkle Wetterwolken hängen
über meine Scheitel her.
Mit der ängstlichbangen Zähre
Steigt ein Seufzer aus der Nacht:
Dass der Tag auf ewig währe,
Der Euch jetzt so heiter lacht! –
Blickt aus Eurem Sonnenscheine
Mir den hellen Trost herbei:
Dass mein auge nicht ewig weine,
Und mich Lieb' auch einst erfreu!
Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, sagte man ihm bei seiner Nachhausekunft, dass ein fremder Bedienter nach ihm gefragt habe, der in einer Stunde wiederkommen wollte. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente sein, und was er bei ihm zu tun haben müsse? Er sann hin und her, und machte sich tausenderlei Einbildungen, ängstliche und angenehme. Nach einer Stunde kam der Bediente, und – siehe da! Es war Marx, den Kronhelm angenommen hatte.
O dass ich Sie nur wieder einmal sehe! fing er an. Ich bin weit und breit im Land herumgelaufen; können Sie mir nichts von meinem gnädigen Herrn sagen? – O ja, antwortete Siegwart. Er ist wohl auf, und nimms nächstens eine Frau. Gott sei Lob und Dank! rirf der Kerl aus, und sprang vor Freuden in die Höhe. Hab ichs doch immer gesagt: so einem braven Herrn kanns nicht übel gehen! Ja, Herr Siegwart, das war ein Jammer! Sie werden mir es kaum glauben. Da brachte man den alten Herrn auf einer Tragbahre heim. Das Blut lief aus Mund und Nase, wie ein Röhrkasten; und dabei schimpfte und fluchte er auf meinen gnädgen Herrn, dass ich mich kreuzigte und segnete. Es hiess, mein Herr sei verlohren, und man wiss' nichts von ihm. Man müss' ihn überall aufsuchen. Ich konnte das nun nicht begreifen, aber ich nahm den ersten besten Gaul im Stall, und ritt, wo die Mähre hin wollte, denn ich wuste – Gott verzeih mir es! – von meinem Herrn so wenig als der Gaul. Keine Seele wollt ihn gesehen haben, wo ich fragte. Ich rannte durch Hecken und Stauden, durch dick und dünn; alles nur umsonst. Endlich ritt ich nach drei Tagen recht betrübt, mochte nichts essen und nichts trinken, in Gottes Namen wieder heim. Da war nun der Lärm erst recht angegangen. Der alte Herr war abgesegelt. Es soll entsetzlich anzusehn gewesen sein, wie er geschimpft, dann wieder gebetet, dann geflucht hat, besonders auf meinen unschuldigen jungen Herrn. Die Augen soll er im kopf herum gedreht haben, wie ein Uhu. Er war ganz blau im Gesicht, und die Zung hieng ihm aus dem Mund heraus, sechs Zoll lang, dass alle Menschen im Dorf sagten, der Böse – Gott sei uns gnädig – hab ihn abgeholt. – Ja, wie ich eben sah, dass da nichts zu machen war; denn ohne meinen Herrn möchte ich gar nicht leben – und dass alles drunter und drüber ging – jeder packte ein, und die saubre Junfer Kunigund am meisten – da nahm ich eben in Gottes Namen meinen Bündel auf den rücken. Ich hätt einen Gaul aus dem Stall mitnehmen können, dass kein Hahn darnach gekräht hätt – aber ich bedanke mich dafür! Unrecht Gut g'rät nie gut! und ehrlich will ich bleiben, es mag gehen wie's will! Da ging ich eben auf gut Glück überzwerch ins Land hinein, und dachte: ich will meinen Herrn schon finden, wenn es Gotts Will ist. Freilich gings ein bisschen hart her. Die kaiserlichen Werber wollten mich mit Gewalt wegnehmen, weil ich keinen Pass hatte', und mir sechzig baare Taler geben; aber ich rankte mich hinaus; und weil ich meinen Herrn nicht auftreiben konnte, da fiel mir es erst ein, dass ich mich bei Ihnen Rats erholen wollte; Sie würden schon Bescheid wissen. Gottlob! dass ich auf den Einfall kam. Nun bitte ich gar schön, sagen Sie mir gleich, wo er ist? Dass ich mich morgen mit dem frühesten auf den Weg machen kann.
Siegwart sagte ihm, wo Kronhelm wäre. Ei, Ei! sagte er, das ist ein bisschen weit ohne Pass. Ich hätte wohl eine Bitte, ob Sie mir ein kleines Briefchen mit gäben, wo drinn stünde, dass ich ein ehrlicher Kerl sei. Ich fürchte die Soldaten, wie den Henker. Siegwart gab ihm einen kleinen Brief an Kronhelm, und ein offnes zeugnis seines Wohlverhaltens. Der Kerl küsste ihm die Hand – Aber, fuhr er fort, und kratzte sich hinter den Ohren. Nun hätt ich noch eine Bitte! Sie ist zwar gross, ich weis nicht, ob Sies mir nicht abschlagen? Sie wissen schon so, wie's auf Reisen geht! Das Geld ist mir eben ausgegangen, und da wollt ich ... Gut, gut! rief Siegwart, wie viel braucht Er? – O Herr, Sie sind auch gar zu gut, sagte Marx ganz bewegt. Ich dächte, wenn ich sechszehn Batzen hätt. Ich wollts Ihnen in