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unser Vater! Send uns Mut, und Zuversicht und hoffnung! Hilf uns alles tragen, was du sendest! Sei du unser Vater! – Auf Einmal ward sein Herz leicht. Er sah in der ganzen Schöpfung nichts, als Seligkeit und Segen; fühlte ganz von Gottes Güte sich umflossen; war lebendig überzeugt, dass Gott kein geschöpf ganz unglücklich machen kann; dass alles, was er tut, zu unserm Besten abzweckt. Freudentränen flossen in die Träne des Elends. Er dankte Gott für alles, was er ihm gegeben hatte, auch für seine Leiden. – Voll sichrer Zuversicht und hoffnung ging er schlafen; und ward durch einen ruhigen und milden Schlaf erquickt. Am Morgen, als er aufwachte, betete er mit heisser Inbrunst für Kronhelms und Teresens Schicksal, und dann erst für sich und Marianen. – Endlich bekam er auch um zehn Uhr einen dicken Brief von Kronhelm. Mit dem Zittern der hoffnung und Erwartung und der Angst, brach er das Packet auf, und fand einen Brief von Teresen und von Kronhelm. Erst las er Kronhelms Brief:

Liebster, bester Schwager!

O dass ich endlich diesen Namen schreiben darf mit zuverlässigster Gewissheit! Jauchze laut mit mir, Geliebter meines Herzens! Der Herr hat weggenommen meine Leiden, meinen bittern Jammer! Hat in Freude sie verwandelt und Frohlocken. Hoch sei er dafür gepriesen bis in Ewigkeit! O Geliebter, sag, wo fang ich an die geschichte meiner grossen Freude? Dass sie mein ist, dass sie mein ist! Das ist alles, was ich sagen, was ich preisen kann.

Eben wollt ich fort in Günzburg. Ein Transport Rekruten, den wir noch erwarteten, hatte' uns länger aufgehalten. Da kam der Engel meiner Liebe, der mich retten sollte, und mir Freude bringen über Alles. Nein Onkel kam, der teure Gottesmann, und sagte, dass ich nicht sterben sollte, sondern leben; dass Terese mein sei, dass die Leiden sich geendigt haben mit dem tod meines Vaters. Gott sei seiner Seele gnädig! Er warf Blut aus nach dem Sturz vom Pferd, und starb. Dass Terese mein sei, diess, sonst nichts, konnte ich begreifen, und auch diess nur wenig. Nach drei Tagen sank ich ihr ans Herz, und glaubte zu vergehen. – O Bruder, wenn du fühlen kannst, was das heisse: Das zu finden, was man schon verlohren gab, so fühls! Ich weis nicht, ob ich lebe? Das nur weis ich, lieber, teu

In sechs Tagen wird uns, die wir lang schon Eins sind, auch des Priesters Hand vereinigen. O Schwager, dass du hier wärst, und mit uns dich freuen könntest! Freue dich mit Marianen! Du wirst auch glücklich werden; denn es ist nicht möglich, dass ein Mensch auf Erden unglücklich sei. Meine Terese wird dir auch schreiben. – Hier ist schon ihr Brief. Ich küss' ihn tausendmal. Bruder, nun sink ich wieder an ihr Herz. Sie sieht mich an; diess schreibe ich in ihrem Arm. lebe wohl, du Geliebtester! Freund, Schwager, Alles! lebe wohl! Ich bin ein Gott.

K.F. Kronhelm.

Teresens Brief, der in den vorigen mit eingeschlossen war, ist dieser:

Mein Herz, o geliebtester und bester Bruder, ist so voll von unaussprechlichem Entzücken, dass ich dir mit Worten wenig, oder nichts sagen kann. Mein Kronhelm ist seit vier Tagen hier, und wird in sechs Tagen ganz mein. In diesem Wort, o Bruder, liegt die Seligkeit von Jahrhunderten! Er kam an einem Abend, als ich mit dem besten Vater in der Laube sass. Ich ward in seinem Arm ohnmächtig, und sah, als ich wieder zu mir selber kam, ihn und seinen teuren Onkel vor mir. Ich wuste es schon, dass er nun auf konnte ich dem vortreflichsten von allen Menschen, seinem besten Onkel danken. Aber meine Worte waren nichts, gegen das, was mein Herz fühlte. Mein ganzes Leben ist nicht hinreichend, diesem Mann zu sagen, was ich ihm schuldig bin, und wie ich ihn über alles ehre. – Der ganze Abend war für mich, und für uns alle der wehmütigste, und seligste. Nun erfuhr ich erst, was mein Kronhelm noch um meinetwillen ausgestanden hatte. Gott! wie nah war ich dem Verderben, und so ruhig, weil ich nichts davon wuste! Wenn doch wir Menschen alles wüsten, welch ein Elend wärs um unser Leben! – Aber was der arme Jüngling um mich ausgestanden hat! Gott im Himmel weis, ich bin so vieler Liebe nicht wert. Nur anbeten kann ich ihn, und danken, und meinem teuren Kronhelm all mein Leben, jeden Atemzug in meinem Leben widmen. –

Könnt ich ihn doch so glücklich machen, als er es wert ist! Keinen andern Wunsch trag ich Gott in meinem täglichen Gebet vor. Hätt ich das Unglück gewust, das unsrer Liebe drohte, ich lebte nicht mehr; denn der Uebergang von solcher hoffnung in das tiefste Elend hätte mich getödtet. Und nun bin ich so ganz, so überschwänglich glücklich. O Bruder, du hast nie ein glücklicheres geschöpf gekannt, als mich. Würdest du doch eben so glücklich mit deiner Mariane! Ich kann dirs nicht verhehlen, dass ich um deine Liebe weis. Mein Kronhelm hat es mir erzählt.

werde ihm drüber nicht böse, ich bitte