dich, du würdest mich betrüben. Er gestand es mir in der zärtlichen Vertraulichkeit, in der wir gestern Abend in der Laube beieinander sassen! Er kann und darf mir nichts verhehlen; ich verhehl ihm auch nichts; und was er mir sagte, war ja nur zu deinem Besten. Doch du kannst ihm nicht böse werden; wer das könnte, müste selbst bös sein. Ich freue mich unendlich, liebster Bruder, über deine Liebe. Mariane muss, nach dem, was mir Kronhelm von ihr sagte, ganz deiner Liebe wert, und ein Engel sein. O sei recht glücklich mit ihr; mache sie ganz glücklich, und lass deinen Traum vom Klosterleben fahren! Du kannst durch den geheimen Rat leicht ein gutes weltliches Amt im Baierischen kriegen. Wir wollen mit ihm drüber reden. Wenn doch alle Welt so glücklich wär, als ich und Kronhelm! Wenn doch du und Mariane es am ersten würden! Er sagte mir, Mariane sei mir gut. Das freut mich unaussprechlich; ich bin ihrs gewiss auch herzlich; – sag es ihr, und küsse sie in meinem Namen, und erbitt mir ihre teure Freundschaft! Vielleicht schreibe ich einmal an sie, wenn ich erst aus diesem Taumel von Seligkeit heraus bin; jetzt ist mir mein Kronhelm Alles in Allem, und er soll es ewig bleiben. – Eben ging er vor meinem Zimmer vorbei. Mein Herz schlägt ihm zu; ich muss aufhören. lebe wohl, teurer Bruder! nach der Hochzeit schreibe ich wieder. – Unser bester Vater ist so fröhlich, als ich ihn in meinem Leben nie sah. Er, und der vortrefliche Mann, der geheime Rat, sind immer beisammen, und begegnen sich wie Brüder. – Gott, wie glücklich hast du mich, und uns alle gemacht! lebe wohl, mein Geliebtester! Ich bringe meinem Kronhelm diesen Brief, und dann küssen wir uns wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel. lebe wohl! lebe wohl!
Deine
Terese.
Siegwart hatte bei dem Lesen dieser Briefe hundertmal absetzen müssen, denn seine Freude war zu heftig, und die Freudentränen stürzten ihm auf das Blatt hin. Eine Zeitlang vergass er seiner eignen Leiden drüber, und hielt sich selbst für glücklich, weil es die waren, die er so unaussprechlich liebte. Aber dann empfand er sein eigenes Unglück nur wieder desto stärker, wenn er die Kluft sah, die zwischen ihm und seinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke sah, die über ihm und Marianen hieng, und schon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im hellen Sonnenschein, auf der seine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern überschwenglich glücklich? Dann machte er sich selber wieder Vorwürfe: Gott, vergib mir diesen Unmut! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid und Misgunst! Lass mich über meiner Freunde Glück sich freuen, wenn ich schon für mich nicht glücklich bin! – Dann schrieb er ihnen diesen Brief:
Unaussprechlich teure Seelen!
Ihr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut sich Eures Glücks, das wist Ihr; aber meine Freude ist so düster, wie mein Schicksal. O Geliebteste, Gott segne Eure Liebe! Mach Euch zu den Glücklichsten auf Erden! Ihr verdient es. Wohl Euch, dass der Herr die Tränen abgetrocknet hat, die ich rinnen sah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe für euch aufgehen heist! Rosen müssen euch durchs ganze Leben blühen, und euch täglich einen Kranz geben, euer Haar damit zu schmücken. Euer Grab sei in einem Rosenwäldchen, wo ihr unter lieblichen Gerüchen einschlummert! Mir ist ein Cypressenwald gepflanzt, in dem ich weinen muss. Mich hat die Liebe wenig Tage nur gesegnet. Ich habe wenig Tropfen ihres süssen Zaubertranks gekostet; nun reicht sie mir einen Becher dar voll Wehmut. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand; nicht ihr Herz, denn das ist mein, und diess ist der Stab, an dem
Seid gesegnet, meine Lieben, seid gesegnet! Diess wünsch ich Euch, mit Tränen in den Augen. möchte ichs einmal können ohne Tränen! Aber, wie der Herr will, der mir Freuden erst gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebste Schwester, unsern teuren Vater, aber sag ihm nichts von meinen Leiden! dass nicht seine Freude düster, und umwölkt werde! Du bist mein Schwager, Kronhelm, und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machst meine Schwester glücklich, und sie lohnet dir mit ihrer Liebe. Ich wollt euch einen Brautgesang singen; aber Brautgesänge sollten freudig sein. Ich schreibe euch aber doch das Lied ab, ob ich gleich nicht sagen konnte, was ich wollte. Es kam doch aus brüderlichem Herzen. Ich will an eurem Hochzeittage für Euch beten, und mein Leid vergessen. Liebt Euch treu, und seid gesegnet! Diess ist alles, was ich wünschen kann. Betet auch zuweilen in Eurem Glück für Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebet der Glücklichen vermag viel. Betrübt Euch nicht zu sehr! Weine Leiden sind nicht ewig, und ich glaube an einen Gott, der unser aller Vater ist, auch wenn Er züchtiget. Hier ist noch das Lied. Ich bin ewig Euer Bruder
Xaver Siegwart.
Auf die Vermählung meiner teuren Schwester und
meines teuren Kronhelms.
Keimen sah ich Eure